Immer mal wieder hatte Charles, Thronfolger von Beruf, seiner Wut freien Lauf gelassen, hatte gut antikapitalistisch gegen die Kräfte des Marktes gewettert, die in Stadt und Land die ärgsten Grausamkeiten emporwachsen ließen, monströse Türme, verpanzerte Einkaufszentren, kerkergleiche Wohnanlagen. Planer und Architekten hätten alles Schöne begraben: unter einer Woge aus Hässlichkeit. Manchmal allerdings zeigte der Prinz auch britischen Humor: "Eines", sagte er, "muss man der deutschen Luftwaffe zugestehen: Als sie unsere Häuser zertrümmerte, hat sie das Geröll nicht durch Schlimmeres ersetzt." Moderne Architektur, für Charles eine Fortsetzung des Krieges mit anderen, hausgemachten Mitteln.

Lange wusste der Prinz die Mehrheit des Volkes hinter sich, und vermutlich steht sie dort noch immer. Der allgemeine Hass auf die Betonmoderne der Nachkriegszeit ist kaum zu überschätzen. Doch wie es aussieht, bahnt sich gerade ein mittelgroßer Wertewandel an. Was bislang als Bausünde geschmäht war, wird plötzlich mit einiger Neugier bestaunt. Der Hass weicht unverhoffter Zuneigung. Die Hässlichkeit gelangt zu neuer Ehre und das keineswegs nur in englischen Landen.

Von Brasilien bis Japan, den Ostblock eingeschlossen, entstanden hartleibige Grob- und Großstrukturen, mal wagemutig in der Komposition wie das einstige Whitney Museum in New York, mal blockhaft verschlossen wie die St.-Agnes-Kirche in Berlin, mal ritterburgenhaft wie das Stadttheater in St. Gallen. Jeder kennt die zahllosen Rathäuser, Hotels, Schulen, die mitten im Kalten Krieg entstanden und lange nach Kräften übersehen wurden. Erst jetzt werden sie neu erkundet, neu bewundert, und selbst jene Bauten, die Charles als "Eiterbeule im Gesicht eines lieben Freundes" beschrieb, Sozialsiedlungen, die zuletzt großflächig abgeräumt werden sollten, weil man sie als Urgrund der überschießenden Gewalt begriff, ganz so, als sei es der Beton, aus dessen Ritzen jene Übellaunigkeit quelle, die irgendwann in Terror umschlägt, jene Häuser also, die zum Symbol der Ungleichheit geworden waren, erfreuen sich fast überschießender Sympathie.

Gerade erst zeigte sich im Streit um die Robin Hood Gardens, einen betongrauen Wohnriegel in London aus dem Jahr 1972, wie die neuen Fronten verlaufen. Die Kommune möchte abreißen, so schnell wie möglich, doch der Protest dagegen ist groß: Angeführt von der kürzlich verstorbenen Architektin Zaha Hadid, die das Ensemble für das wichtigste Bauwerk der britischen Hauptstadt hielt, wuchs eine breite, internationale Anhängerschaft heran, lautstark warb sie für das "kostbare Denkmal". Am Ende vergeblich, wie sich jetzt zeigt. Mitte August wurde der Abriss besiegelt.

Jede Menge solcher Großkaliber aus Beton sind in jüngster Zeit verschwunden, wurden zerstört, nur wenige Jahrzehnte nach ihrer Entstehung. Je mehr aber abgerissen werden, desto entflammter zeigen sich die Freunde des Rüden und Ruppigen. Unter dem Schlagwort Brutalismus bilden sich im Internet große Freundeskreise, es werden Kongresse und Ausstellungen abgehalten, zahlreiche Bildbände erscheinen. Neuerdings gibt es sogar Stadtführungen zum Thema brutalistisches Bauen. Was als Liebhaberei im Spezialistenkreis begann, weitet sich aus zur Bewegung. Vor allem bei Jüngeren, geprägt von der ewig glatten, ewig flotten Digitalmoderne, in der Geräte wie Menschen gefälligst schlank, beweglich, anschmiegsam zu sein haben, erwächst ein erstaunlich altmodisches Begehren: nach Schwere und Unverfügbarkeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Vielleicht ist es ein nostalgisches Verlangen, vielleicht auch bloß ein modischer Spleen. Vielleicht geht es den Jungen auf gewohnte Weise darum, mit kruden Vorlieben der etablierten Langeweile zu entkommen. Doch könnte der wahre Grund auch ein anderer sein. Unübersehbar liegt in den oft bunkerartigen Gebilden etwas verborgen, was unserer Gegenwart mangelt. Und so ist ihre Wiederentdeckung kein Zufall. Sie gehorcht einer Sehnsucht, mindestens so alt wie die Bauten selbst.

