Eine rätselhafte Tat, ein prominentes Opfer, ein Kreis an schillernden Verdächtigen: Es ist ein Mord wie aus einem Roman der damals viel gelesenen Agatha Christie. Am Morgen des 24. Januar 1941 finden zwei Milchmänner in der Nähe von Nairobi die Leiche von Josslyn Hay, Earl of Erroll. Der Tod hat den 39-Jährigen durch einen Kopfschuss ereilt, am Steuer seines Wagens. Zeugen: keine. Dafür ein bunter Strauß an möglichen Motiven.

Wenige Monate zuvor ist Erroll, Träger des höchsten schottischen Adelstitels nach der Königsfamilie, zum Heeressekretär für die britischen Kolonialstreitkräfte in Ostafrika ernannt worden. In dieser Position könnten ihn mächtige Männer für fehl am Platz gehalten haben. Der Lord gilt als Anhänger der faschistischen Partei Großbritanniens, womöglich begeistert er sich auch für das nationalsozialistische Deutschland. Unter den bis heute anhaltenden Spekulationen über die Tat kursiert denn auch die, britische Agenten hätten Erroll exekutiert, um mit ihm einen Sympathisanten der Deutschen aus der Militärführung zu entfernen.

Inspektor Arthur Poppy, der als Leiter der Kriminalpolizei von Nairobi die Ermittlungen übernimmt, konzentriert sich auf die private Umgebung des Opfers. Nahezu jeder verheiratete Mann und auch manche Frau aus Errolls Umfeld, so erkennt Poppy rasch, hätte ein Motiv, ihn zu töten.

Der Lord ist ein Playboy par excellence. Als Partnerinnen bevorzugt er verheiratete Frauen aus der feinen Gesellschaft, unter deren Ehemännern sich nicht wenige finden, die ihn dafür zum Teufel wünschen oder sich auch schon durch eine Tracht Prügel revanchiert haben.

Die Ermittlungen Poppys bringen Vorgänge ans Licht, anhand derer sich ein Sittengemälde der spätkolonialen Elitenkultur Ostafrikas entwerfen lässt.

Seinen ersten Skandal verursacht Erroll im zarten Alter von 15. Inmitten des Ersten Weltkriegs muss er wegen Fehlbetragens – die Legende will, dass eine Romanze dahintersteckt – das britische Elite-College Eton verlassen. Die anvisierte Diplomatenkarriere ruiniert er mit 22 durch eine Affäre mit der deutlich älteren Idina Sackville.

Im aristokratischen Milieu gilt Sackville trotz Adelstitel als Persona non grata – weil sie ihre Fingernägel grün lackiert, ihr Schoßhündchen "Satan" nennt und vor allem, weil sie 1919 ihren Mann und ihre zwei Kinder in England zurücklässt, um einem ihrer Liebhaber nach Afrika zu folgen. 1923 gibt sie auch diesem den Laufpass, um Erroll zu ehelichen. Mit ihrem Geld – Errolls Familie ist hochstehend, aber nicht vermögend – siedeln die beiden nach Kenia über. Sie hoffen, in der Kolonie jener feudalen Lebensweise des englischen Landadels frönen zu können, die ihnen im Mutterland kaum mehr möglich ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

In Kenia verlängern Erroll und Idina die Liste ihrer Amouren stetig weiter. Regelmäßig laden sie zu Partys in ihr komfortables Anwesen. Zu Beginn steigt Idina vor den Augen der Anwesenden aus der Badewanne und kleidet sich an. Am Ende tauschen alle Gäste ihre Partner und Partnerinnen und ziehen sich in eines der Schlafzimmer zurück.

Erroll sucht als Bettgenossinnen stets verheiratete Frauen. Besonders gefällt es ihm, alternde Aristokraten durch Affären mit ihren oft jüngeren Ehefrauen zu demütigen. Das verhilft ihm zu einer Form von Macht und mithin zu Genugtuung in einem Milieu, dessen verlogene Moral – erlaubt ist alles, solange es nicht an die Öffentlichkeit dringt – ihn die Karriere gekostet hat.

Idina verlässt ihn 1929, weil er sie um Geld betrügt. Rasch bringt Erroll eine seiner Freundinnen dazu, sich für ihn scheiden zu lassen: Edith Mildred Mary Agnes, wie schon seine erste Frau älter als er und reich. Sie heiraten 1930. Am Naivashasee, 70 Kilometer nordwestlich von Nairobi, beziehen sie ein luxuriöses Landgut. Dort hält Erroll seine Frau nicht davon ab, sich mit Alkohol, Morphium und Heroin zugrunde zu richten. "Gebt der Frau so viel zu trinken, wie sie will", soll er die Dienerschaft angewiesen haben. 1939 stirbt sie.

Erroll sucht nun seine neueste Eroberung zur Scheidung zu bewegen, die junge Diana Delamere. Sie ist erst kurz zuvor in Kenia eingetroffen, frisch verheiratet mit dem ergrauten Baronet Jock Delves Broughton.