Ende 2008, nach Dutzenden von Lesungen etwas zerstreut, begann ich, die ersten Sätze meines neuen Buchs zu suchen. Eine umfangreiche Biografie über Franz Kafka, zwei Bände waren bereits erschienen, Die frühen Jahre standen noch aus.

Diesmal, so der feste Vorsatz, würde ich Vorträge, Artikel, Interviews und allen weiteren Service, der von einer Auskunftei in Sachen Kafka erwartet wird, auf das Minimum reduzieren. Ich blätterte im Kalender: Drohte irgendein Jubiläum? Feiern konnte man allenfalls "Hundert Jahre Ärger um Kafkas Manuskripte", aber das, so glaubte ich, hatte gewiss kein Journalist auf der Agenda. Ich brauchte also nur stillzuhalten.

Natürlich kam alles ganz anders, denn jener Ärger, den der ahnungslose Kafka selbst angezettelt hatte, stand zu den Schwierigkeiten meiner Arbeit in unmittelbarer Beziehung. Dass Kafka sämtliche Manuskripte, Tagebücher, Briefe und sogar Zeichnungen verbrannt sehen wollte, hatte sich herumgesprochen. Doch die berüchtigten testamentarischen Zettel von 1921, über die sein Freund Max Brod sich zu Recht hinwegsetzte, waren gar nicht das Problem. Eine andere, frühere Fehlentscheidung Kafkas war es, eigentlich nur eine Nachlässigkeit, die dafür sorgte, dass ein Jahrhundert später noch immer Materialschlachten um sein Erbe geführt wurden.

Der Nachlass ist ein Fest: Er besteht aus 20.000 Briefen und Zeichnungen

Er hatte einige wenige seiner Manuskripte dem Freund erst ausgeliehen, dann überlassen: unvollendet gebliebene literarische Texte, zu denen er keinen inneren Zugang mehr hatte. Brod behauptete später, Kafka habe ihm diese Manuskripte geschenkt – was nicht stimmen kann, denn der verlangte ausdrücklich die Vernichtung auch dieser Leihgaben. Doch wegen Brods beträchtlicher Verdienste um die Publikation von Kafkas Schriften akzeptierten die Erben das angemaßte Besitzrecht, und so kam es, dass sich fast 50 Jahre später in Brods Nachlass kostbare Autografen eines mittlerweile weltberühmten Autors befanden: Beschreibung eines Kampfes, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und vor allem Der Process.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Kafka wie auch Brod waren Juristen mit Staatsexamen. Deutlich anzumerken ist das Kafkas Verfügungen, die nicht das Warum erklären, sondern vor allem präzise Ausführungsbestimmungen liefern. Was hingegen Brod 1961 im Exil in Tel Aviv als seinen letzten Willen formulierte, ist von einer so unberatenen Vagheit, als habe eine schlaue Erbengemeinschaft ihm die Feder geführt. Klar war nur: Brods Nachlass geht an seine Sekretärin und Freundin Ester Hoffe. "Sie soll aber verpflichtet sein", so lautete die einzige Bedingung, "Vorsorge zu treffen, dass nach ihrem Tode ihren Erben zwar die materiellen Rechte weiterhin zustehen sollen, dass aber die Manuskripte, Briefe und sonstigen Papiere und Urkunden der Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem oder der Staatlichen Bibliothek Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im Inland oder Ausland zur Aufbewahrung übergeben werden sollen, falls Frau Ilse Ester Hoffe zu ihren Lebzeiten nicht anderweitig über sie verfügt hat." Ein Satz, geeignet, um ganze Anwaltskanzleien zu ernähren.

Sollte sich Brod tatsächlich im Unklaren darüber gewesen sein, was er mit dieser Schlussformel anrichtete? Erst die übernächste Generation war verpflichtet, das Erbe beisammenzuhalten, Ester Hoffe hingegen konnte damit tun, was ihr beliebte. Während die wissenschaftlich wertvollen, finanziell aber wenig ergiebigen Schriften und Briefe Brods in ihrer Wohnung verstaubten, verkaufte sie Manuskripte und Briefe Kafkas an den jeweils Meistbietenden. Es ist ein Glücksfall — und keineswegs historisches Unrecht, wie nationaljüdische Hardliner gerne vorbringen —, dass das Deutsche Literaturarchiv in Marbach 1988 für mehr als 3,5 Millionen Mark Kafkas Process erwarb. Denn dieses Manuskript, das Brod 1939 vor den Nazis gerettet hatte, wäre sonst unweigerlich in einem privaten Tresor verschwunden.

Würden erst einmal Hoffes Töchter das Heft in die Hand nehmen, so glaubte ich noch Mitte der neunziger Jahre, würden sie den umfangreichen Nachlass sicher einem Archiv übergeben. Daher beschloss ich, die Recherchen zu den lückenhaft dokumentierten frühen Jahren zurückzustellen. Das 170-seitige Nachlassverzeichnis stellte ein wahres Fest in Aussicht: frühe Tagebücher Brods – auf einem Umschlag hatte sogar jemand notiert: "viel über Kafka" –, daneben circa 20.000 Briefe, Brods Bibliothek, etwa zwei Dutzend unbekannte Zeichnungen Kafkas und nicht zu vergessen: Wo waren eigentlich die Urlaubsfotos geblieben, die Brod auf den Reisen mit Kafka geschossen hatte?

