Literaturexpress – das klingt wie der Titel einer Satire auf den Literaturbetrieb. Aber es gab ihn ja tatsächlich, diesen Sonderzug, in Wahrheit eher ein Bummelzug, der als rollende Metapher der literarischen Völkerverständigung im Sommer des Jahres 2000 von West- nach Osteuropa fuhr: mit 100 Schriftstellern aus 43 Ländern an Bord, von Lissabon bis Moskau. Am Ende, nach zig Lesungen, Begegnungen, Empfängen und Diskussionsveranstaltungen in 19 Städten, lief er in Berlin-Friedrichstraße ein. Und die erschöpften Schriftsteller taumelten noch zu einer Marathonlesung auf den nagelneuen Potsdamer Platz. Danach waren sie in ihre jeweiligen Heimatländer entlassen, jedoch begleitet von der Erwartung, es würde viele Bücher über die große gemeinsame Reise geben.

Es kam anders: Von dem Megaprojekt sind 16 Jahre später keine lesbaren Spuren geblieben, abgesehen von einem Roman mit dem Titel Literaturexpress, der 2009 in Tbilissi erschienen ist und vorgibt, die Erlebnisse eines georgischen Passagiers zu erzählen. Lasha Bugadze, ein in Georgien ziemlich erfolgreicher Bühnen- und Prosaautor, lässt den Schriftstellerzug allerdings im Herbst des Jahres 2008 (also kurz nach dem russisch-georgischen Krieg) fahren und machte einen gewissen Zaza zu seinem Helden, einen Jungschriftsteller, der mit einer Mischung aus kaukasischem Minderwertigkeitskomplex und künstlerischem Größenwahn Europa begegnet: in Gestalt einer Griechin namens Helena. Das Buch verdankt seinen dramaturgischen Bogen der Frage, ob, kurz und dem Ton des Buches entsprechend gesagt, Europa am Ende Georgien ranlassen wird oder nicht. Es ist also gewissermaßen eine Parabel, und das ist das Gewichtigste, was man von diesem Buch sagen kann. Das Unternehmen Literaturexpress liest sich bei Bugadze wie Aufzeichnungen von einer durchgeknallten Klassenfahrt, bei der hauptsächlich gesoffen und herumgeknutscht wird und unter den schreibenden Jungs Hahnenkämpfe ausgefochten werden. Eine mäßig lustige Farce also. Von den angeregten Debatten im Zug, vom immer wieder aufflammenden und ersterbenden gesamteuropäischen Enthusiasmus jener Jahre hingegen findet sich hier kein Wort.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Nun war der reale Literaturexpress, in dem ich eine Weile als Reporterin der ZEIT mitfuhr, ein weniger literarisches als kulturpolitisches Unternehmen voller kommunikativer Probleme. Wenn in einem Kulturcafé in Vilnius französisch- und estnischsprachige Autoren ihre Texte vortrugen, verstand sie keiner, aber das Publikum war überall wohlerzogen und hörte trotzdem zu. Auch im Zug waren die Sprachbarrieren von Abteil zu Abteil schwer zu durchbrechen und die Verständigung ohnehin mühsam: Da musste man sich einen Weg bahnen durch ein Dickicht von Vorurteilen, Erwartungen und irritierend anderen kulturellen Selbstverständlichkeiten. Gute Reisende können so etwas. Autoren aber sind Menschen, die ihre eigenen Gedanken und Geschichten verbreiten. Ihre Bücher entkräften nicht zwangsläufig kulturelle Klischees, sie erschaffen sie manchmal sogar. Und bedienen sie. So wie Bugadzes Roman.

Lasha Bugadze: Der Literaturexpress. Roman; aus dem Georgischen von Nino Haratischwili; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016, 315 S., 24,– €, als E-Book 15,99 €