Frage: Herr Schießler, wie ist es für Sie, nach Hause zu kommen?

Rainer Maria Schießler: Oft nicht schön. Nach der Arbeit wartet eine leere Wohnung auf mich, 120 Quadratmeter Platz, ganz für mich alleine. Bis auf das Bett, ein Regal und einen Nähmaschinenglastisch ist alles geliehen, geschenkt oder gehört der Pfarrei. Als Priester muss man im Notfall alles stehen und liegen lassen. Jedenfalls fühle ich mich nach 23 Jahren immer noch unbehaust in meiner Wohnung.

Frage: Kochen Sie abends gerne?

Schießler: Nein, ich koche nicht gerne. Und dann: für wen auch? Außerdem: Ich kann allenfalls Dosen öffnen – aber nicht kochen. Ich gehe raus, zu McDonald’s oder zum Italiener. Da treffe ich Leute, die ich kenne. Erinnerung an mein Studium, als ich Taxi gefahren bin.

Frage: Was machen Sie dann, wenn Sie privat sind?

Schießler: In der wenigen Freizeit, die mir bleibt, gehe ich mit dem Hund Gassi, haue mich manchmal mit ihm vor die Glotze und schaue Fußball. Irgendwann nicken wir ein.

Frage: Das klingt ziemlich traurig.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Schießler: Die Einsamkeit gehört nun mal zum Berufsbild des Priesters. Die meisten meiner Zunft, denke ich, leben sozial eher isoliert. Singles. Sie waschen selber. Sie kochen selber. Und sind abends viel allein. Die meisten Priester haben keinen quasifamiliären Anschluss mehr. Deshalb besteht die Gefahr, irgendwann wunderlich zu werden.

Frage: Wunderlich?

Schießler: Einsam halt. Und je älter ein Priester wird, desto größer ist das Risiko, einsam zu sein. Die Einsamkeit ist das größte Berufsrisiko der Priester. Heiligabend nach der Christmette allein in der Dienstwohnung, während die Familien Bescherung feiern – ich kann Ihnen sagen …

Frage: War man früher als Priester weniger allein?

Schießler: Auf jeden Fall. Als Kaplan habe ich auf einem Pfarrhof in Rosenheim gelebt. Da gab es den Pfarrer, die Haushälterin, die Angestellte. Das Haus war voller Leben. Es waren rund um die Uhr Menschen da. Wenn du einen Raum betreten hast, kamst du in eine Lebensgemeinschaft. Es wurde gemeinsam gegessen, gebetet und diskutiert. Das gibt es heute nicht mehr.

Frage: Dann ist die Einsamkeit für den Priester eine Last?

Schießler: Oft. Allerdings kann sie manchmal auch Lust sein. Einsamkeit wirkt befreiend bisweilen.

Frage: Wann genießen Sie die Einsamkeit?

Schießler: Wenn ich nicht reden will. Wenn ein Familienvater etwa abends von der Arbeit nach Hause kommt, muss er immer Rücksicht nehmen auf die Frau, die mit den Essen wartet, oder auf die Kinder, die ins Bett gebracht werden müssen. Ich muss das nicht.

"Viele Priester glauben, immer stark sein zu müssen, weil die Menschen es von ihnen erwarten"

Frage: Kommt das oft vor, dass Sie die Einsamkeit genießen?

Schießler: Schon. Als Priester bist du immer Ansprechpartner für alles. Manchmal wird mir das zu viel. Da willst du einfach nur für dich sein.

Frage: Und wann ist die Einsamkeit belastend?

Schießler: Im Urlaub. An das Alleinsein gewöhnt man sich. Aber allein in Urlaub zu fahren, daran kann man sich nicht gewöhnen. Was nützt mir der schönste Südseestrand, wenn ich allein im Sand sitze? Ich muss Freude teilen können, sonst werde ich depressiv.

Frage: Was macht man da?

Schießler: Manche Priester fahren zusammen in Urlaub. Ich will das nicht. Zum Glück gehen schon mal 22 meiner 35 Urlaubstage für meine Arbeit auf dem Oktoberfest drauf. Da bleibt nicht mehr viel. Das ist auch gut so. Bin ich zu lange aus München weg, bekomme ich Heimweh.

Frage: Warum reden so wenige Priester über ihre Einsamkeit?

Schießler: Wer zu seiner Einsamkeit steht, gibt Schwäche zu. Wer macht das schon gerne? Viele Priester glauben, immer stark sein zu müssen, weil die Menschen es von ihnen erwarten. Gleichzeitig haben sie kein Gegenüber, das sie korrigiert und infrage stellt. So ein Gegenüber braucht jeder, auch ein Priester.

Frage: Haben Sie ein solches Gegenüber?

Schießler: Ich habe großes Glück gehabt – ja! Über die knapp 25 Jahre in meiner Pfarrei habe ich mir einen Freundeskreis aufbauen können, der mich in meiner Arbeit, aber auch als Mensch hält und stützt, wenn ich es bin, der mal Zuspruch und Zuwendung braucht.

Frage: Dann sind Sie trotz der leeren Wohnung glücklich?

Schießler: Klinge ich etwa zerknirscht? Immer wollen die Menschen wissen, wie ich mich fühle, niemand fragt, ob ich nach 30 Jahren als Priester immer noch gerne das Evangelium verkünde.

Frage: Verkünden Sie noch gerne das Evangelium?

Schießler: Leidenschaftlich!

Frage: Herr Schießler, wer wird an Ihrem Bett sitzen, wenn Sie sterben?

Schießler: Das weiß ich jetzt natürlich nicht. Aber ich hoffe, Gunda.

