Notrufzentrale der Polizeidirektion Hannover, Waterloostraße 9. Ein Anruf geht ein.

Polizei: Notruf Polizei.

Anrufer: Schnell, hier, Überfall, hier, Netto-Markt in der ...-Siedlung* oben!

Polizei: Bitte wo?

Anrufer: In der ...-Siedlung, oben, ...-Weg. Netto-Markt, schnell!

Polizei: Wer sind Sie denn? Sind Sie Mitarbeiter?

Anrufer: Nein, ich stehe vor der Tür und habe das mitgekriegt.

Polizei: Sagen Sie mir Ihren Namen noch mal.

Anrufer: B. Ich warte hier. Schnell!

Polizei: Sind die Täter bewaffnet?

Anrufer: Ja, nee, mit einem ganz langen Messer, ungefähr 30 Zentimeter lang, Messer am Hals!

Polizei: Wie viele Täter sind denn das?

Anrufer: Zwei. Die sind jetzt weg, rüber Richtung Wiese gelaufen, Richtung Wiese. Wo das Hochhaus ist, da sind die hingelaufen!

Polizei: Beschreiben Sie die Täter.

Anrufer: Ja, ja. Ungefähr 1,80 bis 1,85 groß, ganz schlank, ganz schwarz gekleidet. Mit schwarzer Maske drauf.

Polizei: Und die sind weg in welche Richtung?

Anrufer: 25 bis 30 Jahre.

Polizei: In welche Richtung sind die weg?

Anrufer: Richtung, wo die Wiese ist.

Polizei: Alles klar. Funkstreifenwagen sind schon unterwegs. Bitte machen Sie sich bemerkbar, wenn die Kollegen kommen.

Polizeikommissarin, 35, Notrufzentrale: Wir haben bis zu 1.200 Anrufe pro Schicht, das ist etwa alle 30 Sekunden einer. Die Masse kommt tagsüber rein, wegen der Unfälle im Berufsverkehr. Raub, häusliche Gewalt und Tötungsdelikte gibt’s rund um die Uhr. Die Wahrscheinlichkeit einer Körperverletzung ist an Wochenenden natürlich höher, freitags und samstags, da wird Alkohol getrunken, da sind viele Leute unterwegs, die sich sonst nicht begegnen, da haben wir nachts Ausschläge nach oben. Ach, und Sommer ist natürlich interessanter als Winter, da passieren ungewöhnlichere Sachen: Dann springen Kinder von Brücken in den Mittellandkanal. In den Parks grillen die Leute, oft Menschen mit Migrationshintergrund – na ja, einmal sind da zwei verfeindete Familien aufeinandergetroffen und haben sich mit Grillspießen traktiert.

Polizeikommissar, 29, Einsatz- und Streifendienst: Über rote Ampeln fahren dürfen? Das ist es nicht mal. Wenn ich im Wagen sitze mit Blaulicht und Martinshorn, dann spüre ich: Ich habe eine Aufgabe. Eine wichtige Aufgabe. Und klar, wenn wir dann einen Kriminellen festnehmen, fühlt sich das gut an. Kindlich gesprochen: Man hat das Böse aufgehalten. Klingt das platt?

Polizeikommissar, 30, Einsatz- und Streifendienst: Ich habe Angst vor dem Augenblick, in dem ich zum ersten Mal meine Waffe benutzen muss. Als Polizist weiß ich zwar, wie man schießt. Wir gehen ja alle vier Monate auf den Schießstand, für eine Stunde und vielleicht 80 Schuss. Aber ob ich in dem Moment, in dem es drauf ankommt, Kontrolle über mich hätte? Wie vorgeschrieben auf Arm oder Bein ziele? Wenn ein Mann mit Machete auf mich zukommt, wo schieße ich dann hin? Vermutlich auf die größte Fläche.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Achtung, in diesem ZEIT-Dossier spricht die Polizei! Viel wird über die Polizei geredet, in jedem Ort über jede Geschwindigkeitskontrolle und im ganzen Land, wenn ein Beamter einen 17-jährigen Flüchtling erschießt, der Bahngäste mit einer Axt angegriffen hat (Würzburg); wenn ein Amokläufer eine Großstadt in Hysterie versetzt und 2.300 Polizisten gemeinsam im Einsatz sind (München); wenn ein IS-Terrorist sich in einer Kleinstadt in die Luft sprengt (Ansbach). Auf einmal wird die Frage "Wer passt auf uns auf?" wichtiger als fast alles andere. Der Blick richtet sich auf die Polizei, die jetzt mehr Geld, mehr Stellen, eine bessere Ausrüstung bekommen soll.

Aber wer ist das eigentlich, die Polizei? Wer hat jemals Polizisten wirklich reden hören, mehr als Sätze wie "Bitte machen Sie die Straße frei", "Was möchten Sie denn melden?" oder "Pusten Sie mal"? Polizisten sind wie Statuen im öffentlichen Raum: sichtbar – aber scheinbar ohne Innenleben. Sie tun, natürlich, viele Dinge mehr, als die Bürger vor Attentätern zu schützen. Nehmen wir Hannover, eine deutsche Durchschnittsgroßstadt und ihr deutsches Durchschnittsumland: 1,1 Millionen Menschen zwischen Wunstorf im Westen und Burgdorf im Osten. Das ganz normale Streitpotenzial, dasselbe Ausmaß krimineller Energien wie überall sonst auch. 121.119 Straftaten im vergangenen Jahr, darunter 10.786-mal Körperverletzung, 8.553 Ladendiebstähle, 6.222 Rauschgiftdelikte, 3.996 Fälle häuslicher Gewalt, 2.957 Haus- und Wohnungseinbrüche, 147 Vergewaltigungen, neunmal Mord und Totschlag, ein wegen Terrorwarnung abgesagtes Fußballländerspiel. Dazwischen als Aufpasser und Aufräumer 3.165 "Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamte", so der Behörden-Sound. Wenn man einige von ihnen einmal erzählen lässt, was erfährt man dann – über sie, über uns und über den Zustand der Welt?