Flüchtlinge am Bahnhof im ungarischen Bicske © Leonhard Foeger / Reuters

Freitag, 4. September 2015, abends

19.30 Uhr, Wien, Bundeskanzleramt

Im österreichischen Außenministerium geht ein offizielles Schreiben des ungarischen Botschafters in Wien ein. Er teilt mit, dass sich knapp tausend illegal nach Ungarn Eingereiste auf dem Weg nach Österreich befinden, und bittet um Einschätzung der Lage: Auf welcher rechtlichen Grundlage soll Ungarn reagieren? Die Diplomaten im Außenamt leiten das Schreiben sofort an das Kanzleramt weiter. Kanzler Faymann und seine Berater verstehen den Brief nicht bloß als unverbindliche diplomatische Note. Sie interpretieren ihn als Anfrage Orbáns, ob die Ungarn den Zug stoppen oder nach Österreich weiterziehen lassen sollen. Und sie sind sich sicher, dass sich die Marschierer nur mit Gewalt aufhalten lassen würden. Das aber, so sind sie rasch einig, muss unbedingt verhindert werden. Faymann beschließt, Angela Merkel anzurufen.

19.45 Uhr, Köln, Festhaus Flora

Während Merkel auf dem Podium zum CDU-Jubiläum spricht, brummt das Handy ihres Mitarbeiters Bernhard Kotsch, der im Publikum sitzt. Merkels Intimus bekommt eine Nachricht aus dem Lagezentrum des Kanzleramts in Berlin: Werner Faymann will Merkel sprechen. Sehr dringend.

20 Uhr, Budapest, Parlamentsgebäude

Der Krisenstab der ungarischen Regierung tritt unter Leitung von János Lázár, dem Chef von Orbáns Staatskanzlei, zu einer Sondersitzung zusammen. Es gibt nur ein Thema: wie weiter mit den Flüchtlingen? Die Politiker und Beamten, darunter der Innenminister, der Chef der nationalen Polizei, der Sonderbeauftragte des Ministerpräsidenten für Katastrophenschutz, sind entsetzt: Teile der Autobahn sind gesperrt, Fußgänger laufen über die Fernstraße, die Situation an den Bahnhöfen in Budapest und Bicske ist unübersichtlich, es hat einen Toten gegeben. Die Flüchtlinge halten sich nicht mehr an Anweisungen, versuchen selbst zu entscheiden, wohin sie gehen, wo sie bleiben. Und zu allem Überfluss zeigen die internationalen Medien fast ausschließlich irreführende Bilder vom Bahnhof in Budapest, dramatisieren die Lage, suggerieren Übergriffe der ungarischen Behörden.

Die Runde ist sich rasch einig: Der Staat darf sich nicht vorführen lassen, die Regierung muss die Kontrolle übernehmen. Jetzt, sofort.

20.15 Uhr, Budapest, Zentrum

Ministerpräsident Orbán macht sich auf den Weg in die ausverkaufte Groupama Aréna im Südosten der Stadt. Dort wird am Abend Ungarn gegen den Erzrivalen Rumänien um die Teilnahme an der EM 2016 spielen. Kurz vor dem Anpfiff meldet sich Staatskanzleichef Lázár bei Orbán. Es gibt jetzt einen Plan. Nur einige Minuten später versucht Orbán, Bundeskanzler Faymann in Wien zu erreichen. Aber vergeblich. Faymann ist für Orbán nicht zu sprechen.

20.15 Uhr, Köln, Festhaus Flora

32 Minuten dauert die Festrede der Kanzlerin in Köln. Zum Schluss sagt sie: "Eine Feier ist gut, von nun an wird wieder gearbeitet, und das kann ja auch Spaß machen." Welche Arbeit wenige Minuten später auf sie zukommen wird, ahnt sie da noch nicht.

Während in Budapest der Krisenstab tagt, während Mohammad Zatareih und die anderen Flüchtlinge auf der Autobahn langsam müde werden und die CDUler in Köln das erste Kölsch trinken, fährt Merkels Wagenkolonne vor, vier Wagen. Die Kanzlerin steigt in einen gepanzerten Audi A8, dahinter ein weiterer A8 mit den Sicherheitsleuten. Knapp 20 Minuten dauert die Fahrt zum Flughafen.

Rasch lässt sich Merkel mit Faymann verbinden. Er schildert ihr die Lage, spricht von einer Notsituation, von den Bildern von der Autobahn, warnt vor Gewalt, möglichen Toten. Ungarn verfolge eine Eskalationsstrategie. Merkel ist sofort überzeugt, dass sich die Flüchtlinge nur mit Gewalt aufhalten lassen und dann eine humanitäre Katastrophe droht. Dass Österreich und Deutschland deshalb ihre Grenzen nicht werden verschließen können.

