Oft wissen es die Menschen gar nicht, wenn sie Geschichte machen – oder sie ihnen widerfährt. Für die vergangenen zwölf Monate gilt das nicht. Was seit dem 4. September 2015 geschehen ist, gehört zum Wichtigsten, was die Bundesrepublik erlebt hat. Die Frage ist nur: Was ist eigentlich passiert, was hat es mit den Deutschen gemacht? Und: War die Entscheidung der Kanzlerin, die Grenzen offen zu halten, richtig oder falsch?

Es hat keinen Sinn, sich dieser Frage rein rezensentisch zu nähern. Also: Was ist alles schiefgelaufen, passt es dem Kritiker oder eher nicht? Wer es ernst meint, muss mit einer Gegenüberstellung beginnen, zwischen dem, was passiert ist, und dem, was vermieden werden konnte, zwischen der Wahl, die getroffen wurde, und den Optionen, die zur Verfügung standen.

Zunächst zu den denkbaren Alternativen: Was Anfang September 2015 eindeutig nicht zur Wahl stand, das war ein Weg der Mitte und des Maßes.

Dafür hatte die deutsche Politik – und großteils auch die Öffentlichkeit – die Hunderttausenden Flüchtlinge, die schon seit Langem unterwegs waren, zu lange verdrängt. Auch und gerade die Regierung Merkel hatte den Eindruck erweckt, der Exodus aus Mittelost sei ein Problem der europäischen Küstenstaaten Italien und Griechenland. Folglich gab es keine auch nur annähernd angemessene Infrastruktur für die Aufnahme von Flüchtlingen in einer derartigen Größenordnung, es fehlte vom Rechtlichen über das Administrative bis zum Logistischen und Polizeilichen jedwede solide Vorbereitung.

Das galt im selben Maß allerdings auch für die andere Handlungsoption, die Grenzschließung. Auch sie wäre chaotisch verlaufen, in weiten Teilen rechtswidrig, es hätte Jagdszenen in Nieder- und Oberbayern gegeben, Wasserwerfer-Einsätze gegen unübersichtliche Menschengruppen, bei denen die Männer an der Hochdruckspritze nicht hätten entscheiden können, wen sie da treffen: Männer, Frauen oder Kinder, Syrer oder Albaner. Und der im Genre des Hartseins ausgesprochen ungelenke Bundesinnenminister hätte täglich erklären müssen, warum das leider alles notwendig sei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Und so wie mit der ungeordneten Grenzöffnung Kriminelle, Illegale und vermutlich auch militante Islamisten ins Land gekommen sind, so wären im anderen Falle Abertausende hilfsbedürftige und hilfsberechtigte Kriegsflüchtlinge nicht ins Land gelassen worden.

Willkommenschaos oder Abschottungschaos – das stand zur Wahl, etwas Drittes gab es wegen der vorhergehenden Versäumnisse nicht.

Die Haltungen der beiden wichtigsten flüchtlingspolitischen Antagonisten, Angela Merkel und Horst Seehofer, lassen sich so auf eine Formel bringen: Die Kanzlerin war der Meinung, dass die Deutschen die Bilder nicht aushalten würden, die bei einer chaotischen Grenzschließung entstehen, während der CSU-Chef glaubte, seinen Landsleuten das zumuten zu können. Im Nachhinein muss man sagen: Die Frage nach dem Aushalten-Können war einfach falsch gestellt. Wahrscheinlich hätten die Deutschen beides leidlich bewältigt, auch eine Grenzschließung, sie sind nämlich ganz gut im Bewältigen und in Autosuggestion.