Matteo de Nora aus Monaco litt gewaltig. Nach einem Autounfall quälte den Unternehmer ein unerträgliches Pfeifen im Ohr. Weltweit konsultierte er wegen dieses sogenannten Tinnitus Spezialisten. Auch am Universitätsklinikum Regensburg unterzog sich de Nora einer Behandlung. "Wir konnten ihm leider ebenfalls nicht helfen", sagt der Neurologe und Psychiater Berthold Langguth. Dennoch war der Monegasse von der Arbeit der Regensburger Ärzte beeindruckt: Mit zwölf Millionen Euro unterstützte er ihre Forschung und gründete gemeinsam mit Langguth die Tinnitus Research Initiative, die Wissenschaftler in diesem Forschungsfeld weltweit vernetzt.

Das war vor zehn Jahren. Seither haben Grundlagenforscher immer mehr Erkenntnisse darüber gewonnen, was sich beim Tinnitus abspielt. In absehbarer Zeit könnten sich daraus wirksamere Behandlungsmethoden ergeben, davon ist zumindest Langguth überzeugt.

Fast drei Millionen Menschen in Deutschland haben nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga dauerhaft ein Ohrgeräusch. Einige finden das nicht schlimm, sie können es weitgehend ignorieren. Mehr als die Hälfte der Betroffenen fühlen sich vom Tinnitus jedoch beeinträchtigt, manche so sehr, dass sie daran verzweifeln. Diese Menschen können sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren, leiden unter Schlafstörungen und rutschen womöglich in eine Depression. Ärzte hatten lange Zeit geglaubt, der unerträgliche Phantomton entstehe im Innenohr. Aber das Geräusch bleibt selbst dann bestehen, wenn der Patient ertaubt und der Hörnerv komplett durchtrennt ist, der das Innenohr mit dem Gehirn verbindet. Bilden sich die Betroffenen das Pfeifen oder Rauschen also nur ein? Oder gibt es eine körperliche Ursache für das quälende Geräusch?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Mithilfe bildgebender Verfahren konnten Neurowissenschaftler inzwischen nachweisen: Der Tinnitus entsteht nicht im Ohr, sondern im Gehirn. Er basiert auf einer Überaktivität bestimmter Nervenzellen in den Hirngebieten, die akustische Informationen verarbeiten. Wenn im Gehirn aufgrund einer Schädigung des Innenohrs weniger Signale ankommen, drehen Teile der Hörrinde bei Tinnitus-Patienten offensichtlich eigenständig ihre Empfindlichkeit für erregende Reize hoch. "Das ist wie bei einem Verstärker in einer leeren Halle, bei dem es eine Rückkopplung gibt", sagt der Hirnforscher Christoph Krick von der Universität des Saarlandes. Die Frage bleibt: Warum leiden die Menschen ganz unterschiedlich stark darunter?

"Persönlichkeitsmerkmale und psychologische Faktoren erklären nicht umfassend, warum manche mit dem Tinnitus relativ gut zurechtkommen und andere nicht", sagt Berthold Langguth. Auch die Lautstärke des Ohrgeräusches sei dafür nicht allein maßgeblich. Die Erklärung liegt nach Ansicht von Langguth unter anderem in unterschiedlichen neuronalen Mechanismen. Wie ein Betroffener den Tinnitus empfindet, ist vergleichbar mit dem Charakter von Schmerz: Je nachdem, wie und unter welchen Umständen Nerven gereizt werden, folgen unterschiedlich starke Schmerzempfindungen. Ähnlich führen verschiedene Nervenveränderungen womöglich zu verschiedenen Formen von Tinnitus und erfordern entsprechend sehr individuelle Therapiestrategien.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Bundesweit bieten viele Kliniken Behandlungen für Tinnitus-Patienten an. Die meisten Anbieter verfolgen einen verhaltenstherapeutischen Ansatz. So lernen die Patienten am Tinnituszentrum der Berliner Charité das Weghören. Dabei trainieren sie systematisch, ihre Aufmerksamkeit von dem störenden Geräusch abzuwenden und auf diese Weise den Ton zu überhören. Aufklärung, Entspannung, Hörtraining – all das helfe 80 bis 90 Prozent ihrer Patienten, sagt Chefärztin Brigitte Mazurek. Allerdings profitieren nicht alle gleich stark. Ein Problem, mit dem bisher sämtliche Therapieanbieter zu kämpfen haben. Es kommt offensichtlich darauf an, jeweils die richtige Mischung von verschiedenen Therapieansätzen zu finden.

Der Zusammenhang zwischen Stress und Tinnitus lässt sich inzwischen im Gehirn nachweisen. Normalerweise werden viele Hirnregionen aktiv, wenn sie Informationen aus der Außenwelt verarbeiten. Bei den Arealen des Default-Mode-Netzwerks verhält es sich genau umgekehrt: Sie werden aktiv, wenn der Mensch einfach nur entspannt die Gedanken schweifen lässt. "Im Gehirn von Tinnitus-Patienten sind nicht nur Veränderungen in den Hörarealen zu erkennen", sagt Christoph Krick vom Neurozentrum der Saar-Universität. "Man sieht auch, dass das Default-Mode-System nicht mehr anspringt."

Die Entspannung bleibt aus, das Wohlbefinden und die seelische Gesundheit sind beeinträchtigt. Zum Glück sind neuronale Veränderungen reversibel. "Das Gehirn ist nicht aus Beton, sondern sehr flexibel", sagt Krick. Weil es um Töne geht, die das Gehirn produziert, liegt eine "Umprogrammierung" des Gehirns mit Musik nahe. An der Universität Münster etwa spielte man Patienten im Rahmen einer Studie ein Jahr lang regelmäßig Musikstücke vor, aus denen exakt die Frequenz ihres Tinnitus herausgefiltert worden war. Die überaktive "Tinnitus-Region" wird akustisch geschont, während die umgebenden Nervenzellverbände gezielt stimuliert werden. Das Ergebnis: Die Aktivität in den fehlerhaft arbeitenden Gehirnstrukturen veränderte sich, bei vielen Probanden wurden die Geräusche leiser. Auf diesem Prinzip basiert auch die neue Smartphone-App Tinnitracks der Firma Sonomed, für deren Kosten inzwischen sogar einige Krankenkassen aufkommen. Unklar ist, wie lange der Effekt anhält.