Wenn man einen historischen Moment der Entscheidung markieren will – hier ist er.

Merkel weiß aber auch, dass es heikel wäre, alle hereinzulassen. Sie sagt Faymann daher, sie müsse mit ihren Leuten reden. Faymann soll dann mit Orbán sprechen. Faymann legt auf. Er hat den Eindruck, dass ihm die Kanzlerin helfen werde.

Merkel beginnt zu telefonieren. Sie will wissen, was ihre Berater sagen und ihre Minister, die Koalitionspartner. Gibt es ernsthafte Einwände? Wie ist die Rechtslage?

20.40 Uhr, Budapest, Groupama Aréna

In wenigen Minuten wird der deutsche Schiedsrichter Felix Brych das Spiel anpfeifen. In der VIP-Loge sitzt Viktor Orbán. Er kann sich zurücklehnen. Er hat eben eine Entscheidung getroffen, die ihn wieder in die Vorhand bringt. Eine Entscheidung, die die Lage auf einen Schlag ändern wird. Eine Entscheidung, deren Auswirkungen in ganz Europa zu spüren sein werden.

20.40 Uhr, Berlin, Ungarische Botschaft

Beim Botschafter geht eine Weisung aus Budapest ein. Er soll umgehend die Bundesregierung über die Entscheidung informieren, die Orbán soeben getroffen hat. József Czukor setzt sich an seinen Rechner und schickt eine Mail an Kanzleramtschef Peter Altmaier und Staatssekretärin Emily Haber, die Flüchtlingsbeauftragte im Bundesinnenministerium. Ungarn könne die Registrierung der Flüchtlinge nicht mehr gewährleisten, schreibt Czukor, und werde sie daher mit etwa 100 Bussen an die österreichisch-ungarische Grenze schicken. Zu rechnen sei mit vier- bis sechstausend Flüchtlingen. Czukor bittet um Rückruf. Wenige Minuten später hat er Altmaier am Telefon.

21 Uhr, Budapest, Parlamentsgebäude

Der Krisenstab der ungarischen Regierung erteilt dem Budapester Verkehrsbetrieb BKK und dem staatlichen Busunternehmen Volán die Anweisung, sofort Busse vorzubereiten, vollzutanken und Fahrer einzuteilen. Abfahrt: so schnell wie möglich. Das Innenministerium und die Führung der Nationalpolizei übernähmen die Koordination.

Gegen 21 Uhr, Autobahn M 1, Kilometer 27

Unter den Flüchtlingen auf der Autobahn sinkt nach fast 32 Kilometern Fußmarsch die Stimmung. Frauen und Kinder können nicht mehr weiter, es wird dunkel und kalt. Regen setzt ein. Es gibt Streit, einige schimpfen: Im Bahnhof hatten wir es wenigstens trocken. Ungarische Blogger, die den Marsch begleiten, rufen die Bevölkerung dazu auf, Isomatten, Schlafsäcke und Creme gegen Muskelschmerzen zu spenden. Mohammad Zatareih sucht am Rande der Autobahn einen Platz zum Campen, der sich von der Polizei nicht umzingeln lässt. Das Rote Kreuz versorgt die Menschen, viele Freiwillige helfen. Die Lage ist prekär, aber keineswegs katastrophal.

21.15 Uhr, Budapest, Parlamentsgebäude

János Lázár, der Chef von Viktor Orbáns Staatskanzlei, tritt nach der Sitzung des Krisenstabs vor die Presse. Noch in der Nacht, sagt der Minister, werden Busse zum Ostbahnhof und zur Autobahn M 1 fahren, um die Flüchtlinge nach Hegyeshalom an der österreichischen Grenze zu bringen. Ob die Flüchtlinge dann auch über die Grenze nach Österreich einreisen dürften, müsse die österreichische Regierung entscheiden. Wien habe sich dazu noch nicht geäußert, obwohl Ministerpräsident Orbán mehrfach versucht hat, Österreichs Kanzler Faymann zu erreichen. Sogar eine diplomatische Note habe das ungarische Kabinett nach Wien gesandt, sagt Lázár, aber "bisher haben wir keine wirkliche Antwort bekommen". Und er fügt hinzu, Kanzler Faymann habe Orbán wissen lassen, man könne doch am Samstagmorgen um 9 Uhr miteinander telefonieren.

So lange könne Ungarn nicht warten. "Die EU und mehrere EU-Mitgliedsstaaten fordern von uns Solidarität, während sie selbst keinerlei Solidarität mit uns zeigen."

