Über den Vorratskeller meiner Mutter erzählten wir Kinder uns gerne, dort könne man problemlos den nächsten Krieg überleben. Noch immer stehen in tiefen Holzregalen Einmachgläser mit Birnen und Bohnen. Was der Garten nicht hergab, wurde in der Dose beschafft: Rotkohl und Sauerkraut, Aprikosen und Ananas. Dazu Reis und Nudeln, alles im halben Dutzend.

Erst viel später – selbst erwachsen – begriffen wir, dass dieser Vorrat, vorgeblich für überfallartige Besuche von Teilen der Großfamilie angelegt, eine Reaktion auf jene tief sitzende Angst war, die Kriegskindern innewohnt.

In vielen Kellern dieser Generation stapeln sich noch alte Vorräte. Selbst Trinkwasser wurde in Einmachgläsern konserviert. Wer Entbehrung erlebt hatte, wollte sich in guten Zeiten wappnen für die schlechten, die ja wieder kommen konnten. Was kam, war das Ende des Kalten Kriegs. Die Regierung schloss ihren Atombunker. Sie löste ihre Notvorräte auf, stellte Schutzmaßnahmen ein und verbuchte die Ersparnis als Friedensdividende. Die Angst vor dem Krieg verblasste.

Für das, was wir heute Notfall nennen, gibt es den Shop an der Tankstelle

Stattdessen wurden bald neue Gefahren sichtbar. Nach Terror (9/11) und Naturkatastrophen (Elbeflut) begann die Bundesregierung umzudenken. 2004 gründete sie ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe – versäumte jedoch, diesem ein Konzept zu geben. Das hat sie nun vorgelegt. Darin mahnt sie unter anderem die Bürger, Trinkwasser und Lebensmittel einzulagern.

Seltsam spöttisch sind die Reaktionen darauf. Sie reichen von praktischen Fragen (Wo in meiner Singlewohnung soll ich denn bitte die Dosen stapeln?) über alberne Wortspiele (Bei Fressnapf gehen die Hamster aus!), von sarkastischen Einwürfen (Gegen welchen Atomschlag helfen schon ein paar Liter Wasser?) bis zum ironischen Tipp: "Lieferando-Gutscheine für zehn Tage bestellen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Wir können uns wohl wirklich nicht mehr vorstellen, dass der Bote die Online-Sushi-Bestellung nicht mehr bringt, dass der Italiener, der Grieche, der Vietnamese nebenan als Ernährer ausfallen. Unsere Kühlschränke sind bis auf ein paar Joghurts, ein wenig frisches Gemüse und zwei Flaschen Bier für alle Fälle meistens ziemlich leer. Konserven sind ohnehin out. Die Designerküche dient dem effektvollen Öffnen einer Flasche Rotwein. Statt Linsen und Reis finden sich exotische Gewürze aus dem letzten Urlaub im Regal. Und für das, was wir heute Notfall nennen, gibt es ja noch den 24-Stunden-Shop an der nächsten Tankstelle.

Damit diese Alles-ist-immer-verfügbar-Welt zusammenbricht, bedarf es aber gar keines Krieges. Schon ein großflächiger Stromausfall – wie zuletzt beim Wintereinbruch 2005 im Münsterland – reicht aus. Das digitale Schnurlostelefon, die elektronisch gesteuerte Gasheizung, der Geldautomat, die Supermarktkasse, die Benzinpumpe an der Tankstelle – sie versagen ihren Dienst. Ampeln fallen aus, Züge fahren nicht mehr. Bald ist auch der Handy-Akku leer.