Mein Kind machte sich mal wieder bemerkbar, es rannte die Schlange bei Karstadt auf und ab. "Das ist aber ein hübscher Junge! Möchte er vielleicht ein Stück Schokolade?", fragte die Kassiererin. Ich bezahlte, bekam zum Bon ein Pralinenherz, bedankte mich und verließ den Laden.

Ich sagte nicht: "Es ist ein Mädchen."

Bis vor Kurzem habe ich diesen Satz noch hinterhergeschoben, lächelnd natürlich und doch etwas verwundert, warum die meisten automatisch davon ausgingen, dass mein Mädchen ein Junge war, und da kam er auch schon wieder, der Satz, der alles erklären sollte und es nur noch schlimmer machte: "Ach so, ich dachte nur, weil er Blau trägt. Ich meine: sie."

Meine Tochter ist nun zwei Jahre alt, und mittlerweile will ich nur noch schreien und weinen, in ihre blauen Bodys hinein – so oft habe ich diesen Satz schon gehört. Ich kann es einfach nicht fassen. Wir haben 2016! Postgender? Die Überwindung stupider Geschlechterklischees? Vergessen Sie’s! Seit meine Tochter auf der Welt ist, wird sie für einen Jungen gehalten, wenn sie Blau trägt, und ich weiß nicht, warum sie mit rosa Schleifchen dekoriert werden soll, damit man sie als Mädchen erkennt, aber es nervt mich wahnsinnig – und ich fürchte, das bisschen Pink ist erst der Anfang.

Bisher gab mir das Leben keinen Grund, mich mit Genderfragen zu beschäftigen. Nun macht mich meine Tochter zur Feministin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Ich dachte, wir wären weiter. Nach fast hundert Jahren Frauenwahlrecht, nach Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer, nach Wir haben abgetrieben, nach #aufschrei und Diskussionen über das Binnen-I. Ich wollte in meinen Texten keine FreundInnen oder AnwältInnen, ich fand das hässlich, außerdem gab es doch größere Probleme, aber allein die Freiheit, das große I zu verwenden, hielt ich für einen Fortschritt. Dann wurde ich Mutter. Und stellte fest: Die meisten denken noch immer, dass Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken.

Wer wissen will, wie es bestellt ist um die Gleichheit der Geschlechter, der muss sich nicht die Mühe machen, Frauen in Dax-Unternehmen zu zählen. Der kann auch einfach auf den Spielplatz um die Ecke.

"Pass auf, das ist zu gefährlich!" – fast jedes Mädchen wird vom Klettergerüst heruntergeholt. "Super, du schaffst das!" – das bekommen meist Jungen zu hören. Es klingt wie ausgedacht, und ich wünschte, das wäre es. Prüfen Sie es nach! Setzen Sie sich auf eine Bank, gucken Sie zu. Das taten kanadische Forscher. Sie beobachteten Väter und Mütter, deren Kinder an einer Feuerwehrstange auf einem Spielplatz turnten, und stellten fest: Eltern trauen Jungs wesentlich mehr zu als Mädchen, auch wenn sie gleich stark sind und gleich groß. Während Mädchen vor der potenziellen Gefahr gewarnt werden, wird den Jungen Mut zugesprochen, mit Tipps, wie sie es am besten nach oben schaffen.

Man muss kein Mädchen sein, um die Parallele zur späteren Berufswelt zu kapieren.

Anfangs dachte ich noch an ein Milieuphänomen. Dann hörte ich auch studierte, kluge Frauen von "Rabaukenjungs" und "zarten Mädchen" sprechen, die nicht bemerkten, dass ihre zarten Mädchen gerade die Rabaukenjungs verdroschen. Eine Freundin erzählte mir, sie sei im Park von einem Paar angesprochen worden, in einem der hipsten Bezirke Berlins. Ihr Kind schob einen Puppenwagen. Ob das ein Mädchen oder ein Junge sei, fragte das Paar. Ein Junge, sagte meine Freundin. Aber wieso dann der Puppenwagen?

Wieso denn bitte nicht!?

Ich bekomme von diesen Geschichten Wut und sehr schlechte Laune. Ich will aber keine Schlechte-Laune-Feministin sein.