Ohne Religion geht gar nichts. Ohne Religion würde auch die Demokratie letztlich nicht funktionieren – das ist die erstaunliche Behauptung, die jetzt, den neuen Religionskonflikten zum Trotz, ständig wiederholt wird. Gefragt wird allenfalls und allerorten: Was darf Religion? Die übliche Antwort ist im Grunde keine: Religion sei unabdingbar, sei ein Wert an sich. Ohne Gott kein moralisches Handeln.

Und die Atheisten? Immerhin kritisierte der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche kürzlich in der ZEIT die Ausgrenzung von Atheisten, um dann freilich in das altbekannte Horn zu stoßen, dass humanitäre Verpflichtung am stärksten durch den Glauben zu begründen sei. Er tat das sehr differenziert, beeindruckend selbstkritisch auf Historie wie Gegenwart der Kirche blickend – letztlich aber eben doch.

Oft wird die Verteidigung der Religion verknüpft mit der Forderung nach einem flächendeckenden, konfessionell getrennten Unterricht. Dabei gibt es gute Argumente für einen bildenden statt bekennenden, einen fächerübergreifenden Unterricht in Religion: Nur ein solcher könnte verschiedene Spielarten des Glaubens und Unglaubens als Varianten freier Willensentscheidung vorführen. Nur so würde das Beharren auf der Existenz eines einzig wahren Gottes endlich obsolet.

Wie anders als durch die Kenntnis verschiedener Weltbilder soll das kostbare Gut Toleranz vermittelt und erhalten werden – auch um im Alltag Kränkungen und Peinlichkeiten zu vermeiden?

Atheismus aber spielt in den Integrationsdebatten noch so gut wie keine Rolle. Allenfalls heißt es: Andersgläubige seien keine Ungläubigen! Ein unheilvoller Konsens herrscht hier offenbar, dass der Ungläubige minderwertig sei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Auch der Büchnerpreisträger Martin Mosebach beteuerte bereits, dass ihm ein Muslim "auf jeden Fall näher" sei als ein Atheist. In Verbindung zu Gott gelange "die Fähigkeit, Mensch zu sein, erst zur Vollendung", Ungläubige seien "in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt". Atheisten sind für Mosebach offenbar keine vollwertigen Menschen. Selbst Kirchenrepräsentanten befleißigen sich da heute eines vorsichtigeren Zungenschlags und sagen etwa wie der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: Allein die Religion vermöge die Seele anzurühren. – Aber eben doch.

Stimmt das? Und was ist mit Religionen wie dem Buddhismus oder dem Hinduismus? Sie werden in der Debatte vernachlässigt, denn von dort kommen kaum aggressive Forderungen, auch scheint die Integration zu funktionieren. Keine Aggro-Raps, keine Hassprediger. Der Anteil buddhistisch sozialisierter Kinder, die es in Deutschland aufs Gymnasium schaffen, ist prozentual inzwischen sogar höher als bei nichtbuddhistischer Herkunft.

Ein zentrales Argument der Religionsverteidiger lautet, dass ein Mensch, der sich keiner höheren Instanz verantwortlich fühle, für unmoralisches Handeln prädestiniert sei. Wenn wir aber die Angst vor Autoritäten, die Furcht vor Gottesstrafen und das Hoffen auf Belohnung im Jenseits als pädagogisches Prinzip verteidigen, erziehen wir zur Unmündigkeit. Geschichte wie Gegenwart zeigen, dass Religion alles andere als eine Garantie dafür ist, menschlich zu handeln. Das Jahrhundert der atheistisch motivierten Verbrechen haben wir hinter uns. Heute sind religiöse Extremisten und theokratische Staaten das Problem. Deren Organisationen ähneln den untergegangenen Diktaturen in verblüffender Weise: Ihre Hierarchien werden dominiert von alten Männern, die die Zukunft weisen; Dissidenten werden hasserfüllt verfolgt, Dogmen gepflegt. Hinzu kommt eine Lustfeindlichkeit, die nicht nur Sex und Erotik betrifft, sondern auch weite Gebiete von Kunst bis Küche.

Und der Atheist? Schaut entsetzt auf die Fundamentalisten, aber neidvoll auf die Gläubigen: Anders als sie kann er nicht hoffen, dass es nach dem irdischen Leben weitergeht. Zweifel bedeutet im Althochdeutschen "Bedenken, Ungewissheit", Verzweiflung ist nicht nur eine sprachliche Schwester. So bleibt dem Atheisten nur, auf Erden das Bestmögliche zu wollen. Und zu tun, was auch Gläubige sollen: dem Nächsten hilfreich sein. Auf Sinnfragen muss er eine eigene Antwort geben. Die möglichen Alternativen zu kennen statt nur die einzig richtige Antwort ist aber die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander.

Darum sollten wir jetzt mit Bekenntnissen vorsichtig sein. Die atheistische DDR hatte an ihren Schulen übrigens auch ein Bekenntnisfach, es hieß Staatsbürgerkunde und ist in schlechtester Erinnerung. Ein vernünftiges Argument gegen einen verbindlichen Unterricht, der Philosophie, Ethik und das Wissen über Religion verbindet, ist mir noch nicht begegnet.