Neulich hatte er mal wieder all seine Kollegen gegen sich. Die Kultusminister der 16 Länder wollten gemeinsam eine Erklärung abgeben, zur Zukunft der Bologna-Reform. Dabei hatte er, Mathias Brodkorb, von Anfang an gesagt, dass er bei einem "Jubelpapier" nicht mitmachen werde. Es lief dann, wie es in letzter Zeit häufiger gelaufen ist: Ein bisschen Gezerre hinter geschlossenen Türen, ein paar neue Formulierungen, und am Ende sagt Brodkorb Nein. Abstimmungsergebnis: 15 zu 1.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) und Hochschulrektorenkonferenz hätten sich "klar zur Europäischen Studienreform bekannt", stand später in der Pressemitteilung. Brodkorbs Kommentar lautete: "Es gibt in der KMK eine große Bereitschaft, Vorschläge abzunicken."

Angesichts solcher Sätze, die Mecklenburg-Vorpommerns Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur nicht nur hinter vorgehaltener Hand äußert, kann man sich vorstellen, dass sich seine Popularität im Kollegenkreis in Grenzen hält. Ein Autist sei der, das Gegenteil von einem Teamplayer, ein Möchtegern-Intellektueller, der sich schick vorkomme in seiner Außenseiterrolle. Das sind die Beschreibungen, wenn man unter seinen Amtskollegen nach Brodkorb fragt, parteiübergreifend. Spricht man mit den Hochschulrektoren im Nordosten der Republik, hört man allerdings auch andere Sätze: Der 39 Jahre alte Minister, der überall mit seinem Laptop auftaucht, sei einer, der Wort halte. "Der sagt nicht immer, was man hören will. Aber er tut, was er sagt."

Es ist eine seltsame Mischung aus Frust und Anerkennung, die man über den Mann zu hören bekommt, in dessen Verantwortungsbereich nicht mal zwei Prozent der deutschen Studenten fallen und der es doch geschafft hat, mit seinen Positionen zu einem der bundesweit bekanntesten Ressortchefs aufzusteigen. Am 4. September sind Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, und für Brodkorb und seine SPD geht es um viel. So wenig Masse er bundespolitisch in die Waagschale werfen kann, so gewaltig ist seine Hausmacht. Der Zuschnitt seines Ministeriums ist einzigartig: Schule, Hochschule, Forschungseinrichtungen, Kitas, Theater und Museen, alles drin. Brodkorb ist Dienstherr von geschätzten 51 Prozent aller Landesbediensteten, die restlichen 49 Prozent verteilen sich auf die sieben anderen Ministerien und die Staatskanzlei.

Mit 10 verlässt er die DDR, mit 17 liest er Marx, mit 20 wechselt er von der PDS zur SPD

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Brodkorb kokettiert gern. Er sei hauptsächlich dafür da, dass der Unterrichtsausfall sich in Grenzen halte und genügend Lehrer ins Land kämen. Und was seinen Einfluss in der bundesweiten Wissenschaftspolitik angehe: "Bisher hat es noch kein Schwanz geschafft, mit dem Hund zu wedeln." Im nächsten Moment gibt er dann aber zu Protokoll, dass er einen Plan in der Tasche habe, um den Finanzierungswirrwarr zwischen Bund und Ländern "ganz einfach" zu entwirren.

Widerspruch und Widersprüchlichkeit, das sind die zwei Konstanten in Brodkorbs politischer Biografie. 1987 im Alter von zehn Jahren aus der DDR ausgereist und zu seinem Vater nach Österreich gezogen, 1992 nach Rostock zurückgekehrt. Mit 17 setzt er sich in die Stadtbibliothek und arbeitet die Schriften von Marx durch; einfach weil es ihn interessiert. Er tritt in die PDS ein, studiert Philosophie um des Marxismus willen, über das Studium wendet er sich von Marx ab und der antiken Philosophie zu. 1997 wechselt Brodkorb in die SPD. Er engagiert sich gegen den Rechtsradikalismus, erfindet Storch Heinar, einen Vogel mit Hitlerbärtchen und Stahlhelm, mit dem er die bei Rechtsradikalen beliebte Modemarke Thor Steinar veralbert.

Marx, Platon und Aristoteles seien für ihn wichtige politische Autoren gewesen, sagte Brodkorb mal in einem Interview. Gemeinsam sei ihnen die Wichtigkeit des Gerechtigkeitsbegriffs, doch es gebe Unterschiede: Marx glaube, dass nur Institutionen soziale Unterschiede beseitigen könnten; Aristoteles und Platon dagegen betonten, dass eine gerechte Gesellschaft nicht ohne gerechte Menschen zu haben sei. "Wie gut oder schlecht unsere Gesellschaft ist, entscheiden wir also jeden Tag, und zwar in uns selbst." Das wichtigste Politikfeld, so Brodkorbs Schlussfolgerung, sei daher nicht die Wirtschafts- oder Steuerpolitik, sondern die Bildung.

Brodkorb sagt, er selbst könne nicht entscheiden, was er eigentlich sei: "ein linker Konservativer oder ein konservativer Linker? Keine Ahnung." Eins aber wolle er immer sein: geradeheraus.