Dieser Name hätte ihr eigentlich wie ein Mühlstein um den jungen Karrierehals hängen müssen: zwei Ypsilons, diverse Akzente, noch dazu der Bindestrich – wer, um Himmels willen, sollte sich das merken können, geschweige denn jemals richtig aussprechen? Mirga Gražinytė-Tyla freilich, in Litauens Hauptstadt Vilnius geboren, scherte sich nicht groß darum. Im Gegenteil. Den umständlichen Doppelnamen verdankt sie weder ihrer Herkunft aus einer baltischen Musikerdynastie noch einer leichtfertig frühen Heirat, sondern einzig ihrer Fantasie. Sie wollte einen Künstlernamen haben und erfand vor vier Jahren den Bindestrich nebst "Tyla" einfach hinzu. Wobei "Tyla" im Litauischen "Stille" bedeutet, auch "Ruhe" oder "Schweigen".

Ein Eigenname mit Programm also. Bei unserem frühsommerlichen Treffen in Salzburg hat Gražinytė-Tyla dafür eine simple Erklärung: Sie fände es eben besser, Taten sprechen zu lassen als Worte. Musikalische Taten, versteht sich. Das könnte jetzt ein bisschen anstrengend klingen, nach künstlerischem Gelübde oder einer PR-Aktion. Der Blick aber, mit dem die 29-Jährige ihre Replik begleitet, erstickt alle Bedenken im Keim: Koboldhaft blitzt es aus ihren schmalen blaugrünen Augen, halb Intellektuelle, halb Bullerbü. Sehr typisch. Sie wisse wohl, sagt dieser Blick, dass sie ihre Rezeption nicht in der Hand habe. In Los Angeles, wo sie seit 2014 gelegentlich an der Seite von Gustavo Dudamel arbeitet (zunächst als seine Assistentin, von diesem Herbst an dann als ständige Gastdirigentin des Los Angeles Philharmonic Orchestra), nennen sie ohnehin alle nur Mirga, am liebsten mit Possessivpronomen: our Mirga, "unsere Mirga".

Auch ihre Kollegen Simon Rattle und Andris Nelsons waren in Birmingham

Am 26. August gibt Mirga Gražinytė-Tyla ihr Antrittskonzert als Musikdirektorin beim City of Birmingham Symphony Orchestra. Auf dem Programm stehen die Ouvertüre zu Mozarts Zauberflöte, der von Shakespeares Ophelia inspirierte Liederzyklus Let Me Tell You des zeitgenössischen dänischen Komponisten Hans Abrahamsen und Tschaikowskys Vierte Symphonie. Ein Programm der funkelnden Bezüge: Barbara Hannigan, die die Lieder singen wird, ist nicht nur Sopranistin, sondern selbst auch Dirigentin (ZEIT Nr. 21/16) – längst sind Frauen mit Taktstöcken nämlich kein Weltwunder mehr, und ein Schelm, wer bei diesem litauisch-kanadischen Zwillingspaar nicht an einen gezielten Akt weiblicher Solidarität dächte. Und der Dirigent der Berliner Uraufführung von Let Me Tell You war 2013 kein Geringerer als Andris Nelsons, Gražinytė-Tylas Vorgänger in Birmingham. Heute ist er Chef sowohl in Boston wie beim Leipziger Gewandhausorchester und gilt als Heilsbringer seiner Generation.

Nimmt man noch Simon Rattle hinzu, Mirgas Vorvorvorgänger in Birmingham, der Ende der neunziger Jahre als Nachfolger von Claudio Abbado den Thron der Berliner Philharmoniker bestieg, wo er zum medienkompatiblen Superstar avancierte, wird der Anspruch klar. Wie kein zweites europäisches Orchester fungiert das CBSO als Durchlauferhitzer des Erfolgs. Wer es hier schafft, im ebenso rauen wie erbarmungslos schnellen und beneidenswert flexiblen britischen Musikbusiness, dem stehen alle Türen offen. Und warum sollte eine Position, die Rattle und Nelsons zur großen internationalen Karriere verhalf, dies bei einer Frau nicht tun? Nur weil die Tradition es (noch) nicht hergibt? Ob sie es will oder nicht: Gražinytė-Tyla ist die Galionsfigur eines Paradigmenwechsels, der Dirigentinnen nicht nur brav im Unter- und Mittelbau des Musikbetriebs werkeln lässt, sondern endlich auch in Spitzenämter katapultiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

"If she doesn’t succeed, that’s life", schreibt die Los Angeles Times kalifornisch lakonisch, "if she does, that’s history." Frei übersetzt: Wenn es der Litauerin nicht gelingt, die Glasdecke zu durchbrechen, ist es Schicksal. Wenn es ihr gelingt, schreibt sie Geschichte.

