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Es ist das Frühjahr 2017, in Deutschland läuft der Bundestagswahlkampf an, und Russlands Präsident Wladimir Putin kämpft mit. Mitten hinein in den Streit zwischen CDU und SPD über die richtige Russlandpolitik initiiert der Kreml ein deutsch-russisches "Friedensforum", das behauptet, die neue US-Präsidentin Hillary Clinton und Bundeskanzlerin Angela Merkel wollten Europa in einen Krieg gegen Russland steuern. Der Forderung des Forums, die Weltdominanz der USA zu brechen, schließt sich die AfD ebenso an wie die Linkspartei, ja sogar ein Teil der SPD.

In Sachsen und Thüringen sind T-Shirts mit "Putin, hilf uns!"-Aufdruck ein Verkaufsschlager, und die russlanddeutsche Partei Die Einheit erscheint jede Woche zu Demos vorm Kanzleramt. Nach dem Terroranschlag eines syrischen IS-Trupps auf einen Berliner Weihnachtsmarkt Ende 2016 setzt eine Welle von Austritten aus der CDU ein. Im Mai erklärt CSU-Chef Horst Seehofer seine Kanzlerkandidatur. Während in der Union daraufhin ein Flügelkampf entbrennt, veröffentlicht die Enthüllungsplattform WikiLeaks Mails von Merkel an Clinton, in denen sie ihr versichert, dass sie das TTIP-Abkommen schon "irgendwie" durch den Bundestag bekommen werde.

Alles abwegig? Übertrieben vielleicht. Aber in diese Richtung könnte es gehen. Der regierungsnahe Berliner Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik hat Mitte Juli eine Prognose veröffentlicht, der zufolge Russland im kommenden Jahr eine "facettenreiche Kampagne zur Diskreditierung Deutschlands" starten könnte. Die Merkel-Regierung, heißt es dort, könne innerhalb der EU "mehr und mehr in die Rolle eines Feindes gerückt werden".

Immerhin hat die russische Regierung sich auch in den amerikanischen Wahlkampf eingemischt: Die beiden Hackergruppen, die den kompromittierenden Mailverkehr der Demokraten abgefischt haben, arbeiteten nach Ansicht von Experten für den Kreml. Sozusagen als willkommener Service für Donald Trump, den Wladimir Putin lieber im Weißen Haus sähe als Hillary Clinton.

Auch in Frankreich ist Russland politisch aktiv und unterstützt den Front National mit Krediten. Die Frage liegt also nahe: Warum sollte Putin nicht auch die Entwicklung des stärksten Landes Europas, Deutschlands, beeinflussen wollen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Bis zur Ukrainekrise galt Berlin in Moskau als Partner, mochte der auch unbequem sein. Doch das ist vorbei. Es ist vor allem Angela Merkel, die innerhalb der EU darauf pocht, die Sanktionen wegen der russischen Annexion von Teilen der Ukraine aufrechtzuerhalten. Wie ließe Merkel sich schwächen? Durch populäre Attacken auf ihre Flüchtlingspolitik zum Beispiel.

Einen Vorgeschmack gab der "Fall Lisa" im Januar dieses Jahres, als die russische Regierung die vermeintliche Vergewaltigung einer Russlanddeutschen durch Flüchtlinge für die Propagandathese ins Feld führte, in Deutschland sei niemand mehr sicher. Prompt marschierten einige Hundert Russlanddeutsche vor dem Kanzleramt auf, und der russische Regierungskanal RT deutsch schnitt dramatische Bilder.

RT ist ein Schallverstärker für Moskaus Propaganda und schreckt nicht vor Lügen und Verschwörungstheorien zurück, um die liberale Demokratie als verkommen zu denunzieren. Sein Chefredakteur verbreitete etwa die wahrheitswidrige Nachricht, die Präsidentschaftswahlen in Österreich seien "gefälscht" gewesen und müssten deshalb wiederholt werden. Ebenfalls auf RT äußerte sich der ehemalige ARD-Reporter Christoph Hörstel: Die Immigration werde "als Waffe" gegen die Deutschen eingesetzt, und zwar "weil Washington das will". Und wieso? Weil es nur aufgrund dieses gigantischen Ablenkungsmanövers möglich sei, "Hochverratspolitik" zu betreiben wie beispielsweise den Abschluss von Verträgen wie TTIP und Ceta.

In dieser Woche brachen, unterstützt vom Medienpartner RT und gefeiert von russischen Medien, 250 "Friedensfahrer" von Berlin nach Moskau auf. Einer der Organisatoren ist der Geograf Rainer Rothfuß, der 2011 als Bürgermeisterkandidat der CSU in Lindau nominiert worden war. Ziel der Aktion ist es, sich "im Namen des deutschen Volkes für unsere teilweise abgrundtief verlogenen Politiker und Medien" und für das "Vergehen der Ausgrenzung Russlands aus der internationalen Politik" zu entschuldigen und Russland für seinen "essenziellen Beitrag zur Lösung des Syrienkonflikts" zu danken.

Solche Statements mögen Extreme sein, aber sie liegen nicht weit von einer verbreiteten Gefühlslage in Deutschland entfernt. Laut einer Forsa-Umfrage befürchteten im Frühjahr 2015 vierzig Prozent der Deutschen einen Krieg zwischen der Nato und Russland.

"Die Personen", erklärte Wladimir Putin im Jahr 2005 vor der Föderalen Versammlung in Moskau, "die unsere Ansichten teilen, sind recht zahlreich. Und wir werden natürlich weiter unseren Weg gehen, unsere Ansichten verteidigen und uns auf die Personen stützen, die diese Ansichten mit uns teilen, in Russland, in Frankreich und auf der ganzen Welt."

Gesagt, getan; Russland versucht seither beharrlich, unter anderem durch das internationale Redaktionsnetzwerk Sputnik, eine reaktionäre Unterströmung in den Westen zu exportieren. Ihre Ideologie läuft darauf hinaus, dass Ordnung der höchste Staatszweck sei. In dem Gesellschaftsvertrag, den Putin propagiert, einigen sich Regierende und Regierte darauf, dass Freiheit und andere Bürgerrechte nur in dem Maße gewährt werden, wie sie die Sicherheit und die sozialen Hierarchien nicht gefährden. In Zeiten von Terrorismus, Finanzcrashs, destabilisierenden Militärinterventionen und Massenmigration ist diese Ordnungsideologie im Westen marktfähig, viel marktfähiger womöglich, als es der Kommunismus je war, den Russland früher exportierte.

Der Sowjetunion trauert Putin wohl nicht nach. Vielleicht aber der Zeit, als Russland nicht bloß ein gewaltiges Flächenland war, sondern eine Chiffre für ein alternatives Gesellschaftskonzept.