An diesem kühlen, ziemlich bewölkten Sommertag in einem Berliner Café erzählt der Schriftsteller Boris Schumatsky von seinem Urgroßvater, der sich auf der Silvesterfeier 1937 im Kreml wegen einer Nichtigkeit mit Stalin gestritten hatte und wenige Tage darauf verhaftet und erschossen wurde. Boris Sacharowitsch Schumatsky, Revolutionär der ersten Stunde, enger Wegbegleiter von Trotzki, Lenin und Stalin, hatte es zum Leiter der sowjetischen Filmindustrie gebracht, als er einer der unzähligen und ziemlich anlasslosen Säuberungswellen zum Opfer fiel. Sein Enkel, Boris Schumatskys Vater, war zu diesem Zeitpunkt ein Säugling und sollte erst als Erwachsener vom Schicksal des Großvaters erfahren.

Seltsamerweise, obgleich er selbst schon über 50 sei, beschäftige ihn diese frühe Familiengeschichte sehr, sagt Boris Schumatsky. Er frage sich manchmal, ob er seine Herkunft auratisiere, um sich eine besondere Bedeutung herbeizudichten. Dann aber sage er sich immer, es sei ja keineswegs eine Erfindung, sondern die nackte Wahrheit, dass der Arm Stalins selbst zu ihm, dem Urenkel, hinüberreiche. Noch sein Vater war in der Sowjetunion offiziell gebrandmarkt. Als Mitglied einer volksfeindlichen Familie musste er, gegen seine künstlerischen Neigungen, einen technischen Beruf ergreifen und arbeitete wie schätzungsweise die Hälfte der sowjetischen Bevölkerung als Maschinenbauingenieur. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in schon fortgeschrittenem Alter, wurde er in Moskau Kunstkritiker. Sein Vater habe, erzählt Boris Schumatsky, sich so leidenschaftlich seinem zweiten Beruf hingegeben, als gelte es, das frühere, das falsche Leben zu überschreiben. Die in der Sowjetzeit dunkle, angstbesetzte und mythenumwobene Herkunft, die erst nach der Wende vollumfänglich ans Licht kam, sowie die Sehnsucht, der staatlichen Repression zu entkommen, hätten sich ihm, Boris Schumatsky, stark eingeprägt. Er sei, sagt er mit einem jugendlichen Lächeln, eben der Sohn von Volksverrätern.

Boris Schumatsky hat in St. Petersburg Kunstgeschichte studiert und ist in den frühen neunziger Jahren nach Berlin gekommen. Als freier, herumphilosophierender, der deutschen Literatur anheimgefallener Russe, für den es keine Grenze mehr zwischen Ost und West gab, für den die Welt wie ein Meer aus Möglichkeiten schien inmitten der Russendiscos, Bars und den linken, intellektuellen Zirkeln der Stadt. Er schrieb für Zeitungen und Zeitschriften über das neue Moskau und das neue Berlin und arbeitete fürs Radio. Deutsch, sagt Schumatsky, habe er in der Schule, vor allem aber im Selbststudium gelernt, durch beharrliches Lesen von Thomas Mann und Franz Kafka und die Gegenlektüre russischer Übersetzungen, bis die Sätze auch im Deutschen einen vollständigen Sinn ergaben.

Boris Schumatsky hat 1999 ein kleines Buch über seine Familiengeschichte veröffentlicht (Silvester bei Stalin), das die gewaltvolle Geschichte der Sowjetunion mit den Schicksalen innerhalb seiner Familie verschränkt, und jetzt gleich zwei weitere Bücher geschrieben: den Essayband Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin und den Roman Die Trotzigen. Mit dem Essayband, sagt Schumatsky, habe er sich großen Ärger eingehandelt. Wenig verwunderlich: Es handelt sich um eine glühende Abrechnung mit dem linken Milieu, das ihm in den ersten Jahren in Deutschland eine Heimat geworden war. Schumatsky berichtet in dem Buch von einer tiefen Entfremdung während des Ukraine-Konflikts. Er habe mit Bestürzung wahrgenommen, mit welcher Skepsis, ja Ablehnung seine Freunde zunächst der prowestlichen Revolution in der Ukraine begegneten und schließlich Putins Feldzug rechtfertigten. Er verspüre seither einen Hauch von Heimatlosigkeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Boris Schumatsky begreift den Blick vieler Deutscher auf Putin nicht nur als fatale Abkehr von den Idealen der Aufklärung, sondern als Folge einer Sinnentleerung, die sich im wohlstandsverwöhnten Westen eingenistet hat. Die Revolution hat eine Leidenschaft und einen Wagemut aufblitzen lassen, die man diskreditieren musste, um die eigene Feigheit und Ideenlosigkeit zu kaschieren. Putins Attraktion gründet Schumatsky zufolge nicht nur in gut eingeübten antiamerikanischen Reflexen der Linken, sie ist grundlegender: Sie wurzelt im postmodernen Lebensgefühl, das keine Fakten, sondern nur noch Interpretationen kennt. Der plurale Wahrheitsbegriff der Postmoderne wurde von Putin in die politische Praxis überführt. Sein Verfahren stieß hierzulande aufgrund der vulgären Rezeption von Foucault und Derrida auf Verständnis und Nachsicht. Die selbstkritische Manie, den Westen als eurozentristische, phallozentristische, logozentristische, irgendwie beliebige Konstruktion zu entlarven, verhalf mit einem Mal auch autoritären Gesellschaftsmodellen zu ihrem Recht.

Schumatskys temporeicher, wilder Roman Die Trotzigen kann man als Komplementärstück zu seinem Essay auffassen. Er spielt in der Nachwendezeit in Moskau und Berlin, in der Jugendzeit des Autors. Gegen Gorbatschow wird geputscht, und linke Aktivisten aus Deutschland treffen auf freiheitsliebende Russen, die sich gegen die letzten Zuckungen konservativer Kommunisten stemmen. Das weitverzweigte Werk liest sich wie ein subtiler Kommentar zu unserer Gegenwart. Die jungen Russen, die sich schließlich auf den Weg nach Berlin machen, in den freien Westen, entdecken den Preis der neuen Welt. Berlin ist so frei, dass die Identitäten verschwimmen: Die sexuelle Identität, die Herkunft, die Religion erscheinen auch hier wie beliebige Zuschreibungen – es gibt abermals keine Fakten, nur Interpretationen. Wer sich auf Schumatsky einlässt, stößt auf den Abgrund unserer Freiheit.

Boris Schumatsky: Die Trotzigen. Verlag Blumenbar, Berlin 2016; 384 S., 20,– €, E-Book 15,99 €

Boris Schumatsky: Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin; Residenz Verlag, Salzburg 2016; 160 S., 18,90 €, E-Book 13,99 €