Die Listen werden immer länger. Und immer gefährlicher. "Kauft nicht in diesen Läden!" heißen sie, oder: "Esst nicht in diesen Restaurants!" Es sind Boykottlisten, erstellt in deutschen Städten, von Anhängern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Erdoğans Unterstützer teilen die Listen bei Facebook und in WhatsApp-Gruppen. Sie rufen dazu auf, Firmen zu boykottieren, die angeblich der Gülen-Bewegung nahestehen: Friseure, Bauunternehmer, Restaurantbesitzer, Gemüsehändler, Ärzte.

Die Bewegung des muslimischen Predigers Fethullah Gülen wird von der türkischen Regierung für den Putschversuch gegen Erdoğan Mitte Juli verantwortlich gemacht. Nun werden Gülens angebliche und tatsächliche Unterstützer auch in Deutschland verfolgt: "Wir sind zur Zielscheibe geworden", sagt Erkan Köktas.

Köktas ist Vorsitzender des Unternehmervereins Fidan im Rheinland, er besitzt eine Druckerei in Düsseldorf und nennt sich selbst einen Gülen-Anhänger. Der türkische Wirtschaftsminister nennt Menschen wie ihn "Kanalratten", Erdoğan bezeichnet Gülen-Anhänger als "Krebsgeschwür".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Seit Jahren geht die türkische Regierung gegen Unternehmer vor, die im Verdacht stehen, die Bewegung des muslimischen Predigers zu unterstützen. Sie lässt Manager feuern, ordnet Razzien und besonders harte Finanzkontrollen an oder schickt staatliche Zwangsverwalter in Vorstandsetagen. Die Gülen-nahe Bank Asya ist schon seit Jahren im Visier der Machthaber, genau wie etliche Großkonzerne, etwa der Mischkonzern Boydak, der rund 14.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Nach dem Putschversuch hat nun eine groß angelegte Jagd auf Gülen-Anhänger begonnen. Zunächst wurden Tausende Lehrer, Beamte und Soldaten entlassen und verhaftet. Nun trifft es die Unternehmer. In den vergangenen Tagen haben die türkischen Behörden Firmen zwangsenteignet und geschlossen, prominente Firmenchefs und Funktionäre aus Handelskammern und Wirtschaftsverbänden wurden verhaftet. "Es wird kein Erbarmen geben", sagte Erdoğan. Sein Ruf hallt bis nach Deutschland.