Richtig sauer wird Nico Homonnay, wenn er Vorher-nachher-Videos sieht. In solchen Clips führen selbst ernannte Stottertherapeuten stolz Patienten vor, die sie angeblich in kürzester Zeit geheilt haben. Homonnay stottert selbst seit seinem fünften Lebensjahr. Heute ist er 32 Jahre alt, engagiert sich in der Bundesvereinigung für Stottern und Selbsthilfe und weiß, dass er vermutlich niemals ganz fließend sprechen wird. Das Thema seiner Doktorarbeit (Magnetische Effekte in oxidischen Materialien) geht dem Experimentalphysiker ganz locker von den Lippen, aber sonst kämpft er zur Zeit mal wieder mit den Silben. Wenn viel los sei in seinem Leben, sagt er, dann kämen diese Phasen, das kenne er schon.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Nico Homonnay hat wie viele Stotternde lange gehofft, dass seine Sprechprobleme irgendwann einfach verschwinden. Kein Wunder, wenn man sich anschaut, was Therapieanbieter potenziellen Kunden versprechen. "Mit Hypnose können Stotterer geheilt werden", steht auf einer Homepage. "Lernen Sie in nur fünf Tagen die Del-Ferro-Technik, und sprechen Sie ab dem ersten Tag flüssig", lockt eine andere. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Chancen, als Erwachsener sein Stottern vollständig wieder zu verlieren, sind sehr gering. Doch einige wenige Verfahren können nachweislich die Sprechflüssigkeit verbessern, immerhin.

"Wenn ein Anbieter Heilsversprechen macht, ist das ganz klar unseriös", sagt Katrin Neumann, Fachärztin für Phoniatrie und Pädaudiologie in Bochum. Unter Neumanns Regie ist eine neue Leitlinie zum Thema Stottern entstanden, die in den nächsten Tagen in Kraft treten wird. Eine Leitlinie, das ist eine wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Handlungsempfehlung für Ärzte und Therapeuten. Sie fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen und beschreibt auch, was nicht funktioniert. Zum Beispiel: dass eine Heilung bei Erwachsenen nicht wahrscheinlich sei. Dass ein langfristiger Effekt von Hypnose, reinen Atemtechniken und alleiniger Psychotherapie nicht nachgewiesen sei. Und besonders brenzlig: dass ebenfalls ein klarer Wirksamkeitsnachweis für die eher unspezifischen Therapien fehle, die vor allem viele junge Stotternde von Logopäden oder Sprachtherapeuten erhalten – oft über Jahre hinweg. Nico Homonnay erinnert sich noch gut an seinen ohne Konzept zusammengestellten Therapie-Mischmasch aus Atemübungen, rhythmischem Reden und ähnlichen Ansätzen. "Manches mag in der Übungssituation sogar funktionieren, das war aber alles nicht alltagstauglich", sagt er.

Die Leitlinie dürfte für Diskussionen sorgen, denn an den rund 800.000 Stotternden in Deutschland verdienen viele gutes Geld: Ärzte, Logopäden, Sprachheilpädagogen, Psychotherapeuten und eine Menge Scharlatane.

Mit der neuen Leitlinie wollen die Verfasser Wissenslücken schließen und mit Vorurteilen über stotternde Menschen aufräumen. Das beginnt schon bei der Benennung: "Originär neurogenes Stottern" soll die Redeflussstörung ab jetzt heißen. Originär, weil man inzwischen weiß, dass Stottern zu 70 bis 80 Prozent erblich bedingt ist, Betroffene also mit der Veranlagung geboren werden. Neurogen, weil diese genetische Veranlagung zu messbaren Abweichungen in der Hirnstruktur führt. Katrin Neumann sagt: "Das Gehirn von Stotternden funktioniert von Anfang an anders."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Stottern ist also keine Erkrankung, an der die Eltern schuld sind. Die Störung wird auch nicht durch ein Trauma in der Kindheit verursacht – eine Theorie, die Nico Homonnay immer wieder zu hören bekommt. "Da heißt es dann, damals wurdest du vom Hund gebissen, und dann hast du angefangen zu stottern", sagt er und fügt hinzu: "Ich kann ja verstehen, dass viele nach einem Grund suchen. Das ist aber nicht sehr hilfreich." Tatsächlich, sagt Neumann, seien solche Erlebnisse nie die Ursache, sondern könnten höchstens als Auslöser wirken. Das bedeutet: Das besonders empfindliche Gehirn der Betroffenen hätte genauso gut auf jeden anderen Zwischenfall reagieren können.

Allerdings ist der Beginn des Stotterns eine kritische Phase. Meistens stockt der Redefluss zum ersten Mal im Alter zwischen zwei und sechs Jahren. Viele Kinderärzte versuchen besorgte Eltern dann erst einmal zu beschwichtigen und erklären ihnen, das Stottern werde sich schon auswachsen. "Das ist sicher gut gemeint und hat auch einen vermeintlich guten Grund", sagt Neumann. "Drei von vier Kindern hören tatsächlich von allein wieder auf zu stottern. Das vierte Kind aber braucht so früh wie möglich eine wirksame Behandlung, sonst leidet es womöglich den Rest seines Lebens darunter." Nicht länger als sechs Monate, allerhöchstens ein Jahr soll der Kinderarzt deshalb laut der neuen Leitlinie abwarten, bevor er ein stotterndes Kind zur Therapie schickt. Leidet ein Kind sichtlich unter der Sprechstörung oder kommen mehrere Risikofaktoren zusammen, etwa stotternde Verwandte und männliches Geschlecht, sollte es sofort professionelle Hilfe bekommen. Und zwar nicht irgendeine. "Entscheidend ist, dass die Logopädin oder Sprachtherapeutin konsequent nach einem Verfahren arbeitet, dessen Wirksamkeit erwiesen ist", sagt Katrin Neumann.

Für Kinder hat sich die Lidcombe-Methode bewährt, ein verhaltenstherapeutisches Programm aus Sydney. Darin lernen Eltern, wie sie ihr Kind mit gezieltem Lob und unaufgeregten Hinweisen systematisch zu einer flüssigen Sprechweise bewegen können. Wenn das Kind beim Spielen besonders gut spricht, lobt die Mutter zum Beispiel: "Das hast du toll gesagt!", wenn es stottert: "Ups, das war ein bisschen holprig." Wichtig ist dabei, dass der Ton niemals bestrafend klingt und das Kind insgesamt deutlich öfter gelobt wird. Anders als Erwachsene können viele Kinder ihre Redeflussstörung so ganz wieder ablegen, idealerweise noch vor der Einschulung.