Eine smarte Entscheidung. Einerseits ist es unzweifelhaft eine humanitäre Geste, Orbán gibt den Flüchtlingen, was sie wollen, freie Fahrt nach Westen. Die Frauen, die Kinder, die Kranken und Müden kommen runter von der Straße, raus aus dem Regen, ins Warme. Andererseits verschiebt Orbán den Druck dahin, wohin er ihn haben will, weg von sich, rüber zu den Österreichern, zu den Deutschen. Zu Merkel.

Spätestens in ein paar Stunden, wenn die Busse mit den Flüchtlingen die ungarisch-österreichische Grenze erreichen, müssen sich Orbáns politische Widersacher entscheiden: Beharren sie weiter auf dem europäischen Recht, dann müssten sie die Flüchtlinge stoppen – und stünden selbst als hartherzig da, als Hardliner, als Grenzschließer, wie Orbán. Oder sie nehmen die Flüchtlinge auf, dann wäre Orbán sie los – und der innenpolitische Druck in Österreich und Deutschland wüchse. Orbán kann nur gewinnen. Kurz zuvor hat er auf seinem offiziellen Facebook-Account posten lassen: "Toi, toi, toi Ungarn." Natürlich bezog sich das auf das Spiel gegen Rumänien. Aber es lässt sich auch anders lesen.

Kurz nach 21 Uhr, Goslar

Sigmar Gabriel ist bei seiner Familie, als das Handy klingelt: Die Kanzlerin fragt, ob er einverstanden sei, 7.000 bis 8.000 Flüchtlinge vom Budapester Bahnhof nach Deutschland zu holen. Außenminister Steinmeier habe keine Einwände, mit ihm habe sie bereits ausführlich gesprochen. Das Auswärtige Amt prüfe die Rechtslage.

Das Gespräch dauert nur fünf Minuten, es hat mehr den Charakter einer Unterrichtung des Vizekanzlers. Gabriel sagt, dass er zustimme, wenn es eine einmalige Aktion bleibe. Merkel sagt, das wolle sie auch. Sie reden über die Bilder vom Hauptbahnhof, über die Menschen, die zu Fuß über die Autobahn gehen. Dann legt sie auf.

Gleich danach ruft Gabriel bei Steinmeier an, der noch immer in Luxemburg bei der Außenministertagung ist. Steinmeier sagt, Merkel habe ihn lediglich kurz informiert, an ein ausführliches Gespräch erinnert er sich nicht. Er sagt, das Auswärtige Amt prüfe die juristischen Details.

Tatsächlich signalisieren Steinmeiers Juristen im Laufe des Abends, das geltende europäische Recht sehe ein "Selbsteintrittsrecht" der Vertragsstaaten vor. Das heißt: Wenn ein EU-Staat will, kann er beliebig viele Flüchtlinge ins Land lassen.

21.50 Uhr, Autobahn M 1, Kilometer 27

Unter den Flüchtlingen auf der Autobahn verbreitet sich die Meldung aus Budapest, dass Busse kommen sollen, um die Menschen an die österreichische Grenze zu bringen. Jubel bricht aus, auch Mohammad Zatareih strahlt, andere bleiben skeptisch. Ist das wirklich wahr? Oder wieder nur ein Trick der ungarischen Regierung? Jeder hier hat von dem Zug gehört, der nicht bis Wien fuhr, wie versprochen, sondern in Bicske gestoppt wurde.

Gegen 22 Uhr, Berlin

Angela Merkel, die von sich selbst sagt, sie könne erst entscheiden, wenn sie die Dinge zu Ende gedacht habe, muss rasch handeln. Unter hohem Druck. Ohne die Konsequenzen auch nur annähernd absehen zu können.

Orbáns Ankündigung ist ein Ultimatum. Spätestens in drei, vier Stunden, wenn die Flüchtlinge mit den Bussen an der ungarisch-österreichischen Grenze ankommen, muss klar sein, ob die Menschen passieren dürfen.

Die Kanzlerin würde mit der Grenzöffnung lieber bis zum Morgen warten, mehr Ruhe haben, mehr Zeit zur Vorbereitung. Aber Faymann hat am Telefon gesagt, er könne nicht so lange durchhalten, dazu seien zu viele unterwegs. Er hat Merkel förmlich angefleht, noch in der Nacht zuzustimmen.

Was bleibt ihr anderes übrig? Man kann die Marschierer nur mit Gewalt aufhalten, davon sind Merkel und ihre Leute überzeugt, mit Wasserwerfern, Schlagstöcken, Reizgas. Es käme zu Tumulten und zu schrecklichen Bildern. Merkel fürchtet solche Bilder. Deren politische Wucht. Sie ist überzeugt, Deutschland halte solche Bilder nicht aus. Die Aufnahmen von den erbärmlichen Zuständen in dem Flüchtlingscamp in Calais, hat Merkel einmal gesagt, könne Deutschland keine drei Tage ertragen. Wie viel verheerender wären dann Bilder, auf denen Flüchtlinge niedergedroschen werden, die nach Österreich oder Deutschland wollen? Bilder von Blut, Verletzten, womöglich von Toten?

