Nachdem ich für diese Serie als mein Thema die Kieler Straße eingereicht hatte, fragte die Redaktion gleich zweimal nach, ob ich nicht noch einen anderen Lieblingsort hätte. Weil mir so schnell keiner einfiel, konsultierte ich einen guten Freund, und der meinte mit einem breiten Grinsen: Die Spaldingstraße vielleicht?

Niemand versteht meine Wahl, jedenfalls auf Anhieb nicht, aber ich kann sie begründen.

Ich habe nicht immer in Hamburg gewohnt, sondern bin vor einigen Jahrzehnten aus Schleswig-Holstein zugezogen. Meine Heimatstadt Neumünster ist keine Stunde Autofahrt entfernt und doch eine andere Welt. Sie hat 80.000 Einwohner, die – kämen sie alle hierher – den Bezirk Eimsbüttel nicht einmal zu einem Drittel füllen würden.

Kommt mich jemand aus Neumünster in Stellingen besuchen, was selten geschieht, höre ich immer drei Sätze. Der erste Satz lautet: "Hamburg ist ja schon eine schöne Stadt." Bevor ich nicht widersprechen kann, kommt der zweite Satz: "Aber leben könnte ich hier nicht!" Und weil dieser zweite Satz in krassem Gegensatz zum ersten Satz steht, also nach Erklärung verlangt, folgt sofort der dritte Satz, der in einem Seufzer unvollendet ausläuft: "Schon wenn ich in die Kieler Straße reinfahre ..."

Die Kieler Straße erleben die Holsteiner als Herausforderung. Sechs Spuren! Autowellen, die mit sechzig, siebzig Sachen in die Stadt hineinwogen oder aus ihr heraus, je nach Tageszeit. Dann steht den empfindsamen Provinzlern Schweiß auf der Stirn.

Abenteuerurlaub? Mal echten Stress erleben? Hamburg, Kieler Straße.

Mir geht es genau umgekehrt, wenn ich nach Neumünster fahre (oder nach Plön, Eutin, Bad Segeberg, Schleswig, Flensburg, Husum, Eckernförde). Bin ich im Verkehrskindergarten? Die Autofahrer schleichen durch die Gegend und gehen vor grünen Ampeln sicherheitshalber vom Gas: Es wird ja bestimmt gleich Gelb.

In diesen Städten haben die Behörden Maßnahmen ergriffen, um den wenigen Verkehr bei sich zu behalten, indem sie ihn verlangsamen und aufstauen, damit überhaupt jemand auf der Straße ist und die Orte nicht so tot wirken. Wem dieses Konzept rätselhaft erscheint, dem kann ich nur zustimmen. Wenn der Verkehr in Hamburg so organisiert wäre, würde die hiesige Wirtschaft komplett zusammenbrechen.

Ich kann aus einem Fenster meiner Wohnung zur Kieler Straße hinüberschauen und die Autos vorbeizischen sehen. In ihnen sitzen Menschen, die etwas zu erledigen haben, ein Vergnügen suchen, jemanden retten müssen. Die Kieler Straße hilft ihnen dabei. Sie ist in der Stadt die schönste, weil durchlässigste Hauptverkehrsstraße: Sie stellt sich denen, die sie benutzen, nicht in den Weg.

Dabei ist sie nicht einfach nur da, sondern folgt einer ausgeklügelten Dramaturgie. Nach unmerklichem Beginn an der Stresemannstraße schwingt sie leicht nach rechts, leicht nach links, gibt sich fast etwas verspielt, um dann hinter einem Wäldchen plötzlich und unerwartet auf den Eimsbütteler Marktplatz zu stoßen und sich sogleich mit diesem Ende der Fruchtallee zu vereinen.

Was für eine dramatische Kreuzung! Mit Aberdutzenden von Hinweistafeln, Kurven und Schwenks und neuerdings, nach skrupulösem Umbau, mit Hamburgs jungfräulichster Verkehrsinsel: einem Fleckchen Rasen im Asphaltmeer, das im Feierabendverkehr zum Herumlungern einlädt.

Wer diese Kreuzung als Sieger verlassen will, muss sein Fahrzeug beherrschen und eine klare Vorstellung von seinem Ziel haben. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich die Fruchtallee quere – großartiger Name!

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 35 vom 18.8. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Jenseits von ihr findet die Kieler Straße zu sich selbst, wird zur Straße, die ganz Straße ist, die nichts von Tempo 30, Fußgängerzonen und Sackgassen weiß. Eine Magistrale der motorisierten Fortbewegung, geradeaus, geradeheraus. Es ist ein Brausen und Röhren, vorbei am farbigen Spalier der Tankstellen, dem munteren Auf und Ab der Kraftstoffpreise, den Waschanlagen, den geräumigen Storage-Centern, den Fachgeschäften für Tierfutter und Plastikpflanzen und dem wirklich abgefahrenen Campingplatz.

Dann naht die Kreuzung mit dem Sportplatzring. Nirgendwo in der Stadt ist mehr Verkehr. Von allen Seiten drängen sie herbei. Hagenbeck, Lurup, Flughafen, Niedersachsen, Lokstedt, Ikea – Pendler und Händler, Pizzadienste und Monteure, Linienbusse und Coupés, pittoresk am Abend, wenn die ersten Scheinwerfer aufflammen und hinter der Autobahn die Sonne glühend niedergeht.

Warum sich in Fuhlsbüttel an den Zaun stellen und startende Flugzeuge beobachten? Diese Kreuzung tut es genauso gut. Reifenpralles Leben. Übrigens ist die Kieler Straße auch eine Allee. Wenn man mal drauf achtet, sieht man: Sie ist von großen Bäumen gesäumt. Ja, wie herrlich ist das denn!