Wie Szenen aus ihren eigenen Filmen reihen sich die Anekdoten aneinander. Etwa die, wie die Schwestern von einer plumpen Anmache von Elvis ("I love your asses") genervt waren und ihn nach einem gemeinsamen Essen in Las Vegas mit dem Urteil "Der Junge ist gestört" ziehen ließen. Wie abwechselnd der verliebte Kaviarhändler, der verliebte Pralinenfirmenbesitzer und der verliebte Pernod-Erbe ihnen Rosen und Schmuck aufs Hotelzimmer schickten und ihnen anboten, nie wieder arbeiten zu müssen. Wie sie einen allzu hartnäckigen Verehrer im Urlaub auf die Frage nach ihrem Beruf mit dem Geständnis in die Flucht schlugen, ihre Millionärsgatten um die Ecke gebracht zu haben, um sich fortan ein schönes Leben zu zweit zu machen. Wie sie mit Tony Curtis und Burt Lancaster unterwegs waren, die sie wegen ihrer Unnahbarkeit "ice cream" nannten, und wie die Zwillinge sie im Gegenzug "hot dogs" riefen. Wie Plácido Domingo nach einem Abendessen mit Freunden an der Amalfiküste nur in Badehose bekleidet von einem Felsen aus eine Arie in die Brandung schmetterte, begleitet von Alice und Ellen als Chor, andachtsvoll hinter ihm niederkniend, mit schwarz-weißen Handtüchern als Nonnen verkleidet.

"Wir hatten doll Spaß", sagen die Kessler-Zwillinge über ihre Jahrzehnte auf Reisen zu Auftritten in ganz Europa, Amerika, Asien und Australien. Eng beieinander sitzen sie auf einem Sofa im Café des Hotels Bayerischer Hof in München. Auch heute noch sind sie auffällig attraktiv, es ist nichts Tantiges an ihnen, im Gegenteil. Wer Alice und Ellen Kessler kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag trifft, möchte sich intuitiv aufrichten. Gerader sitzen, den Körper spannen, um genauso wach zu wirken wie sie, frisch und bereit.

"Ist das jetzt schon für beide?", fragt die verunsicherte Kellnerin, nachdem sie vor jeder der Damen einen Fruchtsaft abgestellt hat. Ganz so, als müsste man für ein Zwillingspaar doppelt so viele Getränke heranschaffen.

Gleich groß, gleich blond, gleich schlank, sehen die Zwillinge zunächst tatsächlich aus wie geklont. Einer Halluzination gleich verschwimmen identische Augenpaare, Münder und Stimmen, wenn sie zu sprechen beginnen. "Die Leute haben anfangs oft Scheu vor uns", sagen sie gemeinsam, ihre Wörter vermischen sich, kommen gleichzeitig, als Echo der anderen oder durcheinander wie bei einem ewigen Kanon-Singen. Erst langsam werden sich im Gespräch zwei Personen herausschälen: Ellen, feines dunkles Baumwolljäckchen, beim Lächeln das etwas breitere Gesicht. Und Alice, neonrote Hose mit bunter Bluse, etwas zurückhaltender als ihre Schwester.

Seit acht Jahrzehnten teilen die beiden ihr Leben miteinander. Nicht mehr als wenige Wochen waren sie insgesamt je voneinander getrennt, seit mehr als sechzig Jahren stehen sie zusammen auf der Bühne. Seitenfüllend ist die Liste ihrer Filme, Fernsehshows, Schallplatten und Theateraufführungen in Deutschland und aller Welt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Es ist eine ausgestorbene Kunst, für die die Kesslers stehen. Als große Unterhalterinnen der alten Schule bildeten Tanz, Schauspiel und Gesang bei ihnen stets eine Einheit, die man so heute vielleicht nur noch bei Helene Fischer findet. Zuletzt waren die Schwestern im Musical zu sehen, im Udo-Jürgens-Stück Ich war noch niemals in New York standen sie bis vor wenigen Wochen in Berlin und Wien auf der Bühne.

"Wir haben immer unsere Arbeit gemacht", beteuern sie gleich zu Anfang, als hätte jemand sie nach ihrem Hausaufgabenheft und nicht nach ihrem Leben gefragt. "Wir sind Perfektionisten", "Man braucht Disziplin" – Sätze wie diese ziehen sich durch ihre Erzählungen, es ist der pragmatische Ton von Artisten, Arbeiterinnen, die das Schwärmen über ihre Kunst lieber dem Publikum überlassen, während sie selber hinter der Bühne unerbittlich weiter üben, bis die Nummer sitzt.

Ihre Filme heißen "Mein Schatz ist aus Tirol" oder "Heute Abend woll’n wir tanzen geh’n"

Am Ende saß immer alles. Auf YouTube, in endlosen vom Internet durcheinandergeworfenen Clips, zieht eine fehlerfreie Karriere vorbei. Hier tanzen Alice und Ellen durch die Jahrzehnte, anfangs noch in Schwarz-Weiß, dann in Farbe. Auf Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch singend, immer synchron. Es hat fast etwas Siamesisches, miteinander Verwachsenes, wie ihre Körper sich nebeneinander bewegen: jodelnd, pfeifend, hüpfend im Schlagerfilm Mein Schatz ist aus Tirol 1958. Hand in Hand schnippend, die Wespentaillen wiegend zu ihrem Song Heute Abend woll’n wir tanzen geh’n beim Grand Prix d’Eurovision ein Jahr später.

Im schwarzen Glitzerdress umrahmen sie Frank Sinatra 1965, 1972 Udo Jürgens am Klavier. Mit Zylindern, Glitzerkronen und Federumhängen geschmückt, sieht man sie in den Achtzigern Medleys aufführen. Talkshows, Gala-Abende, Interviews, Dokumentarfilme über ihr Leben füllen die neunziger und nuller Jahre. Hier ein Auftritt bei Inas Nacht, da eine Rolle im Tatort, Quando, Quando, begleitet von Ulrich Tukur am Klavier, die langen Beine in die Luft werfend wie früher.