Read the English version of this article

Ich habe eine unangenehme Sucht entwickelt; ich bin süchtig geworden nach Statements aus den Reihen der Republikanischen Partei. Jeden Morgen muss ich mir zwanghaft die neuesten Aussagen von Trump und den anderen durchlesen, dieses haar-sträu-ben-de Gefasel, und jeden Morgen wird es irrer, was die von sich geben. Rekord bislang: Rudy Giuliani, der neulich behauptet hat, vor Obama hätte es keine nennenswerten Terroranschläge auf amerikanischem Boden gegeben.

Nehmen Sie sich bitte einen Augenblick Zeit, lassen Sie sich Giulianis Statement auf der Zunge zergehen. Will nicht ein glucksendes Lachen der Fassungslosigkeit in Ihnen hochsteigen? Sie wissen genauso gut wie ich und Mr. Giuliani, dass der 11. September 2001 den größten Terroranschlag der Weltgeschichte darstellt und dass der Präsident der USA damals George W. Bush hieß. Vielleicht erinnern Sie sich außerdem auch noch, wer Bürgermeister von New York war: Es war Rudy G.

Wenn nun ausgerechnet Giuliani so tut, als hätte es den 11. September nicht gegeben, dann fasziniert mich das. Im ursprünglichen Sinn des Wortes: Seine Lüge hat etwas Behexendes. Sie schockiert, darin erinnert sie an einen plötzlichen Akt der Gewalt. Man würde Giuliani gern etwas entgegnen, ist aber zu baff. Übrigens hätte das auch keinen Zweck. Tatsächlich würde die Entgegnung "Du lügst!" nur beweisen, dass man Giuliani nicht verstanden hat. Denn das Interessante ist: Jeder kann dessen Lüge mühelos durchschauen. Selbst die Leute, die ihm applaudieren, wissen im Zweifelsfalle, dass das gerade eine Lüge war. Aber es ist ihnen gleichgültig.

Die Frage, ob etwas den Fakten entspricht, verliert offenbar an Relevanz. Das ist es, was die amerikanischen Republikaner, und nicht nur sie allein, begriffen haben, und das ist es, was ich mir immer wieder ansehen muss, wie einen schwarzen Zauber, den ich nicht verstehen kann.

Was ich begreife: Es geht hier um Gefühl. Giuliani weiß: Für die Leute vor ihm im Publikum ist es gefühlt wahr, dass seit Obama alles schlimmer geworden ist, auch der Terror. Seine Lüge nimmt dieses Gefühl auf, seine Lüge bestätigt es. Im Englischen kursiert seit einer Weile der Ausdruck post-truth politics. Er steht für das Phänomen, dass die Wahrheit einer Aussage für ihren Wert in der politischen Arena nicht mehr so wichtig ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Sagen Sie jetzt nicht: Na ja. Ist halt in Amerika so. Die mögen ja auch robot wars, Banken mit Drive-in und allein einen Zentner Cookies-and-Cream-Eis verspeisen. Aber mit uns hat das doch nichts zu tun.

Das hat es sehr wohl. In England zum Beispiel wurde von den Brexit-Befürwortern vor dem Referendum ebenfalls täglich widerlegbarer Quatsch verzapft: etwa dass es bei einem EU-Austritt sofort jede Woche 350 Millionen Pfund mehr für die staatliche Gesundheitskasse geben würde. War gelogen. Gewonnen haben die Leave-Advokaten trotzdem. Oder vielleicht gerade deswegen.

Und wenn Thomas de Maizière bei Maybrit Illner im Oktober 2015 behauptet, 30 Prozent der vermeintlichen Syrer in Deutschland stammten gar nicht aus Syrien, ohne dass sein Ministerium diese Zahl auch nur ansatzweise belegen könnte (und Nachforschungen im Gegenteil auf einen Anteil von weniger als einem Prozent schließen lassen): An wen wendet sich der Minister mit dieser Fantasie? Ist das nicht ein sehr bewusster Streichler für den rechten Rand der CDU, für alle, deren gefühlter Wahrheit diese Behauptung entspricht? Oder wenn Katja Kipping von den Linken im Fernsehen erklärt, die Bundesregierung spreche mit der Türkei nicht über die Menschenrechtslage dort. Bedient sie mit dieser ausgesprochen leicht widerlegbaren Falschaussage nicht bewusst die Wut all jener, die das europäische Flüchtlingsabkommen mit Erdoğans Staat ablehnen? Natürlich erzählten Politiker ihren Wählern schon immer am liebsten das, was die gern hören wollten. Aber solche Lügen durften nicht auffliegen, sie waren geächtet, so redete man am ehesten in Bierzelten, nicht im Fernsehen.