Kaum ein Wissenschaftler traut sich, über Misserfolge zu sprechen. Wir haben Forscher gebeten, es doch einmal zu versuchen. Herausgekommen sind Lebensläufe der anderen Art.

Vor Kurzem postete Johannes Haushofer, Assistant Professor in Princeton, einen CV of failures auf Facebook. Als Trost für die Abgelehnten. Sein Lebenslauf des Scheiterns wurde tausendfach geteilt. Tolle Idee, dachte ich. Lasst uns über das Scheitern reden! Eine Chronologie der Absagen und Kränkungen. Einen Anti-Lebenslauf! Um endlich die andere Seite der Karrieremedaille zu zeigen. Ich habe eine Liste mit Namen erstellt und die Wissenschaftler angeschrieben. Wollen Sie mit mir über das Scheitern reden? Tolle Idee, sagten sie. Aber bitte nicht mit mir!

Es gab drei Typen von Absagen. Erstens: Die angefragte Person antwortete nicht auf meine Anfrage. Schade, aber das täglich Brot journalistischer Arbeit. Zweitens: Begeisterung. Die ZEIT solle das Thema unbedingt bearbeiten! Nur man selbst wolle sich nicht exponieren. Drittens: Man könne den Anti-CV leider nicht ausfüllen – denn man sei nie gescheitert. Es habe halt immer alles geklappt. Insgesamt habe ich 20 Personen angeschrieben, darunter viele Frauen. Allesamt arrivierte und interessante Personen. Die einzige Frau, die sich bereit erklärt hat, mitzumachen, hat nach ihrer Promotion die Universität verlassen und arbeitet heute im Wissenschaftsmanagement.

Das hinterließ mich ratlos. Denn keine Woche vergeht, in der ich aus Gesprächen oder Konferenzen nicht vom Scheitern erfahre. Auf den akademischen Lebensläufen, die mir (mündlich) zugetragen werden, stehen verrissene Publikationen, geplatzte Rufe, nicht genehmigte Sonderforschungsbereiche und Hartz-IV-Monate. Beim zweiten Glas Wein höre ich von Habilitationstränen und verlorenen Machtkämpfen. Wenn ich vorschlage, in einem Zeitungsartikel diesen Kränkungen eine Stimme zu geben und das Persönliche zu politisieren, wird es still. Die befristete Stelle, die Kollegen, das System, ich wisse schon. Immerhin: Vier haben mitgemacht. Darunter auch ein Nobelpreisträger.

Französisch mangelhaft

Prof. Dr. Jürgen Handke

Geburtsjahr: 1954

Gescheiterte Bewerbungen: Uni Duisburg (1982); Uni Freiburg (1982) (bis 1984 nur Testbewerbungen aus einer Mitarbeiterstelle heraus); Universität Bremen (1999, 2. Listenplatz); Universität Gießen (2000, 3. Listenplatz).

Abgelehnte/im Sand verlaufene Publikationen: Vorschlag an den Tessloff Verlag, die Was ist Was-Reihe mit dem Band "Faszination Sprache" zu bereichern; Vorschlag an diverse deutsche Verlage, einen Band Linguistic Engineering zu publizieren.

Unglamouröse Jobs ohne Prestige und Lernfaktor: Technische Akademie Wuppertal (1991 bis 1994): IT-Schulungen; Informationsverarbeitung und angewandte Datentechnik GmbH, Marburg (1994 bis 1997): Multimedia-Schulungen. Allerdings entstand dadurch die Motivation, Lehrbücher zum Thema "Multimedia-Programmierung" zu schreiben.

Monate der Arbeitslosigkeit: Keine.

Schlechteste abgehaltene Vorlesung/Lehrveranstaltung: 1997 – als ich dachte, man könne Studierende einfach vor den PC setzen, ihnen meine wissenschaftliche CD-ROM in die Hand geben, und sie würden dann mit Begeisterung lernen. Das Gegenteil war der Fall. Es klappte nicht, und die Presse schrieb: "Computer ersetzt Professor!", ein Label, das mir noch jahrelang anhaftete.

Ungerechtes Verhalten gegenüber Student/Studentin oder Kollege/Kollegin: Ich hoffe, da war nichts. Allerdings glaube ich, dass wir alle oft den Eindruck erwecken, unsere eigene Disziplin sei die wichtigste von allen und das, was Kolleginnen und Kollegen betreiben, habe einen geringeren Stellenwert, weil man ja selbst so wichtig sei. Von diesen Gedanken habe ich mich in der Vergangenheit so manches Mal leiten lassen, bin aber heute einsichtiger und denke, alle akademischen Disziplinen haben ihre Daseinsberechtigung – wenn auch aus verschiedenen Gründen.

Dinge, die ich nicht gut kann: Mir fehlt es mittlerweile manchmal an Geduld beim Umgang mit "Unfertigkeiten". Beispiel: Wenn Studierende in Programmierkursen partout etwas nicht verstehen ›wollen‹. Hier hatte ich früher mehr Geduld beim Hinführen auf die Lösung als heute. Weil ich das aber weiß, kann ich damit umgehen – so hoffe ich.

Eine Sprache, die ich nur radebreche: Französisch … und noch viele weitere exotische Sprachen, die ich in Form von linguistischen Feldstudien behandelt habe.

Diese akademische Kränkung verfolgt mich bis heute: Jahrelang haben Kolleginnen und Kollegen – insbesondere aus dem eigenen Fach – nur wenig unversucht gelassen, meine Digitalisierungsbemühungen der Lehre zu diskreditieren. "Didaktische Vereinfachung", "Abschaffung von Stellen", "zu hohe Zugangshürden", "keine Zeit" oder schlichte Ignoranz sind nur einige Vorhaltungen der Gegnerschaft. Mittlerweile bin ich aus dieser Spirale herausgekommen – mit angesehenen Publikationen, hohen Drittmitteleinwerbungen, den zwei höchsten Lehrpreisen und nationalem und internationalem Ansehen. Ich habe aus dieser akademischen Ignoranz (nicht Kränkung!) eine enorme Kraft gezogen, bin beharrlich geblieben und habe an meine Ideen geglaubt. Aus Neid wurde für mich das höchst mögliche Lob: Ich begegne meinen Kollegen mit erhobenem Haupt, während sie zum Teil beschämt zur Seite schauen. Und ihre Vorhaltungen, die ich in meinem Buch Patient Hochschullehre fein säuberlich seziert habe, sind verstummt – offenbar musste man einsehen, dass man sich im Unrecht befindet.