Im Kreis um Merkel herrscht das Gefühl, es gehe tatsächlich um Leben und Tod.

Wer da kommt, ob unter den Neuankömmlingen auch Assad-Schergen sein könnten, IS-Terroristen – all das spielt in den Gesprächen keine Rolle.

22.15 Uhr, Luxemburg, Cercle Cité

Die 28 EU-Außenminister speisen zum Abendessen Jakobsmuscheln, Lachs und Saibling, dazu gibt es Grauburgunder von der Mosel. Die Menüfolge ist das Einzige, was vom geplanten Ablauf ihres Treffens noch übrig geblieben ist. Längst ist der Marsch der Flüchtlinge auch hier das bestimmende Thema, immer wieder hat Frank-Walter Steinmeier in den vergangenen Stunden den Saal verlassen, um zu telefonieren. Nun wird das Dessert aufgetragen, aber Steinmeier, sein österreichischer Kollege Sebastian Kurz und der ungarische Außenminister Péter Szijjártó ziehen sich in einen Nebenraum zurück, sie müssen noch arbeiten. Gemeinsam sollen sie den Text formulieren, mit dem die Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn offiziell bekannt gegeben werden soll.

Nach 22 Uhr, Berlin

Dann, spät am Abend, die Kanzlerin ist seit mehr als sechzehn Stunden auf den Beinen, passiert etwas, das sich heute nicht mehr genau rekonstruieren lässt, zu widersprüchlich sind die Angaben.

Unstreitig ist, dass Merkel Horst Seehofer eine SMS schickt, um ihn über ihre Entscheidung zu informieren. Sicher ist auch, dass Seehofer darauf nicht reagiert. Der CSU-Chef ist in seinem Ferienhaus in Schamhaupten im Altmühltal, 35 Kilometer nordöstlich von Ingolstadt. Später wird er erklären, sein Handy abends abgeschaltet zu haben, wie immer im Urlaub.

Daraufhin bittet Merkel Altmaier, der bereits in Evian ist, Seehofer zu unterrichten, über dessen Amtschefin, Karolina Gernbauer, die Leiterin der Bayerischen Staatskanzlei. Auch die 52-Jährige versucht es bei Seehofer, doch wieder reagiert er nicht.

So kommt es, dass Tausenden Flüchtlingen der Weg nach Bayern geöffnet wird, ohne dass die Kanzlerin mit dem bayerischen Ministerpräsidenten ein Wort gesprochen hätte.

Die Kanzlerin habe alles versucht, Seehofer zu erreichen, werden ihre Leute später sagen. Und sie werden sagen, dass es an diesem Abend noch Wichtigeres gegeben habe, als mit Seehofer zu sprechen. Es sei nicht darum gegangen, ihn in die Entscheidung einzubeziehen, er sollte nur unterrichtet werden, so wie Gabriel auch. Und womöglich habe Seehofer gewusst, dass er nichts hätte ändern können, vielleicht habe er es deshalb vorgezogen, nicht zu antworten.

Seehofer sagt, wenn man ihn wirklich hätte erreichen wollen, dann hätte man ihm die Polizei vorbeigeschickt, und wenn Karolina Gernbauer gewusst hätte, wie dringlich die Sache ist, hätte sie keine Sekunde gezögert, einen Streifenwagen in Marsch zu setzen. Auch andere Politiker sind in schwierigen Lagen schon so erreicht worden, Thomas de Maizière in einem Wald bei Dresden, als er kurzfristig den erkrankten Wolfgang Schäuble bei einer Euro-Rettungssitzung in Brüssel vertreten sollte.

Wer wen wann informiert hat – oder auch nicht –, das alles wäre nicht weiter wichtig, wenn Merkel und Seehofer in dieser Sache vertrauensvoll zusammenarbeiten würden. Dann ließe sich eine solche Kommunikationspanne mit zwei Sätzen aus der Welt schaffen. Aber das tun die beiden nicht, schon lange nicht mehr, ihr Konflikt in der Flüchtlingspolitik hat sich in den vergangenen Wochen immer weiter zugespitzt. Deshalb wird dieses Nicht-Gespräch politisch bedeutsam werden.

Nach 23 Uhr, Wien

Faymann erreicht Orbán. Er teilt ihm mit, dass die Flüchtlinge nach Österreich einreisen dürfen.