Die Alternative für Deutschland (AfD) hat ein Antisemitismusproblem. Beschert hat es ihr Wolfgang Gedeon, AfD-Politiker und Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg. Mehrmals schon hatten Experten nachgewiesen, dass er antijüdische Feindbilder propagiert. Bislang allerdings legten die meisten Kritiker nur einzelne Textpassagen aus Gedeons Buch Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten zugrunde. Die Lektüre von Gedeons 2.300 Seiten umfassender Trilogie Die christlich-europäische Leitkultur ergibt jedoch einen noch klareren Befund: Das darin entwickelte Welt- und Geschichtsbild sowie die daraus folgende politische Programmatik sind rechtsextrem und antisemitisch. Doch handelt es sich mitnichten bloß um Verirrungen eines Querulanten, der von Mao über die Esoterik zu Gott gefunden hat. Was Gedeon in seinen Büchern ausbreitet, ist ein essenzialistisches Denken, das Gruppen Wesensmerkmale und unauflösliche Widersprüche unterstellt. Es ist für zahlreiche Repräsentanten der AfD typisch.

Gedeons dreibändiges Werk ist ein Versuch, in einem Gespräch über Gott und die Welt ein christlich-völkisches Weltbild mit rechtsradikalen Positionen in Einklang und gegen die moderne westliche Gesellschaft in Stellung zu bringen. Der Autor wählt als Textform einen Dialog zwischen seinem Alter Ego W. G. Meister und einer fiktiven Gerlinde Wolf. Diese Wahl erspart ihm jede Notwendigkeit zur Systematik. Anders als die von ihm gering geschätzten, weil unter "angloamerikanischem Einfluss" stehenden Wissenschaften, versucht Gedeon sich an einer "Schau vom Berg", mit der er "große Zusammenhänge" durch "philosophische Spekulation" erfassen möchte.

Will man herausfinden, wie judenfeindlich das alles ist, so muss man zunächst Gedeons Techniken der Immunisierung gegen den Antisemitismusvorwurf in den Blick nehmen.

Geschickt nutzt der Autor die Begriffe der wissenschaftlichen Debatte über die Spielarten der Judenfeindschaft. In der Forschung besteht ein breiter Konsens über die Existenz solcher Spielarten. Die Wissenschaft unterscheidet idealtypisch Antijudaismus, Antisemitismus und Antizionismus. Die Streitfragen kreisen vor allem darum, in welchen Kontexten unterschiedliche judenfeindliche Ausdrucksformen auftreten und in welchem Verhältnis diese Idealtypen zueinander stehen. Gedeon hingegen legt die engstmögliche Definition des Antisemitismus zugrunde, nach der dieser rassistisch begründet und pauschalisierend vorgetragen sein müsse. Da Gedeon sich von diesem Rassenantisemitismus distanziert, kann er nach seiner Logik frei von jedem Antisemitismusverdacht Sätze wie diese hinschreiben: "Jeder, der vorgibt, für Demokratie und Frieden einzutreten, muss sich heute gegen den Zionismus stellen: gegen den nationalstaatlichen Zionismus in Israel [...]; und noch mehr gegen den infiltrativen imperialistischen Globalzionismus, weil dieser [...] Frieden, Souveränität und Freiheit aller Völker dieser Welt bedroht."

Antisemiten wie Gedeon beherrschen das Wechselspiel von Übernahme und Ablehnung explizit judenfeindlicher Positionen. So distanziert er sich zuerst von der völkischen Bewegung aufgrund ihres Rassismus und Antisemitismus, dann jedoch präsentiert er wohlwollend ausgewählte Protagonisten aus deren Reihen. Den Nazi Horst Mahler beispielsweise porträtiert er zwar als Verfechter letztlich haltloser Positionen, doch auch als prinzipiell diskussionswürdigen Märtyrer. Eine weitere Methode Gedeons besteht darin, von Hobbyhistorikern vorgetragene revisionistische Thesen den Erkenntnissen einer gesamten Fachwissenschaft gegenüberzustellen, als handele es sich um gleichrangige Meinungen, und die Leser sodann aufzufordern, "sich ein eigenes Bild zu machen". Alles im Namen des Kampfes gegen vermeintliche Political Correctness, insofern ganz AfD-Mainstream. Der eklatanteste Fall ist Gedeons scheinheilige Diskussion über die Echtheit der Protokolle der Weisen von Zion, eines Schlüsseldokuments des Antisemitismus, in der er die absurden Auslassungen des rechtsextremistischen Theologen Johannes Rothkranz auf eine Ebene mit seit Jahrzehnten nachprüfbaren wissenschaftlichen Untersuchungen hebt.

Ganze Passagen, etwa über den "talmudischen Ghettojuden als inneren Feind des Abendlands", beruhen bis in einzelne Formulierungen hinein auf judenfeindlicher Basisliteratur. Auch die von Gedeon verwendete Figur des jüdischen Kronzeugen ist eine Agitationstechnik, die so alt ist wie die Judenfeindschaft selbst. In Wochenschau- Manier werden die jüdischen Zeugen seiner Verschwörungstheorien jeweils als "der Jude" eingeführt, etwa der amerikanische Historiker Yuri Slezkine, der zum Gewährsmann der Ideologie vom "jüdischen Bolschewismus" wird.