Es gibt nicht nur eine, sondern gleich zwei Sammlungen, die den Anspruch erheben, die Bibliothek der Welt zu sein. Sie könnten gegensätzlicher nicht sein. Die eine, Google Books, ist bekannt. Fast jeder Forscher arbeitet mit ihr. Die andere, die World Digital Library, dagegen kaum. Was diese beiden Sammlungen trennt, ist der digital divide, die sogenannte digitale Kluft. Sie zeigt sich darin, dass Werke aus den USA und Europa durch Unternehmen wie Google ausgiebig digitalisiert werden, Bücher aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten oder Lateinamerika jedoch wenig.

Gegen die Unsichtbarkeit ganzer Kulturen im Internet kämpft die IFLA, die Internationale Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen. Jetzt, im August, hat sie sich wie jedes Jahr, diesmal in Ohio, Columbus, getroffen. Der IFLA gehören Bibliothekare fast aller Länder der Welt an. Wenn sie Stellung zur digitalen Informationsfreiheit auf der Welt nimmt, lohnt es sich hinzuhören. Denn diese Bibliothekare hüten die Wissenssammlungen der Erde, sie kennen deren Beschränkungen und Zensuren. In ihren nun veröffentlichten Papieren wird deutlich: Das Versprechen digitaler Informationsgleichheit ist durch digitale Bibliotheken nicht so leicht einzulösen, wie es etwa Google glauben macht.

Eine Sammlung im Internet hat zwar den Vorteil, dass sie von fast jedem Punkt der Erde aus genutzt werden kann. So kann eine bedeutende Einschränkung klassischer Bibliotheken umgangen werden: die Zensur. Doch nicht nur manche Regierungen beschränken Bestände, auch Wertvorstellungen führen dazu, dass Themen oder Autoren unsichtbar sind. Google indes folgt bei der Auswahl der Bestände, die es für digitalisierenswert hält, kommerziellen Interessen. Um diese Lücken zu schließen, hat die Unesco vor einigen Jahren die Finanzierung der Digitalen Weltbibliothek begonnen: Unter Vorsitz der Library of Congress und mit der IFLA stellt sie einen Kanon zusammen, der die Kluft schließen soll. Deswegen lässt sich die Digitale Weltbibliothek etwa auch auf Arabisch, Russisch und Chinesisch bedienen. Dort werden Werke vieler Kulturen gesammelt, nicht nur Bücher, auch Tonaufnahmen, Karten und Filme.

Die Bibliothekare der IFLA machten in Ohio nun deutlich, dass die globale Informationsfreiheit trotz grenzüberschreitender digitaler Möglichkeiten nicht unbegrenzt zunimmt. Sie sehen die Informationsfreiheit in Gefahr und berufen sich auf die Menschenrechte, Artikel 19: In einem öffentlichen Papier warnt die Vereinigung jetzt davor, dass die Netzneutralität immer schwächer wird, dass also die Ergebnisse und die Geschwindigkeit jeder Internetsuche von Interessen, etwa denen von Google, gesteuert sind, die sich der Überprüfung entziehen. Sie prangern zudem die Tarifstrategie großer Internetprovider an, die es reichen Kunden mit sogenannten Zero-Rating-Tarifen erlauben, unbegrenzt Daten zu verbrauchen, während ärmere Kunden die teureren, limitierten und langsameren Verbindungen nutzen müssten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Doch selbst eine Weltbibliothek, die nicht kommerziellen Auswahlkriterien folgen will, kommt ohne Sortierung nicht aus. Welche Werke sind von besonderem Wert, welche nicht? Warum sind Graphic Novels immer noch nicht dabei? Die Ironie der World Digital Library liegt darin, dass sie die Vielfalt nur zeigen kann, indem sie auswählt.