Wenn Lucas Flöther eine Pleite abwickelt, dann ist das meist Routine. Flöther ist kein Insolvenzverwalter. Er ist ein Insolvenzmanager. Zehn Standorte unterhält seine Kanzlei Flöther & Wiessing, sie beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter. Man muss sich seine Firma wie einen Industriebetrieb vorstellen, der Insolvenzverfahren am Fließband durchzieht, Dutzende jedes Jahr. Fast jeder Handgriff sitzt.

Diesmal jedoch ist das anders. Denn diesmal geht es um Unister. Auch wenn Flöther schon viele Großinsolvenzen gemanagt hat – dieser Fall ist selbst für ihn, so sagt er, "ungewöhnlich".

Seit einem Monat befindet sich das größte deutsche Online-Reisebüro in der vorläufigen Insolvenz. Und noch immer überschlagen sich die Meldungen rund um das Unternehmen, das zum Schauplatz eines Wirtschaftskrimis geworden ist. Mitte Juli war Unisters Gründer und Chef Thomas Wagner nach Venedig gereist, um Geld für seine klamme Firma aufzutreiben. Dabei soll er einem windigen Geschäftsmann 1,5 Millionen Euro in bar übergeben haben, um von ihm einen zweistelligen Millionenkredit zu bekommen. Doch der Kreditgeber drehte ihm offenbar einen Koffer voller Falschgeld an. Auf dem Rückflug schließlich stürzte Wagner mit einem Kleinflugzeug ab und starb in den Trümmern. Die genauen Hintergründe und die Absturzursache sind unklar, Staatsanwälte ermitteln. Was für ein Drama.

Insolvenzverwalter Flöther hatte gehofft, im Windschatten der Venedig-Berichte in Ruhe einen Investor für das Unternehmen finden zu können. Inzwischen muss er jedoch feststellen, dass das so einfach nicht werden wird. Denn was der renommierte Verwalter in Leipzig vorgefunden hat, lässt sich selbst mit dem Begriff Chaos nur unzureichend umschreiben. Eine ordentliche Buchführung? Hat es offenbar schon lange nicht mehr gegeben. Ein testierter Jahresabschluss? Liegt weder für 2015 noch für 2014 vor.

Unister – das ist eine Geschichte von Aufstieg und Fall, wie sie selbst in der schnelllebigen Internetbranche beispiellos ist. Gegründet 2002, wuchs das Leipziger Start-up binnen weniger Jahre zu einem der wichtigsten deutschen Onlinekonzerne heran. Über Portale wie Ab-in-den-Urlaub.de oder Fluege.de vermittelte es Pauschalreisen, Mietwagen und Flüge im Wert von bis zu zwei Milliarden Euro. Das scheinbar grenzenlose Wachstum hatte allerdings seinen Preis: Allein für Google-Anzeigen sollen die Sachsen bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr ausgegeben haben. So kam es, dass das vermeintliche Vorzeigeunternehmen ausweislich alter Geschäftsberichte kaum jemals profitabel arbeitete – trotz üppiger Provisionen von Reiseveranstaltern wie TUI oder L’Tur. Seit 2012 spitzte sich die finanzielle Lage dann immer mehr zu. Zuletzt wurde das Unternehmen mit 1.100 Mitarbeitern offenbar geführt wie ein Dorfkiosk.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Flöther kann das so deutlich natürlich nicht sagen. Würde er die Firma schlechtreden, hätte er seinen Job verfehlt. Er darf die rund 1.100 Mitarbeiter nicht entmutigen, potenzielle Investoren nicht verprellen. Und doch stellen sich auch für den Insolvenzverwalter inzwischen zwei dramatische Fragen: War Unister nicht erst seit Mitte Juli pleite, sondern faktisch schon seit Monaten, wenn nicht Jahren? Und lässt sich das Unternehmen angesichts der chaotischen Zustände überhaupt noch vollständig verkaufen?

Eigentlich wollte der Insolvenzmanager den Verkaufsprozess bis spätestens Ende September abschließen. Nur so lange wird die Belegschaft von der Arbeitsagentur bezahlt, danach muss Unister seine Mitarbeiter wieder selbst entlohnen. Mithilfe eines Kredits wäre das wohl möglich. Doch klar ist: Je eher sich ein Investor findet, desto besser.

Um Tempo in das Verfahren zu bringen, setzte Pleitemanager Flöther gleich mal zehn seiner Leute auf den Fall Unister an. Zudem holte er sich externe Experten an seine Seite: Die Anwaltskanzlei McDermitt kümmert sich um rechtliche Spezialfragen. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young sind bemüht, zumindest rudimentäre Ordnung in die Zahlen zu bekommen. Und die australische Investmentbank Macquarie hilft bei der Suche nach Investoren.

Für ein ordentliches Verkaufsverfahren bleibt kaum Zeit

Flöthers Professionalität zeigt sich auch im Spiel mit der Presse. Wer manche Zeitungsberichte der vergangenen Wochen liest, könnte meinen, Unister sei über Nacht zur Vorzeigefirma mutiert: Potenzielle Käufer stehen angeblich Schlange. Die Buchungszahlen steigen angeblich wieder an. Und auch mit Google – der wichtigsten Werbeplattform, über die Reiseportale Kunden gewinnen – habe sich Unister angeblich schon Anfang August auf eine weitere Zusammenarbeit geeinigt.

