DIE ZEIT: Professor Blanchard, die Viruserkrankung Zika, die bei Neugeborenen Missbildungen hervorruft, hat sich von Brasilien auf mehr als 50 Länder ausgebreitet, auch in Florida stecken sich jetzt Menschen an. Hat Sie das überrascht?

Tom Blanchard: Nein, überhaupt nicht. Die Moskitos, die das Virus übertragen, lassen sich nicht von Landesgrenzen aufhalten.

ZEIT: Könnte das Virus auch nach Europa gelangen?

Blanchard: Natürlich, das tut es bereits über infizierte Reisende. Mückenarten, die als Überträger infrage kommen, sind in Europa bereits verbreitet, etwa im Süden von Italien und Spanien.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch, wann Ihnen das Zika-Virus zum ersten Mal begegnet ist?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Blanchard: Das muss im März vergangenen Jahres gewesen sind. In meiner Tropenmedizin-Sprechstunde saß ein Patient vor mir, der sich Sorgen wegen Zika machte. Ich hatte noch nie davon gehört und mir auch nichts dabei gedacht. Es gibt viele harmlose Moskito-Viren da draußen.

ZEIT: Wann wurde Ihnen klar, dass Zika nicht harmlos ist?

Blanchard: Als immer deutlicher wurde, dass es bei Babys Mikrozephalie verursachen kann. Ich habe dann eine Menge Stoff in kurzer Zeit gelesen.

ZEIT: Mittlerweile leiten Sie eines der größten Projekte in Großbritannien, um einen Impfstoff zu entwickeln. Kann man sich so schnell in ein solches Thema einarbeiten?

Blanchard: Nun ja, ich arbeite schon lange an einer Vakzine, die andere Erreger angreift, sogenannten Flaviviren. Völlig unvorbereitet war ich also nicht.

ZEIT: Da taucht ein Virus auf, von dem selbst Experten noch nie gehört haben. Binnen Monaten muss die Weltgesundheitsorganisation WHO einen globalen Gesundheitsnotstand ausrufen. Das ist schon ziemlich beängstigend.

Blanchard: Ja. Das ist es. Und es gibt viele andere Viren, die ähnliche Ausbrüche verursachen könnten und die niemand auf der Rechnung hat.

ZEIT: Da wirkt es erst recht beunruhigend, wenn das globale Warnsystem für Krankheitsausbrüche alle paar Tage einen neuen Alarm auslöst.

Blanchard: Natürlich. Viele dieser neu auftretenden Viren kommen aus wenig entwickelten Ländern, etwa aus Subsahara-Afrika. Dort gibt es sowieso schon viele Krankheiten – wenn dann noch ein neuer Erreger auftaucht, kann er zu einer echten Gefahr werden. Das hat vor allem mit dem armseligen Zustand vieler Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern zu tun. Dagegen müssen wir etwas unternehmen.

ZEIT: Dann kommt hinzu, dass Reisende und Waren global unterwegs sind, dass Menschen immer tiefer in bislang unbesiedelte Gegenden eindringen, wo sie dann mit bislang unbekannten Erregern in Kontakt kommen. Wird die Zukunft immer gefährlicher?

Blanchard: Es gibt tatsächlich immer mehr Menschen, die mit bislang verborgenen Erregerreservoirs in Kontakt kommen. Ebola und Sars sind wahrscheinlich von Flughunden auf Menschen übertragen worden. Übrigens: Es steht nicht in den Zeitungen, aber das Ebola-Virus ist noch immer in den Körpern vieler Menschen in Westafrika. Das könnte die Epidemie wieder aufflammen lassen. Deshalb muss die Überwachung des Erregers dort weitergehen. Wir leben sicherlich in schlimmen Zeiten, was das Auftreten neuer Infektionskrankheiten angeht. Aber ganz sicher nicht, wenn man sich anschaut, mit welchen Werkzeugen moderner Molekularbiologie und Immunologie wir ihnen begegnen können.

ZEIT: Nach dem Ausbruch von Ebola gab es eine Reihe von Konferenzen und Veröffentlichungen über die daraus gelernten Lektionen. Hat sich tatsächlich etwas verändert?