Anna-Lena Schnabel hastet, den Koffer in der Hand, die Paul-Roosen-Straße herauf, zu spät, sorry, komme grad aus Osnabrück. Nicht schlimm, ich stehe auch noch vor der Tür der Trattoria, die sie zum Mittagessen und zum Reden über ihre erste Platte vorgeschlagen hat, aber das Lokal hat zu. Wohin jetzt?

Sie weiß um die Ecke in der Wohlwillstraße noch eine Garküche, Mr. Dam, und bei heißem Gemüse erzählt sie, wie der Jazz für sie, Tochter einer Friseurin aus Niedersachsen, begann: mit 16 zu Hause, abends spät, jene TV-Sendung über Louis Armstrong und Charlie Parker, und dass die aus dem Nichts Musik erfinden konnten. Klavier und Querflöte spielt sie da schon, sie nimmt das Saxofon hinzu. Die Mutter kann es zunächst gar nicht glauben: Jazzmusikerin willst du werden?

Elf Jahre und viele Tonleitern, Unterrichtsstunden, Auftritte später leuchtet ihr Stern hell am Hamburger Jazzhimmel – und strahlt weit darüber hinaus. Noch ist sie Studentin an der Hochschule für Musik und Theater, aber schon hat sie Richard Williams, Chef des Berliner Jazzfests, für das nächste Festival gebucht. Zwischen ihr und ihrer Musik sei keine Lücke, hat er über sie gesagt. Wenn sie spiele, gehe sie darin auf, charakterstark, erfindungsreich und voller Seele.

Was in ihr steckt, sieht man ihr nicht gleich an. Sie wirkt jünger als 27. Ein Mädchen fast in einem von Kerlen dominierten Genre. Zieh dir einen kurzen Rock an, wenn du auf die Bühne gehst, solche Sprüche bekommt sie zu hören. Bis sie loslegt. Ihr Zugriff ist so frisch und kraftvoll wie traditionsbewusst. Das erste Stück auf der Platte klingt wie ein Gruß an den großen Ornette Coleman.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 36 vom 25.8. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Weiter kommen wir in der Garküche nicht, denn Anna-Lena Schnabel hat eigentlich keine Zeit, sondern Besichtigungstermine. Ihre Wohnung auf St. Pauli musste sie aufgeben, Schimmel, Allergie, und jetzt sucht sie eine neue Bleibe in Hamburg, von Osnabrück aus, wo ihr Freund lebt, der Jazzpianist Florian Weber. Und sie hat kein Auto. Zum Glück hab ich eins, und sie füllt im Imbiss schnell ein paar Selbstauskunftsformulare aus, dann wuchten wir ihr Gepäck in den Kofferraum.

Wir kannten uns nicht, sind uns eben erst begegnet, aber auch das ist Jazz: nehmen, was der Moment gibt. Auf nach Harburg also, an den äußersten Rand der Stadt, wo es nichts gibt außer Wohnhäusern und langen Straßen, die nach Niedersachsen führen. Hier willst du wohnen? Na, wenn es schön ist und nicht verschimmelt?

Wir kurven um den Block und halten nach Bushaltestellen Ausschau. Wie kommt man hierher? Und wie kommt man hier wieder weg?

Während sie mit der Maklerin die Einzimmerwohnung begeht, warte ich vorm Haus und schwelge in der Vorstellung, Fahrer einer Jazzmusikerin zu werden. Allerdings hat sie ihren eigenen Stundenlohn mit drei Euro errechnet. Mein neuer Job wäre ganz und gar ehrenamtlich.