Der Tag ist heiß, wir sitzen im Café des Hotels Sacher in Salzburg, wo es angeblich die besten Mehlspeisen der Stadt gibt und sich durch die Plüschpolster der Sitzgelegenheiten die Sprungfedern der Vergangenheit bohren. Das Salzburger Landestheater, dessen Generalmusikdirektorin Mirga Gražinytė-Tyla seit der vergangenen Spielzeit ist, liegt schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite. Am Abend wird sie dort eine Vorstellung von Stormy Interlude leiten, einer Kurzoper des österreichischen Komponisten Max Brand aus den fünfziger Jahren. Und weil die Oper so kurz ist, wird sie – witzige Idee – zweimal hintereinander gespielt, mit Varianten in der Inszenierung. Gražinytė-Tyla wirkt schmal, zart, zarter noch als beim Dirigieren oder sich Verbeugen (Bühne macht dick!) – zumal hinter ihr an den Wänden die Heroen der Salzburger Festspiele grüßen, von Richard Strauss bis Herbert von Karajan, mit vornehmen Leichenbittermienen.

"Die Abstände in meinem Leben waren immer kurz", sagt Gražinytė-Tyla und lacht, als könnte sie Gedanken lesen. Und als würde sie emsigst daran arbeiten, die Schlagzahl der Karriereschritte weiter zu erhöhen, so lange, bis sie am Ziel ist oder wenigstens nah dran. Worin dieses Ziel besteht? "Durch die Musik sprechen zu können, unter Menschenwesen." Oder auch: die eigenen "Baustellen" zu definieren, also die Komponisten zu finden, das Repertoire, bei dem es ihr um mehr geht als um Virtuosität oder Schnelligkeit. Um "die vertikale Linie" nämlich, ja um "Tiefe". So überraschend das 2016 aus dem Mund einer knapp 30-Jährigen klingt, so vielsagend präsentieren sich die "Baustellen" von Mirga, die die Stille liebt : Sie liegen in der Neuen Musik, immer wieder, vor allem aber im 20. Jahrhundert – und zwar dort, wo es nicht als Avantgarde begriffen wird. Bei Max Brand und seiner polyphonen, expressiv-eklektizistischen Theatermusik zum Beispiel. Oder bei Mieczysław Weinberg, einem ihrer Lieblinge, von dem sie gerne wüsste, ob er nur unterschätzt oder tatsächlich einer der ganz Großen war. Eine populäre, erfolgsorientierte Repertoirepolitik sieht sicher anders aus.

Nirgends ist Mirga Gražinytė-Tyla bislang länger geblieben als drei Jahre, auf erste Engagements in Heidelberg und Bern folgte 2015 Salzburg, wo sie nun zum Sommer 2017 wieder gekündigt hat. Der Litauerin haftet etwas eminent Konzentriertes, Versammeltes an und zwar – und das macht ihr Talent aus – ohne jedes Streberinnentum, jeden Nur-Ehrgeiz. Was für viele Dirigenten gilt, hat bei Gražinytė-Tyla etwas besonders Schnörkelloses: Sie ist, wie sie dirigiert, und dirigiert, wie sie ist. Frei, differenziert, höchst akkurat und doch von keiner Konvention bedrängt. Am Pult gibt sie sich tänzerisch, auch angriffslustig, die Arme führt sie wie eine Fechterin aus den Schultergelenken heraus, und bei Bedarf sitzt in jedem Finger eine andere Nuance. Man versteht, was Deborah Borda meint, die Grand Old Lady des US-amerikanischen Musiklebens und Intendantin des L.A. Philharmonic, wenn sie sagt, Mirga verfüge über eine "freudige, elegante Musikalität" und einen "seriösen Intellekt". Ohne die Schützenhilfe von Mrs Borda, das ist klar, hätte Gražinytė-Tylas Karriere auch im alten Europa nicht so schnell so viel Fahrt aufgenommen.