Louisa Reichstetter singt ein Loblied auf den neuen Rahmenlehrplan für das Fach Geschichte im Bundesland Sachsen-Anhalt (ZEIT Nr. 33/16). Ihre Eloge zeichnet allerdings ein fragwürdiges Bild des aktuellen Geschichtsunterrichts.

Was soll man sich unter dem "systematischen, chronologischen Zugang" vorstellen, der angeblich zum alten Eisen gehört? Doch nicht etwa das Faktenwissen, das unbedingt notwendig ist, um die Vorgeschichte der Französischen Revolution zu verstehen?

"Einfühlung" in Epochen, lesen wir, sei solchem "Faktenwissen" vorzuziehen. "Einfühlung" ist jedoch eine Kunst aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts, als die Vertreter des Historismus meinten, die Differenz zwischen Gestern und Heute durch ebendiese Eigenschaft überwinden zu können.

Wenn Schüler im Geschichtsunterricht die Rolle von Rosa Luxemburg oder Philipp Scheidemann spielen sollen, müssen sie wissen, dass Scheidemann am 9. November 1918 die Republik ausrief und Luxemburg am 15. Januar 1919 ermordet wurde. Sonst werden sie weder den historischen Personen gerecht, noch lernen sie irgendetwas. Ein solches Rollenspiel kann nur erfolgreich sein, wenn sich die Lernenden zuvor Kenntnisse über die historischen Figuren angeeignet, deren Handeln verstanden und auf ihre eigenen Fragen bezogen haben. Didaktiker nennen das "Erwerb von Interpretationskompetenz". Ohne Inhalte kann man aber keine Kompetenzen erwerben. Und dann sollen Schüler ausgerechnet in Geschichte keine Fakten, keine Inhalte mehr lernen?

Ende letzten Jahres malte die Welt ein übertriebenes Schreckbild einer Jugend ohne geschichtliche Kenntnisse an die Wand. Die ZEIT hält dem entgegen, auf die Kenntnisse komme es gar nicht an. Beide Zeitungen liegen daneben. Selbstverständlich müssen Jugendliche historische Kenntnisse erwerben. Und selbstverständlich müssen Lehrplanmacher und Lehrkräfte angeben können, welche Kenntnisse warum erforderlich sind. Reichstetter und ihr Gewährsmann im Artikel, der Geschichtsdidaktiker Martin Lücke von der Freien Universität Berlin, führen ihren Lesern jedoch ein Zerrbild vor Augen, als werde die Mehrheit der Schüler von hoffnungslos altmodischen Lehrern noch immer zum Auswendiglernen von Daten und Fakten gezwungen. Aber das machen Lehrer heute bloß noch in schlechten Fernsehfilmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Stumpfes Pauken ist schon deshalb nicht mehr möglich, weil die Kultusbürokratien vieler Bundesländer den eigenständigen Geschichtsunterricht abgeschafft haben, um "Metafächer" aus Geschichte, Politik und Erdkunde zu bilden. Auch unterrichten oftmals fachfremde Lehrer Geschichte – ohne fachliche Ausbildung, unabhängig von wissenschaftlichen Standards. Folgt man der Argumentation der ZEIT, ist das kein Problem. Denn auf "Faktenwissen" kommt es ja nicht an, und Freude am Spiel kann man in jedem Fach gebrauchen. Es fragt sich dann allerdings, warum man auf den Geschichtsunterricht nicht gleich verzichten sollte.

Historische Bildung wird immer mehr zum Privileg gebildeter Schichten, die ihren eigenen Wertehimmel reproduzieren. Wissen für alle jedoch demokratisiert: Alle Schüler müssen historisch lernen dürfen, sie müssen historisch denken lernen. Der Geschichtsunterricht braucht Zeit, da hat die ZEIT recht. Er braucht aber auch kompetente Fürsprecher.