An einem Nachmittag schlendert Sieglinde Zimmer-Fiene durch die Fußgängerzone von Hannover. Grelle Werbeplakate preisen rote Lackschuhe an, ein Bekleidungsgeschäft wirbt mit bunt gemusterten T-Shirts für 19,95 Euro, aus einer Parfümerie strömen ihr süße Düfte entgegen. Für Zimmer-Fiene ist die Fußgängerzone das, was für eine trockene Alkoholikerin ein Spirituosengeschäft ist. Vor ein paar Jahren noch hätte sie hier nicht allein entlanggehen können, ohne in einen Kaufrausch zu verfallen. Fast 25 Jahre war die heute 60-Jährige kaufsüchtig.

Es ist eine Krankheit, die kaum jemand ernst nimmt. Eine, die es bislang nicht in das sogenannte Diagnoseklassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation geschafft hat, weil sie nicht ausreichend erforscht ist. Und unter der doch überraschend viele Menschen leiden. Experten schätzen, dass fünf bis acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland kaufsüchtig sind. Tendenz steigend, auch wegen immer neuer, raffinierterer und personalisierterer Formen der Werbung. Kaufsüchtig sein bedeutet ganz grob gesagt: Jemand kauft wieder und wieder über einen langen Zeitraum deutlich mehr ein, als er braucht. Eine klare Trennlinie zwischen normalem und krankhaftem Kaufverhalten ist dennoch schwer zu ziehen.

Die Geschichte von Sieglinde Zimmer-Fiene beginnt Anfang der achtziger Jahre. Damals ist sie Ende 20 und mit ihrem ersten Mann verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Töchter. Zimmer-Fiene arbeitet als Rechtsanwaltsgehilfin. Restaurantbesuche, Spielzeug für die Kinder und schicke Kleidung können sie sich problemlos leisten. Im April 1984 erkrankt Zimmer-Fienes Mann an Krebs. Ein Hirntumor. Knapp acht Monate liegt er im Krankenhaus, weit weg vom Zuhause der Familie.

Der Kaufrausch, sagt sie, habe sich wie ein Orgasmus angefühlt

Zimmer-Fiene begleitet ihren Mann und lässt sich von ihrem Job vorübergehend beurlauben. Nur an den Wochenenden fährt sie nach Hause. Dann bringt sie ihren Kindern Spielzeug oder Süßigkeiten mit, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Für ihren Mann kauft sie Dutzende Handtücher und Trainingsanzüge, um ihm etwas Gutes zu tun. Für sich selbst immer mehr Kleidung. Es sind ihre ersten Schritte in die Sucht. Für die Einkäufe leiht sie sich Geld von ihren Eltern und der Bank. Ganz langsam häufen sich Schulden an.

Als ihr Mann stirbt, ist Zimmer-Fiene 29. Sie weiß nicht, woher sie die Kraft nehmen soll, allein für ihre Kinder zu sorgen. Kurze Glücksmomente erlebt sie nur noch beim Einkaufen. Das Kaufen versetzt sie in einen Rausch. Wie ein Orgasmus habe sich das angefühlt, sagt Zimmer-Fiene.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Die Jahre, in denen sich Sieglinde Zimmer-Fienes Einkaufstouren in Exzesse verwandeln, fallen in die Zeit, in der in Deutschland die Ladenöffnungszeiten abgeschafft werden. 1987 startet dann Deutschlands erste Teleshopping-Sendung. Einkaufen kann man jetzt rund um die Uhr. Die Werbeinvestitionen der Unternehmen steigen: 1985 liegen sie nach Angaben des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) deutschlandweit bei 15,9 Milliarden Euro. 1990 schon bei 20,2 Milliarden. Ende der neunziger Jahre etabliert Amazon das Online-Shopping in Deutschland.

Sieglinde Zimmer-Fiene fährt an manchen Tagen Schuhe, Bettwäsche, Blusen und Make-up im Wert von Hunderten, zu Spitzenzeiten sogar mehreren Tausend Euro im Kofferraum nach Hause. In die Wohnung trägt sie die Sachen erst, wenn ihre Kinder schlafen. Kleidungsstücke stopft sie noch mit Etiketten versehen in Schränke. Die Rechnungen versteckt sie in Blumenvasen.