Bis heute wurden weit mehr als 200 Genvarianten identifiziert, die mit der sportlichen Leistung zusammenhängen. Als erste Athleten wurden 2005 die Manly Sea Eagles, ein australisches Rugbyteam, auf ihre "Sportgene" untersucht. Manche Sportverbände setzen heute schon mehr oder weniger offiziell Gentests ein, um Talente zu finden: in Usbekistan, angeblich auch in China und Mexiko. Zudem haben rund 60 Universitäten aus mehr als einem Dutzend Ländern – von Japan über Litauen bis Weißrussland – die größte "Sportgen"-Suche gestartet, die es je gab: das Athlome Project. Mehr als 3.000 Athleten werden untersucht. Nir Eynon von der Victoria Universität Melbourne arbeitet an dem Projekt mit. Er meint: "Niemand wird nur durch Training Olympia-Sieger. Spitzenathleten bringen immer auch die entsprechenden genetischen Voraussetzungen mit."

In Deutschland und den meisten anderen Ländern fahnden Sportverbände jedoch vor allem mithilfe von Leistungsdaten nach Talenten. Es werden zwar auch psychologische und soziale Faktoren berücksichtigt, letztlich entscheiden aber in der Regel Test- und Wettkampf-Resultate sowie die Beurteilungen von Trainern darüber, wer gefördert wird. Maßgeblich ist also vor allem der aktuelle Leistungsstand – und kaum das Potenzial. Dies hat den Nachteil, dass vor allem Spätentwickler durch das Sichtungsnetz fallen.

Es sind erst zwei Gene eindeutig identifiziert, die sich konstant auf die Leistung auswirken
Nir Eynon, Sportwissenschaftler

Den Hobbyathleten von heute trennen dagegen nur wenige Klicks und eine Überweisung von der Antwort auf die Fragen: Habe ich Talent? Und wenn ja, für welche Sportart? So lauten zumindest die Versprechen von Testanbietern wie Atlas Genetics. Doch die meisten von ihnen betreiben ihr Geschäft intransparent. Bei 54 Prozent der Firmen ist unklar, welche Gene überhaupt untersucht werden, ergab eine Studie von 2015. Die übrigen testeten durchschnittlich ganze sechs Varianten.

Gegen Gentests spricht aber vor allem der ethische Aspekt: Was sagen sie überhaupt aus? Wie werden die Informationen genutzt? Und werden Kinder aufgrund solcher Tests früh in eine bestimmte Richtung gedrängt? "Die kommerziellen Tests haben so gut wie keine Aussagekraft", sagt Nir Eynon. "Es sind auch erst zwei Gene eindeutig identifiziert, die sich konstant auf die Leistung auswirken: ACTN3 und ACE."

Die "Sportgen"-Forschung kann helfen, Arzneien zu entwickeln – oder Dopingmittel

Das ACE-Gen enthält den Bauplan für ein Enzym, das den Blutfluss reguliert. Die lange Variante des Enzyms hängt mit einem schnelleren Muskelwachstum zusammen. In einer Studie des Rayne Institute London trugen jene Probanden, die nach einem elfwöchigen Trainingsprogramm ihre Muskeleffizienz am stärksten verbessert hatten, zwei lange ACE-Varianten. Jene fast 50 Prozent, die keine Steigerung aufwiesen, besaßen dagegen zwei kurze. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass jeder anders auf Training reagiert – aufgrund seiner Gene. Einer der führenden Sportgenetiker, Claude Bouchard von der Universität Louisiana, widmete diesen Unterschieden etliche Studien. In einer davon ließ sein Team 473 Untrainierte aus 99 Familien ein fünfmonatiges Sportprogramm absolvieren. Manche Teilnehmer steigerten ihre maximale Sauerstoffaufnahme enorm – bei anderen verschlechterte sie sich sogar trotz des Trainings. 47 Prozent dieser Varianz konnte Bouchard auf 21 Genvarianten zurückführen. Probanden, die höchstens neun davon im Erbgut hatten, verbesserten ihre maximale Sauerstoffaufnahme um durchschnittlich 221 Milliliter – jene, die 19 oder mehr aufwiesen, um 604 Milliliter.

Diese und viele weitere Studien machen deutlich: Weder ist Sporterfolg gerecht verteilt, noch zahlt sich Fleiß bei jedem im selben Maß aus. "Training allein kann viele weit bringen – aber nur bis zu einer natürlichen Grenze. Der nächste Schritt gelingt nur den genetisch Glücklichen", sagt Eynon. "30 bis 70 Prozent seines Leistungspotenzials erbt man."