Wer Bahn fährt, kann Erfurt kaum entgehen. Gemäß amtlicher Bezeichnung handelt es sich bei der Stadt um einen ICE-Knoten. Und tatsächlich: Wenn demnächst die Strecke gen München endlich durch den armen Thüringer Wald gebuddelt ist, verknoten sich hier die Linien von Malmö bis Mailand und von Prag bis Frankfurt.

In Erfurt wird also bevorzugt umgestiegen. Aber vielleicht haben Sie ja Glück und verpassen Ihren Anschlusszug. Dann nehmen Sie die Straßenbahn Nummer 3 Richtung Innenstadt, um sich dort einmal ordentlich erstaunen zu lassen. Schon nach zwei Stationen sind Sie da, wo die aus von Reutlingen bis Recklinghausen angekarrten Rentnergruppen kollektive Schnappatmung bekommen und Sätze in der Bandbreite von Ach-ist-das-entzückend bis Ah-hier-ist-unser-Soli-gelandet ventilieren.

Dass größere Teile der Altstadt Krieg und DDR überdauerten, ist zwei Umständen zu verdanken. Zum einen fielen hier die Bomben längst nicht so dicht wie anderswo. Zum anderen gelang es der SED-Bezirksleitung wegen des anschwellenden Protests der Bürger nicht, noch rechtzeitig ihre Vorstellungen von einer sozialistischen Musterstadt umzusetzen. Darum waren die Gildehäuser am Fischmarkt, wo Sie jetzt aussteigen, im Jahr 1989 zwar ebenso verfallen wie der Rest der Stadt. Doch immerhin standen sie noch (zum Teil seit der Renaissance). Inzwischen ist alles derart durchrestauriert, dass man an lauen Sommerabenden kaum weiß, ob man sich in Thüringen oder in der Toskana befindet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Am schönsten erleben Sie diesen Effekt auf der nahen Krämerbrücke, einer mit Fachwerkhäusern bebauten, kopfsteingepflasterten Miniatur-Ponte-Vecchio, wo sich hervorragend ein entspanntes Glas Traminer von der nahen Unstrut leeren lässt. Am östlichen Brückenkopf befindet sich die Ägidienkirche, von deren 33 Meter hohem Turm Schwindelfreie feststellen dürfen, dass Erfurt auch als Konfessionsknoten durchginge. Jemand hat mal ausgerechnet, dass die Stadt mehr Kirchen als Geldautomaten besitzt. Um die 30 von ihnen stehen allein in der Innenstadt, wobei die Katholiken mit ihrem dominanten Dom die Lufthoheit besitzen.

Das ist ein Widerspruch in einer eigentlich protestantischen Gegend, die in 40 Jahren DDR nahezu säkularisiert wurde. Und man begegnet ihm überall, ob nun auf dem Domberg oder im Augustinerkloster, wo Luther als Mönch lebte und Benedikt XVI. predigte.

Die Stadt, die Jahrhunderte vom Mainzer Erzbischof fremdregiert wurde, nur um dann an die Preußen zu fallen, suchte lange ihre Identität. Zwischendurch schloss Napoleon auch noch die Universität, die damals die älteste in Deutschland war, während der Kleinstfürst im benachbarten, nicht einmal halb so großen Weimar seine Goethes, Schillers und Herders päppeln durfte.

Aber Ärford, wie man hier sagt, hat zurückgeschlagen. Die Universität wurde wiedergegründet und ein Bistum in der Diaspora errichtet. Zudem sitzt nun in der vormaligen Kurmainzischen Statthalterei, die auch eine Besichtigung lohnt, mit Bodo Ramelow der erste linke Ministerpräsident auf deutschem Boden. Man ist seit der Wende Landeshauptstadt und regiert jetzt dieses Kulturdorf Weimar mit. Das kompensiert einiges.

Ach so, fast vergessen: Bevor Sie wieder in den ICE steigen, steht noch die rituelle Verspeisung einer original Thüringer Bratwurst mit original Erfurter Senf an. Die beste gibt es am Grill an der Schlösserbrücke, da kommen Sie auf dem Rückweg zum Bahnhof eh vorbei.