Damals, in den fünfziger und sechziger Jahren, wähnten sich nicht wenige Architekten als Widerstandskämpfer, allen voran Peter und Alison Smithson, deren Wohnanlage Robin Hood Gardens jetzt abgerissen werden soll. In ihren Augen war die Nachkriegszeit beherrscht von einer kalten, seelenlosen Moderne, die im Menschen nichts sah als ein billiges Rädchen im urbanen Getriebe und auch die Häuser nur als Unterbringungsmaschinen begriff. Was heute viele empfinden, wenn sie auf die Investorenkisten der Jetztzeit schauen, das empfanden die Architekten schon damals: universale Ödnis, in der alles überall gleich aussieht, "Wohnblocks wie Schulen, Schulen wie Verwaltungsgebäude und Verwaltungsgebäude wie Fabriken" (Oswald Mathias Ungers).

Den Idealen der klassischen Moderne mit ihren aufgestelzten Schachteln, die sich von jeglicher Tradition entbinden wollten, setzten die Brutalisten ihr Verlangen nach Bodenhaftung entgegen. Nicht austauschbar, nicht beliebig zu sein, nicht dem Zwang zur Uniformität gehorchen, das war ihr Credo. Und natürlich sollte ihre Architektur nicht brutal erscheinen, dafür aber brut: roh und ungekünstelt, einer tieferen Wahrheit verpflichtet.

Ihr liebstes Material war deshalb der Beton, ungestrichen, unverputzt, der herrlich derbe, ja auf felsige Weise naturbelassen aussieht, genau richtig, um dem Wunsch nach Urtümlichkeit eine Form zu geben. Der Architekt Paul Rudolph ließ sogar einen Trupp Steinmetze anrücken, als ihm einmal eine Hauswand missraten vorkam: nicht schrundig genug. Unter wildem Gehämmer sollte der Anschein des Oberflächlichen zerbröseln und jene archaische Patina entstehen, die Rudolph sich wünschte.

Sollen die Betongetüme weichen?

Heute stehen viele der brutalistischen Bauten tatsächlich sehr urviecherhaft in den Städten herum. Und gerade diese Zeitenthobenheit war den Architekten wichtig. Sie träumten nicht von universal gültigen Formen wie die Avantgarde, dafür aber von einer Dauerhaftigkeit, an der alle Geschmacksfragen abprallen. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert waren ja die Gestaltungskonventionen brüchig geworden, niemand wusste mehr, wie eine schöne, richtige Fassade zu gestalten sei. "In welchem Style sollen wir bauen?", hatte ratlos schon Heinrich Hübsch gefragt, ein Architekt des 19. Jahrhunderts. Die späte, durchdringende Antwort der Brutalisten: In gar keinem Stil. Ihre Häuser sollten sein, was sie sind: Architektur der Unhinterfragbarkeit.

Gelingen sollte das vor allem dank des Materials – neben Beton gelegentlich auch Ziegel –, das so treu und wahrhaftig wie möglich einzusetzen war. Es galt, nichts unter Zierrat zu verstecken, nichts zu verputzen, die Konstruktion für alle sichtbar zu halten. Weil dem eigenen Ideal der Aufrichtigkeit selbst die Stromleitungen zu gehorchen hatten, unverborgen von Tapeten, fand die Architektur zu einer eigenen Form der Transparenz. Brutalistische Bauten sind durchschaubar, ohne durchsichtig zu sein – und entsprechen damit ziemlich genau den paradoxen Bedürfnissen vieler Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts, die sich nichts sehnlicher wünschen als undurchdringliche Offenherzigkeit.

Überhaupt ist es die große Stärke dieser Architektur, möglichst viele Widersprüche auf sich zu binden. Sie bricht mit den herkömmlichen Ideen von Schönheit und glänzt doch durch extreme Fotogenität. Sie wirkt erstarrt in Wehrhaftigkeit und will doch für ein unverkrustetes Leben werben. Ja, sie verlangt bei aller Stabilität nach Umsturz. Mit ihrer Anti-Architektur träumten die Planer von einer anti-bourgeoisen Gesellschaft. Entsprechend fand Arne Jacobsen, kein Brutalist, sondern ein Architekt der Eleganz, das Anliegen seiner Kollegen unerhört "romantisch".

Durchaus im Schillerschen Sinne glaubten viele an die befreiende Macht der Kunst, wenngleich sie von guter Form, von gepflegter Ästhetik und solchen Dingen eher wenig wissen wollten. Ihr "moralischer Kreuzzug für ein besseres Habitat" (der Theoretiker Reyner Banham) war nicht als Missionarswerk gedacht, nicht als Zwangsbeglückung des bekehrungsbedürftigen Volkes. Ganz im heutigen Sinne – Partizipation! – wollte man gemeinsam mit den Menschen für ein besseres Dasein streiten, auch wenn man nicht recht wusste, wie das eigentlich gehen sollte. Getragen aber von einem damals noch großzügigen Wohlfahrtsstaat, schienen die Bedingungen günstig, der Gesellschaft endlich zu Glück, Ordnung und dergleichen zu verhelfen.

