Unterstützt die Türkei Terroristen? Ist sie gar, wie es in einem internen Dokument der Bundesregierung heißt, eine "zentrale Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen" in der Region?

Die Einschätzung, die auf Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienstes basieren soll, hat in Berlin jüngst für einige Aufregung gesorgt und die ohnehin aufgerauten deutsch-türkischen Beziehungen weiter belastet.

Es handele sich um eine pointierte Darstellung "eines Teilaspekts der türkischen Wirklichkeit", sagte Innenminister Thomas de Maizière. Distanzieren aber wollte er sich nicht von der Bewertung. In dem vertraulichen Papier heißt es unter anderem: "Die zahlreichen Solidaritätsbekundungen und Unterstützungshandlungen für die ägyptische Muslimbruderschaft, die Hamas und Gruppen der bewaffneten islamistischen Opposition in Syrien durch die Regierungspartei AKP und Staatspräsident Erdogan unterstreichen deren ideologische Affinität zu den Muslimbrüdern."

Was ist dran an diesem "Teilaspekt der türkischen Wirklichkeit"? In der Türkei wird über diese Frage seit Jahren gestritten, Journalisten schreiben darüber, Staatsanwälte ermitteln. Um drei Komplexe geht es vor allem: um Waffenlieferungen an den sogenannten "Islamischen Staat" (IS). Um eine wohlwollende Duldung der Aktivitäten von Dschihadisten durch die Türkei. Und um die Unterstützung der Terrororganisation Hamas.

Eindeutig belegt ist von alledem wenig. Das liegt daran, dass fast alle Quellen trübe sind, die politischen Interessen diffus und dass immer wieder Tatsachen und Gerüchte verschwimmen. Versuchen wir trotzdem eine Sortierung: Welche Vorwürfe lassen sich erhärten? Welche nicht? Und was erscheint immerhin plausibel?

Liefert der türkische Geheimdienst Waffen an den IS in Syrien?

Was bekannt ist: Am 19. Januar 2014 stoppte die Gendarmerie im südtürkischen Adana, unweit der syrischen Grenze, drei Lkw. Der zuständige Staatsanwalt Aziz Takçı erteilte die Anweisung, die Lastwagen zu durchsuchen, doch die Männer, die den Konvoi begleiteten, widersetzten sich. Sie waren, wie sich herausstellte, Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT, weigerten sich aber, sich auszuweisen oder Dokumente über den Inhalt ihres Transports vorzuzeigen. Staatsanwalt Takçı ließ die Fahrzeuge dennoch öffnen und fand in sechs Containern: Mörser, Artilleriegeschosse, Maschinengewehrpatronen. So berichtete er es etwa ein Jahr später der Zeitung Cumhuriyet in einem Interview. Takçı sagte auch, dass anschließend der Gouverneur der Provinz in Begleitung von 300 bis 400 Sicherheitskräften an den Ort der Durchsuchung gekommen sei und erklärt habe, dass die Lkw dem MIT gehörten. Der damalige Premierminister Tayyip Erdoğan, so der Gouverneur weiter, habe ihn persönlich angerufen und gesagt: Der Staatsanwalt soll die Lkw weiterfahren lassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Was unbekannt ist: wer den Lkw-Transport angeordnet hat und für wen die Ladung bestimmt war. Ebenso wenig belegt ist, ob das Kriegsmaterial an den IS ging. Vertreter von Regierung und Sicherheitsbehörden verstrickten sich allerdings in Widersprüche. Zunächst behaupteten sie, bei der Lkw-Fracht handele es sich um "humanitäre Hilfe" für die Turkmenen in Syrien, als deren Schutzmacht sich die Türkei sieht. Dann hieß es, die ganze Angelegenheit sei ein "Staatsgeheimnis". Die Turkmenen allerdings, so wurde später berichtet, sagten, dass bei ihnen nichts angekommen sei. Ende 2015, einige Wochen nachdem seine Partei, die AKP, die Parlamentswahl gewonnen hatte, äußerte sich Präsident Erdoğan erneut zu den Vorwürfen: "Einige sagen, ich hätte gesagt, da seien keine Waffen drin gewesen. Nun, und wenn schon?"

Als wahrscheinlich sehen es viele Beobachter in der Türkei an, dass der Waffentransport an islamistische Gruppen in Syrien gegangen ist. Das deckt sich mit deutschen Erkenntnissen. In einem Regierungsdokument, über das im vergangenen Jahr das ARD-Magazin Monitor berichtete, hieß es: "Seit Mitte November 2014 deuten nachrichtendienstliche Hinweise auf Waffenlieferungen Ankaras an Kräfte des bewaffneten Widerstands in Syrien hin. Empfänger sollen die Gruppierung Ahrar al Sham bzw. die Islamische Front gewesen sein."