Die Wirklichkeit sieht aber offenbar anders aus. Eine Einigung mit der US-Suchmaschine steht nach wie vor aus, wie Insider der ZEIT berichten. Flöther widerspricht dem nicht. Was den Anstieg der Buchungen betrifft: Hierzu existieren bislang keine belastbaren Zahlen. Und die Interessenten? Die gibt es. Aber welchen Preis würden sie zahlen?

Vieles spricht dafür, dass die potenziellen Verkaufserlöse nicht ausreichen werden, um die Ansprüche der Gläubiger zu bedienen. Die Gesamtverschuldung der Unister-Gruppe ist nach ZEIT- Informationen etwa dreimal höher, als es die bislang kursierenden Zahlen vermuten lassen. Ganz grob kalkuliert dürften die Verbindlichkeiten bei etwa 150 Millionen Euro liegen, sagen Insider; exakte Zahlen hat aufgrund des beschriebenen Chaos nicht einmal Flöther selbst. Demgegenüber soll ein Verkauf des Unternehmens rund 130 Millionen Euro einbringen. Das zumindest ist einem internen Papier des Insolvenzverwalters zu entnehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Flöther so viel rausschlägt. Branchenkenner sagen jedoch, eine Summe unter 100 Millionen Euro sei realistischer.

Das größte Problem ist: Für ein ordentliches Verkaufsverfahren bleibt kaum Zeit. Seit Montag können potenzielle Bieter die Zahlen von Unister einsehen. "Die wichtigsten Zahlen haben wir beisammen", sagt Flöther. Doch er räumt auch ein, "dass wir nicht jede Frage werden beantworten können". Potenzielle Investoren sind zurückhaltend. "Was wir vorgelegt bekommen, wird aber kaum aussagekräftig sein", heißt es vonseiten eines Interessenten. Und aus einem anderen bekannten Unternehmen, das als Käufer gehandelt wird, ist zu hören: "Wir sehen uns das mal an, sind aber generell eher skeptisch."

Wer kauft schon die Katze im Sack? Hedgefonds vielleicht, die riskante Geschäfte gewohnt sind. Großkonzerne wie ProSieben (weg.de), Burda (holidaycheck.de) oder TUI dagegen dürften sich schwertun, ein Objekt zu übernehmen, von dem sie kaum mehr als die Fassade kennen. Zudem ist fraglich, ob Flöther tatsächlich an seinem Ziel festhalten kann, Unister komplett zu veräußern. Denn wer die Firma als Ganzes erwirbt, würde sich auch sämtliche Rechtsrisiken aufhalsen. Wer will dieses Risiko eingehen bei einem Unternehmen, das notorisch im Clinch mit Staatsanwälten, Verbraucherschützern und anderen Unternehmen lag? Ein Beispiel: Angeblich verkaufte Unister jahrelang illegal als "Stornoschutz" kaschierte Versicherungen. Gründer Wagner sollte sich dafür demnächst vor Gericht verantworten.

Also kein Komplettverkauf? "Asset-Deals sind die wahrscheinlichere Option", sagt Flöther inzwischen selbst. Mit anderen Worten: Investoren kaufen nur einzelne Teile von Unister wie Fluege.de. Für die Beschäftigten wäre das keine gute Nachricht, sie müssten um ihre Jobs fürchten. Wobei: Dank des vermeintlichen Leuchtturms Unister haben viele Internetfirmen in Leipzig eine Dependance eröffnet – auch direkte Konkurrenten wie Trivago, Check24 oder Verivox. "Die waren schon immer scharf auf Unister-Leute", sagt ein Kenner der Leipziger Verhältnisse.

Härter könnte es für viele Geschäftspartner kommen – etwa den Versicherer HanseMerkur, der Unister seit 2013 mit Krediten von zwischenzeitlich mehr als 50 Millionen Euro liquide hielt. Denn Flöthers Rechercheure stellen, so ist zu hören, immer mehr kritische Fragen: Wusste niemand, wie schlecht es Unister geht? Hat keiner gemerkt, dass viele Unister-Manager schon lange vor der Pleite ihre Geschäftsführermandate abgaben – offenbar aus Angst, sie müssten haften? Und: Warum hat die HanseMerkur Kredite, die vor Monaten zurückgezahlt werden mussten, damals nicht fällig gestellt? Gegenüber der ZEIT wollte sich die Versicherung dazu nicht äußern.

Es gibt Insider, die behaupten, die Insolvenz sei nicht nur um einige Monate verschleppt worden, sondern deutlich länger. Das hieße: Der Insolvenzverwalter könnte theoretisch jede Zahlung zurückfordern, die Unister seitdem geleistet hat. "Da tut sich für viele Geschäftspartner ein gigantisches Anfechtungsrisiko auf", meint ein Insolvenzexperte, der das Verfahren eng begleitet. Flöther selbst sagt zu diesen Spekulationen nur: "Wir sehen uns alles sehr genau an."