Die Preiserhöhung ist als Werbung getarnt. Und wie bei einer Anzeige sieht man auf der Postsendung des Stromanbieters Eprimo erst mal nur das, was man sehen soll: das TÜV-Siegel, die Testsieger-Plakette und in fett gedruckten grünen Buchstaben den Befehl: "SICHERN SIE SICH DIE XXL-PREISGARANTIE!" Die "Infopost" von Eprimo, der Billigtochter von RWE, sieht aus wie einer dieser Flyer, die einem beim Öffnen des Briefkastens entgegenfallen und die man sofort ungelesen in den Papierkorb wirft. Und just diesen Zweck soll das Schreiben wahrscheinlich auch erreichen: dass es die Kundschaft nicht liest.

Was Adressaten leicht übersehen können, sind zwei 3,0 Millimeter hohe Sätze: "Zusammen mit den gesunkenen Einkaufskonditionen gelten daher ab dem 01. 10. 2016 folgende Preise in Ihrem Tarif." Und: "Der Arbeitspreis in Cent/kWh liegt bei 27,79." Klingt harmlos, bedeutet aber für einen Eprimo-Kunden mit vierköpfiger Familie im Schnitt rund 120 Euro Preiserhöhung im Jahr. Beim Nachschauen im alten Vertrag zeigt sich: Bislang verlangte der Anbieter weniger als 25 Cent pro Kilowattstunde (kWh).

Vielen deutschen Stromkunden geht es derzeit ähnlich. Hunderttausende erhalten in diesen Wochen Post von ihren Versorgern. Mindestens 240 Anbieter haben seit dem Jahreswechsel den Strom verteuert. Laut Gesetz müssen sie die Abnehmer erstens darüber informieren. Und zweitens müssen sie auf das Sonderkündigungsrecht hinweisen, das den Kunden wegen der Preiserhöhung zusteht. Doch viele Anbieter scheuen es, diese Botschaft offen zu verkünden. Stattdessen versuchen sie, der Kundschaft die Verteuerung mithilfe von Tricks unterzujubeln.

"Was hier geschieht, ist am Rande des unlauteren Wettbewerbs", sagt Jürgen Schröder, Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Schröder ist ein bedächtiger Jurist. Aber wenn er über Stromlieferanten redet, die ihre Abnehmer übervorteilen, wird seine Stimme höher und lauter: "Versteckte Preiserhöhungen sind eine Masche in dieser Branche, die immer mehr ausufert."

Oft wenden sich Stromkunden mit solch dubiosen Briefen ihrer Versorger an die Verbraucherschützer. "UNSER TOP-ANGEBOT: 24 MONATE PREISGARANTIE" überschreibt etwa der Frankfurter Versorger Enervatis einen vermeintlichen Werbebrief. Darauf reckt ein Kind seine Arme jubelnd in die Luft, dicke Buttons bewerben das Angebot für "nur 3,99 € pro Monat". Irgendwo in der Mitte steht dann unauffällig die entscheidende Zeile: "Zum 01. 04. 2016 berechnet sich Ihr Tarif ..." Der Kunde hatte keine drei Monate vorher bei Enervatis unterschrieben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Andere machen es ihren Geschäftspartnern noch schwerer, die Verteuerung überhaupt mitzukriegen. Das Magdeburger Unternehmen Stromio etwa schickt Kunden der Marke Grünwelt eine E-Mail mit der Mitteilung: "Wir haben in Ihrem Online-Portal zum Vertragskonto ein neues Dokument für Sie zur Verfügung gestellt." Der Kunde muss sich also erst umständlich einloggen – um sich dann durch ein zweiseitiges, eng bedrucktes Schreiben zu kämpfen. Der Schlüsselsatz verbirgt sich auf Seite zwei, im fünften von sieben Abschnitten, Zeile 37: "Daher beträgt Ihr Arbeitspreis ab dem 17. 10. 2016 29,93 Cent pro kWh." Wühlt man sich dann noch durch die Akten und wirft den Taschenrechner an, findet man heraus: 13 Prozent Preiserhöhung.

Auch ExtraEnergie setzte auf das Prinzip Langeweile. Das Neusser Unternehmen, das die Marken Prioenergie und Hitenergie nutzt, schickte Kunden eine mehrseitige Mail. In der wies es erst nach anderthalb Seiten Blabla über die Energiewende und deren Folgen auf die anstehende Preiserhöhung hin – mitten im Fließtext und in gerade mal zwei Sätzen. Es folgten weitere Textmassen: womöglich für diejenigen, die Papierkram von hinten lesen.

"Solche Schreiben sind nach unserer Ansicht unwirksam", sagt Verbraucherschützer Schröder. "Wenn ein Kunde diese Preiserhöhungen nicht mitbekommt, muss er sie nicht bezahlen." Die Verbraucherzentrale Sachsen hat ExtraEnergie verklagt und in erster Instanz gesiegt: Das Landgericht Düsseldorf sieht in den E-Mails eine unzulässige Verschleierung. ExtraEnergie hat Berufung eingelegt. In Kürze entscheidet das Oberlandesgericht.