Wann steht das nächste Kafka-Jubiläum an?

Und tatsächlich, nach einem weiteren Jahrzehnt erfolglosen Anklopfens – Interessenten wurden stets vor der Wohnungstür abgefertigt – schien alles gut zu werden. Nach Ester Hoffes Tod 2007 nahmen ihre Töchter Eva und Ruth Verhandlungen mit dem Deutschen Literaturarchiv auf. Doch dann setzte ein unerwarteter Einspruch der Nationalbibliothek in Jerusalem, die das "jüdische Kulturgut" für sich reklamierte, das ganze Spiel auf Anfang und machte die Dokumente für weitere acht Jahre unzugänglich. Nichts half, weder öffentliche Wehklagen noch persönliche Ersuchen an die Erbinnen. Schließlich wurde der über drei Instanzen geführte Prozess nun zugunsten der Nationalbibliothek entschieden.

Die Erleichterung ist allgemein. Erleichterung darüber, einen so bedeutenden Nachlass der Verfügung von Menschen entzogen zu sehen, denen ein halbes Jahrhundert lang nichts eingefallen war, um ihrer kulturellen Verantwortung gerecht zu werden. Und wer bisher der Auffassung war (ich zähle mich dazu), dass Marbach mit seinen mustergültig erschlossenen deutsch-jüdischen Nachlässen die sinnvollere Lösung gewesen wäre, kann sich damit trösten, dass die Frage des Standorts ohnehin an Relevanz verloren hat. Wenn die Israelische Nationalbibliothek den Nachlass Brods tatsächlich, wie versprochen, nicht nur katalogisiert und archiviert, sondern alsbald auch online verfügbar macht, dann hat die Forschung alles, was sie sich wünschen kann.

Ein unangenehmer Nachgeschmack aber bleibt, und das hat mit dem exemplarischen Rang des Falls zu tun. Wie umgehen mit den Erben literarischer Nachlässe, wenn sie mit dem, was ihnen anvertraut ist, verantwortungslos verfahren? Die jeden moralischen Kredit verspielen, sich juristisch jedoch auf der sicheren Seite wähnen?

Jetzt muss ich in meinen Kalender schauen, wann das nächste Kafka-Jubiläum ansteht

Eine naheliegende Antwort wäre: publizistischen Druck entfalten, denn Öffentlichkeit ist solchen Leuten meist wenig genehm. Freilich sind dabei einige rote Linien zu beachten, und die wurden in Israel eindeutig überschritten. So fabulierte der Prozessbeobachter Ofer Aderet in der liberalen Tageszeitung Ha’aretz von einer "beträchtlichen Menge" unveröffentlichter Werke Kafkas, die Eva Hoffe verborgen halte, und er widerrief diesen weltweit nachgedruckten Unfug auch nicht, als die zwangsweise Öffnung der Safes kein einziges unbekanntes Blatt zutage förderte. Selbstverständlich schrieb Aderet auch konsequent und wider besseres Wissen von Kafkas Nachlass, ohne seinen Lesern zu verraten, dass der weitaus größte Teil von Kafkas Manuskripten seit Jahrzehnten in der Bodleian Library in Oxford liegt.

Tiefpunkt dieser medialen Desinformation war ein "Dokumentarfilm" von Sagi Bornstein, der Eva Hoffe wie eine Kriminelle mit der Kamera verfolgte und sogar mitgeschnittene Telefonate aus unbekannter Quelle verwendete. Es entstand der Eindruck, da säße eine Hexe auf Millionenwerten, und daran glaubte offenbar auch ein illiterater Einbrecher, der sich Stapel von Kafka-Autografen erhoffte und dann doch bloß ein paar Familienpapiere zusammenraffte.

Man möchte all diese unappetitlichen Geschichten, bei denen der Name Kafka lediglich als Brandbeschleuniger diente, am liebsten vergessen. Selbst mit dem finalen Urteil, das aus Brods Wenn-und-aber-Testament eine eindeutige Willenserklärung zugunsten Israels herausbuchstabiert, möchte man sich gerne versöhnen. Denn endlich ist die Wissenschaft am Zug, und mit ihr der Leser, und das zählt.

In einigen Monaten werde ich in den USA die englische Übersetzung der Frühen Jahre vorstellen. Das Publikum wird sicher fragen, ob ich den Band nicht werde umschreiben müssen, sobald der Nachlass Brods zugänglich ist. Nun, es gibt sicher weiße Flecken, von daher wären Ergänzungen wünschenswert. Wie arbeitete der junge literarische Networker Brod? Was hielt er von Kafka nach den ersten Begegnungen? Sprach er mit ihm je über die Möglichkeit, das Judentum zu verlassen? Wie ernst war es den beiden mit ihren Palästinaplänen? Das wären einige der Punkte. Eine revised edition also, wird man sagen, wahrscheinlich aller drei Bände. Ich blättere in meinem Kalender. Wann ist noch einmal das nächste Kafka-Jubiläum?