DIE ZEIT: Herr Ermisch, Ihre Bank war mal der größte Schiffsfinanzierer. Mit der Branche geht es bergab, oder?

Stefan Ermisch: Bis auf ein kleines Zwischenhoch 2011 hat sich die Lage über die Jahre tatsächlich weiter verschlechtert. Es ist eine furchtbare Krise. Die Nachfrage ist zwar stark und wächst weltweit, aber das Angebot ist viel zu groß.

ZEIT: Ausgerechnet in dieser Lage haben Ihre Eigentümer, die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein, der HSH Nordbank Ende Juni ein Paket fauler Schiffskredite abgekauft, das ein Volumen von fünf Milliarden Euro hat. Was sollen die norddeutschen Steuerzahler mit diesem Schrott?

Ermisch: Dieser Schritt umfasst die Hälfte unserer Problemfälle unter den Schiffskrediten aus den Jahren bis 2009, und er hat die HSH Nordbank stark entlastet. Ohne diesen Transfer hätte das Institut nicht länger bestehen können. Ohne ihn wäre es überhaupt nicht möglich, die Bank – wie es die jüngsten Auflagen der Europäischen Union vorsehen – bis Februar 2018 zu verkaufen.

ZEIT: Dafür hat nun der Staat ein riesiges Problem: 256 Schiffe, viele davon zu klein für heutige Maßstäbe. Welche Gefahren birgt dieses Altmetall für den Steuerzahler noch?

Ermisch: Es ist nicht meine Aufgabe, dies zu beurteilen.

ZEIT: Entschuldigung, Sie kennen doch die Kredite ganz genau, die Laufzeiten, die Risiken. Es ist nur ein paar Wochen her, dass alles Ihnen gehörte!

Ermisch: Trotzdem kann ich nicht in die Zukunft blicken. Diese Altlasten, das muss jedem klar sein, gehörten zudem schon immer dem Staat, wie die gesamte Bank. Jetzt ist das Portfolio auch formal Eigentum der Länder, daher fragen Sie bitte die Eigentümer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

ZEIT: Die Länder haben für die Kredite nur den Marktwert bezahlt, 2,4 Milliarden Euro. Der Bank entstand deshalb ein Verlust von 2,6 Milliarden Euro, der "gegen die Garantien gerechnet" wurde, die beide Länder bei der Rettung in der Finanzkrise zugesagt haben. Mal im Klartext: Das heißt, dass erstmals Bares von den Ländern an die Bank geflossen ist, oder?

Ermisch: Das ist richtig. Durch die Transaktion entstand ein Verlust, und den haben die Länder der Bank ersetzt, wie vorgesehen.

ZEIT: Wir reden also nicht mehr über theoretische Verluste, sondern der Staat zahlt schon jetzt?

Ermisch: Für den Staat hat sich dadurch nichts geändert, wohl aber für die Bank. Nur ein Gedankenspiel: Als die Bank in der Finanzkrise ins Wanken geriet, hätten die Eigentümer ihr auch sofort zehn Milliarden Euro Kapital geben können. In dem Fall hätte die Bank ihre faulen Kredite direkt abschreiben und ihre Bilanz bereinigen können.

ZEIT: Es kam anders: Die Länder gaben der Bank nur eine Garantie über diese zehn Milliarden Euro.

Ermisch: Ja. Dass es sich um eine Garantie für Verluste handelte und diese Verluste irgendwann anfallen könnten, war jedem beteiligten Politiker bewusst – die Frage war nur, wann und in welcher Höhe. In den Augen der Bankenaufsicht wirken die zehn Milliarden Euro wie frisches Kapital. Leider war die Garantie so konstruiert, dass die Bank sie nicht dazu nutzen konnte, die faulen Kredite tatsächlich abzubauen. Deshalb wurde nun ein Teil von ihnen direkt auf die Länder übertragen. Wäre es nach uns gegangen, wäre diese Entlastung sogar höher ausgefallen. Vorher hatten wir 16 Milliarden Euro ausfallgefährdeter Kredite, nun sind es immer noch elf Milliarden Euro – das wird uns beim Versuch, die Bank zu verkaufen, nicht helfen.