Nicht zuletzt das macht ihre Bauten jetzt so attraktiv: In ihnen nistet der Glaube, die Moderne ließe sich mit modernen Mitteln überwinden. Sie zeigen sich ungelenk individuell, auf Nonkonformismus bedacht. Und träumen doch von neuen Kollektiven, davon, dass unter betonierten Hüllen jene Ganzheitlichkeit zurückkehrt, die der zonierten, zerschnittenen Stadt bis heute fehlt. Selbst für jene, denen die Formen des Brutalismus allzu grobkantig vorkommen, spricht aus diesen Häusern der Wunsch, noch einmal das große Ganze in den Blick zu nehmen. Eine Entschiedenheit, die heute, erdrückt von Sach- und Konsenszwängen, kaum mehr vorstellbar ist – und umso mehr Bewunderer findet.

Und noch etwas erscheint verlockend: die Trutzigkeit dieser Bauten. Sie verkörpern selbstgewiss einen Anspruch auf Schutz, und wenn Architekturforscher meinen, dass viele Planer der Nachkriegszeit noch unter den Schutt-und-Asche-Bildern des Krieges litten und also ihre burgigen Entwürfe von schweren Traumata künden, so mag das unbewusst auch für unsere Zeiten attraktiv sein. Wenn die Welt aus den Fugen ist, wie es jetzt immer heißt, dann scheint Beton ein Versprechen auf Unerschütterlichkeit – Brutalismus als Krisenerlösungsgarant.

Die geschleckte Bauwelt von heute bietet jedenfalls wenig Halt, wenig Geheimnis, wenig höhlenhafte Gegenwelt. Sie kennt allenfalls überfeinerte Askese, nicht aber die utopische Hoffnung, in der schieren Substanz könne sich substanzielles Leben einhausen. Allerdings scheinen auch die meisten neuen Liebhaber des Brutalismus nicht ernsthaft an dieses ideelle Fundament zu glauben, jedenfalls hat man noch nicht davon gehört, dass scharenweise junge Leute hinaus in die bulligen Betonreviere zögen, um sich dort den Reizen des Rohen leibhaftig und dauerhaft auszusetzen. Die Direktheit dieser Architektur, auch das eine ihrer Paradoxien, wird lieber medialisiert genossen.

Das mag auch daran liegen, dass der fotografierte Brutalismus stets heroischer wirkt als der reale. Dieser hat unter Wind und Wetter schwer gelitten, der Beton will nicht altern, er zerfällt: zeigt Risse, abgeplatzte Kanten, rostende Armierungseisen und ist am Ende als Krimikulisse besser geeignet als für ein Leben im Tinder-Modus.

Jedenfalls lässt sich der Verdacht, der Brutalismus-Hype verdanke sich einzig einer kulturellen, auf primitivistische Affekte bedachten Elite, nicht leicht entkräften. War es den Architekten einst um eine Gegenkultur gegangen – everyday statt high culture! –, ist es nun mehrheitlich die gebildete, urbane Klasse der sogenannten Kreativen, die den Brutalismus verehrt, von bodennaher Alltäglichkeit aber nur wenig hält. Analog zur "Siegerkunst", ein Begriff des Theoretikers Wolfgang Ullrich, ließe sich von Siegerarchitektur sprechen, weil sich primär jene dafür erwärmen, die auf der stärkeren Seite der Gesellschaft stehen und dem Rest der Welt mit ihrer Liebe zur Rauheit signalisieren: Wir haben die nötigen Nehmerqualitäten, wir halten es aus, auch mit der ärgsten Ungestalt im Rücken. Hingegen hält sich dort, wo Menschen im Brutalismus tatsächlich wohnen müssen, die Euphorie in engen Grenzen: In Robin Hood Gardens verlangten zuletzt 75 Prozent der Bewohner den raschen Abriss.

Müssen sie also weg? Sollen die Betongetüme weichen, weil eh nur ein paar Ästhetizisten daran Gefallen finden? Vielleicht muss man kurz daran erinnern, dass auch Gotik und Barock zunächst Schimpfbegriffe waren, weil nachfolgende Generationen erst mal wenig mit den Bauten dieser Epochen anzufangen wussten. Ähnlich könnte es den brutalistischen Zeugnissen der Nachkriegszeit ergehen: dass ihr markanter Eigensinn erst spät erkannt und geschätzt werden wird. Dafür allerdings müsste man die Bauten erstens stehen lassen. Zweitens müsste man sie weit besser pflegen. Drittens sie vom Ghettoverdacht befreien, durch kluge Wohnungsvergabe und auch dadurch, dass all jene, die den Brutalismus bislang als Coffeetable-Phänomen zu schätzen wissen, sich aufmachen und die ersehnte raue Wirklichkeit zu ihrer eigenen machen.

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