Selfie mit der Bundeskanzlerin © Sean Gallup/Getty Images

Wie es weitergeht

Am Abend des 6. September, am Ende eines historischen Wochenendes, wird das österreichische Innenministerium mitteilen, dass rund 15.000 Menschen die ungarische Grenze nach Österreich passiert hätten. Ein Großteil sei umgehend nach Deutschland weitergereist, lediglich 90 Flüchtlinge hätten in Österreich Asyl beantragt.

Was als Ausnahme gedacht war, als Nothilfe für wenige, wird zum Massenereignis.

Tag für Tag kommen nun allein in München mehrere Tausend Flüchtlinge an. Am darauffolgenden Wochenende, eine Woche nach Merkels Entscheidung, werden am Münchner Hauptbahnhof rund zwanzigtausend Ankömmlinge gezählt. Die Bundesregierung erwägt daraufhin ein paar Stunden lang die Schließung der Grenzen, die Bundespolizei bereitet schon die entsprechenden Einsatzbefehle vor. Womöglich ist das der letzte Moment, an dem Seehofers "Pfropfen" noch einmal hätte in die Flasche gepresst werden können. Niemand weiß allerdings, wie lange die Bundespolizei eine Grenzschließung hätte durchhalten können. Aber es kommt nicht zum Test. Merkel entscheidet dagegen, die Grenze bleibt offen, lediglich Kontrollen gibt es fortan.

In den folgenden Wochen kommen Zehntausende ins Land, weithin unkontrolliert und unregistriert. Faktisch verliert der Staat die Kontrolle. Genau das, was die Bundesregierung immer wieder von Ungarn verlangt hatte, die geordnete Registrierung aller Zuwanderer, kollabiert nun auch in Deutschland. Erst im Dezember, das wird auch im Kanzleramt heute eingeräumt, gewinnt der Staat die Steuerungsfähigkeit zurück.

Die AfD, im Sommer politisch schon fast erledigt, wird enormen Zulauf finden, bei vielen Bürgern wird das Misstrauen gegen die Institutionen wachsen, Merkels Umfragewerte werden sinken. In der Silvesternacht werden Frauen in mehreren deutschen Städten von Migranten und Asylbewerbern sexuell belästigt werden, und in Ansbach und Würzburg werden Flüchtlinge im Sommer 2016 zwei islamistisch motivierte Anschläge verüben.

Zugleich geht eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft durch das Land. Zehntausende Freiwillige melden sich, helfen bei der Verteilung von Spenden, Essen, erteilen Sprachunterricht, ungezählte Familien nehmen Flüchtlinge auf und bringen sie privat unter.

Am 15. September wird Viktor Orbán die Schließung der Südgrenze seines Landes verkünden. Anfang November wird Schweden wegen der Flüchtlingskrise wieder Grenzkontrollen einführen, weil die "Rekordzahl" eintreffender Flüchtlinge eine "Gefahr für die öffentliche Ordnung" darstelle. Und Österreich wird Ende Januar 2016 die Einführung einer "Obergrenze" beschließen, was einem Ende der Aufnahmepolitik gleichkommt. Am 9. Mai 2016 wird Bundeskanzler Werner Faymann seinen Rücktritt erklären.

Hat Merkel also einen Fehler gemacht, als sie die Flüchtlinge nach Ungarn einreisen ließ?

Wenn man das heute Beamte, Manager, Politiker fragt, die an dem Wochenende dabei waren, auf den Straßen, den Bahnhöfen, in den Einsatzstäben, dann lautet die Antwort fast durchweg: Nein.

Münchens Oberbürgermeister Reiter etwa sagt im Rückblick: "Angesichts der Bilder vom Budapester Bahnhof hätte ich in dem Moment genau so entschieden wie Bundeskanzlerin Merkel. Ich finde nach wie vor, dass sie in der damaligen Situation richtig entschieden hat. Ich glaube auch nicht, dass Merkel durch irgendwelche Signale oder freundliche Selfies viele Flüchtlinge erst zum Kommen ermutigt hat. Das kann ich mir nicht vorstellen."

Und Christian Kern, damals als ÖBB-Chef entscheidend am Krisenmanagement beteiligt, mittlerweile zum österreichischen Bundeskanzler aufgestiegen, erklärt im Gespräch mit der ZEIT: "Das ist alles sehr spontan geschehen, das hatte gar nichts Generalstabsmäßiges. Wir mussten innerhalb von Minuten entscheiden: Wir stellen jetzt Busse und Sonderzüge zur Verfügung. Die Entscheidung hatte zwei Aspekte: Zum einen war es ein Akt der Humanität. Zum anderen bewegten uns ganz pragmatische Gründe: die Menschen wären ohnehin entlang der Gleise gelaufen."

Gleichwohl steht außer Frage, dass Fehler gemacht wurden. Nur sieht fast jeder, mit dem man spricht, andere Fehler.

Merkels Fehler sei es gewesen, sagt ein deutscher Spitzenpolitiker, immer auf eine gemeinsame europäische Lösung der Flüchtlingsfrage gesetzt zu haben. Dabei habe sich lange vor der Ungarn-Entscheidung abgezeichnet, dass ihre europäischen Kollegen das gar nicht wollten.

"Unser Fehler", sagt ein ungarischer Top-Diplomat, "war nicht, dass wir den Zaun gebaut haben. Unser Fehler war, dass wir damit erst so spät angefangen haben."

Orbáns Fehler sei es nicht gewesen, einen Zaun zu bauen, sagt ein deutsches Kabinettsmitglied. Sein Fehler sei gewesen, dass er den Zaun-Bau mit "großem Tamtam" angekündigt habe. "Es gibt auch anderswo Zäune in Europa, in Spanien, zwischen Bulgarien und der Türkei, zwischen Griechenland und der Türkei. Die stören niemanden."

Merkels historische Entscheidung, das zeigen die Recherchen von ZEIT und ZEIT ONLINE, war kein spontaner humanitärer Impuls, kein emotionaler Affekt, auch keine moralische Selbstüberhöhung. Merkel musste entscheiden, unter hohem Druck, innerhalb von kaum drei Stunden, nachdem es Viktor Orbán gelungen war, sie in eine fast alternativlose Lage zu bringen.

Womöglich werden Historiker einmal nachweisen können, dass diese dramatische Situation nur entstehen konnte, weil innerhalb der Europäischen Union die Kommunikation kollabiert war, weil sich Brüssel, Berlin und Budapest in wechselseitigen Schuldzuweisungen ergingen, statt Solidarität zu üben, weil jeder darauf beharrte, recht zu haben, obwohl dieses Recht längst seine Ordnungsfunktion verloren hatte.

Mit einiger Sicherheit aber lässt sich heute schon eines sagen: Hätten sich die Flüchtlinge am Morgen des 4. September nicht entschlossen, zu Fuß vom Budapester Hauptbahnhof Richtung Wien zu marschieren, wäre die Geschichte Europas an diesem Wochenende anders verlaufen.