Für uns Kinder war es ein schöner Weihnachtsmoment, wenn am ersten oder zweiten Feiertag, nachdem alles ausgepackt und aufgegessen war, William Wylers Antikenfilm Ben Hur im Fernsehen lief. Vier Stunden in Opulenz und Dekadenz. Ein ganzer Nachmittag zwischen süßer Langweile und interessiertem Erschauern angesichts von schwitzenden, blutenden, malträtierten Männerkörpern in Röckchen und Sandalen. 50.000 Statisten! 2500 Pferde! 11 Oscars! Allein das legendäre Wagenrennen wurde von William Wyler zwei Jahre lang geplant, der Schauplatz drei Monate lang gebaut, die Szene fünf Wochen lang gedreht. In Ben Hur, hat ein amerikanischer Filmkritiker einmal geschrieben, fühle man sich wie ein Autofahrer, der an einer Straßenkreuzung wartet, während ein endloser Güterzug vorbeifährt. Bis heute bezieht der Film einen Teil seiner Faszination aus einer nicht abreißenden Materialparade, von fünfzig rekonstruierten Galeeren über die grobsteinigen Bauernhäuser von Nazareth bis zu einem in Cinecittà nachgebauten Circus Maximus. Ben Hur führt vor Augen, zu welcher Monumentalität sich der Monumentalfilm aufschwingen konnte.

Ein Remake von William Wylers Film (seinerseits ein Remake zweier Vorgänger von 1907 und 1925) muss sich vor allem an dem legendären Wagenrennen messen, bei dem die Feindschaft zwischen dem jüdischen Fürsten Ben Hur und dem römischen Feldherrn Messala zum Sportgemetzel eskaliert. Dieses Rennen ist denn auch das Beste an der Neuverfilmung des Stoffes durch den kasachischen Regisseur Timur Bekmambetow (Nightwatch, Abraham Lincoln Vampirjäger). Gedreht wurde mit kleinen, robusten Kameras, die den Pferden geradezu im Nacken sitzen. Andere Sequenzen bedienen sich der Ästhetik von YouTube-Filmchen. Zwischendurch taumelt die Kamera durch die Luft, wird überrannt oder fliegt über das Stadion hinweg. In diesem Stadion sitzen, raunen und brüllen Zehntausende Zuschauer, die keinen Hehl daraus machen, dass sie aus einem Computer stammen. Ebendiese Computereffekte sind ansonsten ein Problem des Films, dessen Budget mit 100 Millionen Dollar zwar hoch, aber offenbar nicht hoch genug war. Nur ganz kurz darf während einer Galeerenschlacht aus dem Ruderraum aufs Meer geblickt werden, wohl weil es aussieht wie eine blässlich blaue Brühe mit Sahnehäubchen.

Ein weiteres Problem sind die durchweg mediokren Schauspieler. Die Sprache und die spannungslose Körperhaltung von Jack Huston und Toby Kebbell in den Rollen von Ben Hur und Messala wirken so, als seien die beiden Figuren einer Soap rund um Liebes- und Lebensproblemchen unserer Tage – und nicht von Hass und Eifersucht getriebene, sich ihres Standes bewusste Anführer.

Ganz klar, auch William Wylers Ben Hur-Film hat unfreiwillig komische Momente: Wenn Stephen Boyd seine weichlockige Fünfziger-Jahre-Frisur mit herrischer Kopfbewegung unter einen Römerhelm zwängt. Oder wenn Charlton Heston mit durchgedrücktem Rücken und hochgerecktem Kinn von Anfang an die Heiligkeit verströmt, die ihn am Ende zum Christen werden lässt. Und doch scheint der alte Film von einem unausgesprochenen Konsens getragen: im großen, teuren Fake-Raum von Hollywood mit allem, was das Handwerk des Filmemachens zu bieten hat, eine irgendwie bedeutungsvolle antike Geschichte über Verrat und Rache zu erzählen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

In den USA, wo der neue Ben Hur-Film seit vergangener Woche durchschlagend erfolglos im Kino läuft, ist inzwischen eine kleine Debatte über die Motivationen des Verrats in beiden Filmen entstanden. Wylers Werk erzählt auf der manifesten Ebene von unterschiedlichen Loyalitäten innerhalb des römischen Imperiums: Nach Jahren der Trennung verlangt der römische Tribun Messala von seinem Kindheitsfreund Ben Hur, ihm die Namen jüdischer Aufwiegler zu nennen (eine Anspielung auf die Kommunistenjagd unter McCarthy). Als dieser sich weigert, befiehlt Messala, Ben Hurs Familie zu töten, und verbannt seinen Freund auf die Galeere. Der Subtext ist aber die Geschichte einer enttäuschten Liebe, die den Film zu einem Meilenstein der versteckten Schwulengeschichte Hollywoods machte. Befeuert wurde diese Lesart von Gore Vidal, einem der Co-Autoren von Ben Hur, der behauptete, er und William Wyler hätten den Messala-Darsteller Stephen Boyd in ihre homosexuelle Version eingeweiht, während man den ultrakonservativen Charlton Heston außen vor gelassen habe. Noch vierzig Jahre später sah sich Heston bemüßigt, dies in einem Brief an die LA Times zu dementieren ("ich bin höllisch irritiert").

Die Neuverfilmung, produziert von dem evangelikalen Ehepaar Mark Burnett und Roma Downey, so der Vorwurf von schwulen Autoren und Verbänden, enthomosexualisiere die Geschichte gezielt, indem sie Messala zu einem Adoptivbruder von Ben Hur mache. Das mag stimmen. Andererseits kann man ein Remake nicht zwingen, einen der schönsten Momente des Originals sklavisch zu kopieren: Stephen Boyds mädchenhaft unsicheres Lächeln beim Wiedersehen der beiden Freunde, sein zitterndes Grübchenkinn, seine Augen, die den anderen verschlingen.

Schlimmer ist da schon, was die Neuverfilmung Gottes Sohn antut, der bei Wyler nur eine Nebenfigur ist. Jesus, gespielt vom Typus eines feuchtäugigen Latin Lovers (Rodrigo Santoro), wird zu einer Art Wegbegleiter von Ben Hur. Wie Kai aus der Kiste taucht er immer wieder auf, steht plötzlich unmotiviert tischlernd an einer Straßenecke und verbreitet Plattitüden über Gottes Plan. Für 100 Millionen Dollar hätte man dem Heiland schon erklären können, wie man einen Hobel hält.

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