Seit Mai ist dem Saarländer Priester Otmar M. der Kontakt zu Kindern und Jugendlichen untersagt. Das Bistum Trier hat Anzeige erstattet, jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den 64-Jährigen. Ihm wird Missbrauch vorgeworfen – zum vierten Mal seit 2006. Und seit vergangener Woche ist klar: Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und heutige Erzbischof von München und Freising, hat damals, als Bischof in Trier, von den Vorwürfen gewusst, aber dennoch keine eigenen Ermittlungen angestrengt.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Ein ehemaliger Ministrant der Gemeinde, den die Lokalmedien Michael W. nennen, hatte 2006 erstmals Anzeige erstattet. Er beschuldigte den Priester, seit 1998 mehrfach übergriffig geworden zu sein. Er soll ihm unters T-Shirt gegriffen, ihn in seine Badewanne eingeladen und ihn ein andermal sogar betrunken gemacht und im Intimbereich angefasst haben. All das habe er der Polizei zu Protokoll gegeben, erzählt er im Gespräch mit Christ&Welt, und der Priester habe alles gestanden. Doch die Vorfälle waren verjährt, das Verfahren wurde eingestellt. Der Priester zelebrierte weiterhin Messen, bereitete Kinder auf die Erstkommunion vor und fuhr mit einzelnen Messdienern in den Urlaub. Einsicht in die Akten hat die Diözese erst im Frühjahr erhalten. Zehn Jahre und drei weitere Verfahren sollte es dauern, bis das Bistum Otmar M. in den Vorruhestand verabschiedete.

"Heute wird in einem solchen Fall anders verfahren, es würden eigene Ermittlungen angestrengt werden", heißt es in einer Stellungnahme von Kardinal Marx. Die Bischöfe hätten Konsequenzen aus bitteren Erfahrungen gezogen und entsprechend neue Leitlinien beschlossen, die für alle Bistümer gälten. 2006 sei alles gemäß der damals geltenden Leitlinien entschieden worden. Ganz richtig ist das nicht: Bereits in den Vorgaben von 2002 stand: "Unmittelbar nach Kenntnisnahme eines Verdachts oder eines Vergehens leitet der Beauftragte die Prüfung ein." Der Verdacht bestand, auch wenn er für die weltlichen Organe als verjährt galt. Nur: Missbrauch verjährt kirchenrechtlich nicht.

Warum also hat das Trierer Bistum 2006 unter Marx keine Ermittlungen veranlasst? Und warum wurde Pfarrer M. der Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht bereits 2006, 2013 oder 2015 untersagt? Für eine Antwort verweist die Bischofskonferenz an die zuständige Diözese. Eine Anfrage bei der Trierer Pressestelle erbrachte bis Redaktionsschluss keine Auskünfte.

Mit dem (mutmaßlichen) Opfer beziehungsweise seinen Erziehungsberechtigten wird umgehend Kontakt aufgenommen. So verlangen es die Leitlinien von 2002. "Weder das Bistum noch der Bischof haben mich seit 2006 kontaktiert", sagt Michael W.