Pfarrer Rainer Maria Schießler benennt in seinem Buch "Himmel, Herrgott, Sakrament" (Kösel Verlag) schonungslos die heiklen Themen der katholischen Kirche. Und hat es damit auf die Bestsellerliste des "Spiegels" geschafft. © Kösel Verlag

Frage: Wollen Sie uns von Gunda erzählen?

Schießler: Gunda ist einer der Menschen aus meinem engsten Freundeskreis. Wenn ich sage, Gunda ist meine Haushälterin, wird das ihrer Bedeutung für mich nicht mal ansatzweise gerecht. Außerdem erfüllt das ein altes Klischee: der Pfarrer und seine Haushälterin – das passt überhaupt nicht. Und wenn ich sage, sie ist meine Freundin, versteht das jeder gleich falsch und vermutet etwas Sexuelles. Das passt genauso wenig.

Frage: Dann sagen Sie es uns in Ihren Worten.

Schießler: Wahrscheinlich trifft es "Seelenverwandte" am besten. Ja, sie ist meine Seelenverwandte.

Frage: Sie lieben sie.

Schießler: Ja, wie man einen Menschen liebt, bei dem alles passt. Uns verbindet eine verlässliche und tiefe Freundschaft. Es ist wie bei Khalil Gibran: In dieser Freundschaft werden alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen ohne Worte geboren und geteilt, mit einer Freude, die keinen Beifall braucht.

"Sein ganzes Leben setzt sich der Priester mit seiner Sexualität auseinander"

Frage: Wie verträgt sich das mit dem Zölibat, den Sie geschworen haben?

Schießler: Sehr gut. Warum sollte ich als zölibatär Lebender für Gunda nicht genau dieselbe Art von Liebe empfinden, wie andere Menschen dies auch tun?

Frage: Weil der Zölibat Hingabe an Gott bedeutet.

Schießler: Aber indem ich einen Menschen liebe, entziehe ich doch Gott nicht meine Hingabe! Das eine schließt das andere nicht aus. Man darf den lieben Gott nicht zum Gegenspieler des Menschen machen.

Frage: Wie viel Hingabe zu Gunda wäre zu viel?

Schießler: Wir stehen in keinem Bündnis. Jeder steht für sich und ist völlig unabhängig. Aus dieser Unabhängigkeit heraus verbindet uns eine tiefe Zuneigung und Freundschaft.

Frage: Zur Liebe zwischen Mann und Frau gehört aber auch die körperliche Liebe.

Schießler: Ja, ja, ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Aber: Das geht Sie nichts an, es geht niemand etwas an. Ich frage doch auch nicht einen wildfremden Menschen: "Und, habt ihr Sex zusammen?" Viele glauben, einen Priester alles fragen zu dürfen, nur weil er eine öffentliche Person ist. Das lehne ich prinzipiell ab. Auch ein Priester hat ein Privatleben, das schützenswert ist. Aber um Ihre Frage klipp und klar zu beantworten: Liebe zwischen zwei Menschen gibt es auch ohne das, woran alle, auch offenbar Sie, jetzt denken.

Frage: Vielleicht liegt das daran, dass die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, dass ein Mensch zölibatär leben, lieben und glücklich sein kann.

Schießler: Genau da ist das Problem: Wir leben in einer vollkommen sexualisierten Gesellschaft. Da fehlt es am Vorstellungsvermögen für eine andere Lebensform. Die meisten Menschen können es sich einfach nicht vorstellen, dass man mehr vom Leben hat, wenn man eben nicht alles vom anderen haben kann.

Frage: Wie Sie und Gunda?

Schießler: Wie ich und Gunda.

Frage: Welche Bedeutung hat der Zölibat für Sie?

Schießler: Er ist ein Abenteuer. Eigentlich ist der Mensch für so eine Lebensweise nicht geschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die so leben – und zwar freiwillig. Das hat mich als Jugendlicher fasziniert und fasziniert mich immer noch. So sehr, dass ich ihn absolut überzeugt lebe: Und das freiwillig, anders macht’s keinen Sinn!

Frage: Aber der Zölibat ist in der katholischen Kirche nicht freiwillig, sondern verpflichtend für den Priester.

Schießler: Dieser Automatismus ist in der Tat ein Problem. Das freiwillige Abenteuer wird zur Pflicht. Daran habe ich sehr viele, gerade junge Menschen zerbrechen sehen. Den Zölibat kannst du nicht erzwingen, das muss aus freiem Willen aus dir selbst heraus gewollt sein. Viele junge Männer, die mit Sicherheit hervorragende Seelsorger wären, schrecken vor dem Zölibat zurück. Die Folge ist, dass wir sehr guten Priesternachwuchs verlieren. Ein echtes Drama! Ich bin überzeugt, dass wir uns vor Interessenten für den Priesterberuf nicht retten könnten und die zölibatäre Lebensweise eine Renaissance erfahren würde, wenn der Zölibat komplett freiwillig wäre.

Frage: Dann wären verheiratete Priester für Sie kein Problem?

Schießler: Im Gegenteil. Sie wären eine Chance: Glückliche Priester verkündigen besser. Sie stehen mitten im Leben, haben vielleicht auch Kinder, verstehen so manches Problem bei der Seelsorge aus eigener Anschauung und Lebenserfahrung besser und reagieren offener – menschlicher. Andererseits hat beides Vor- und Nachteile. Ich habe mich für den Zölibat entschieden und bin damit glücklich. Ich würde auch dann zölibatär leben, wenn Jesus verheiratet gewesen wäre.

Frage: Warum das denn?

Schießler: Weil ich es will, aus freien Stücken! Ich mach das nicht, weil Gott oder sonst jemand es von mir erwartet. Es muss mir taugen, und das tut es.

Frage: Sie waren Anfang 20 bei der Priesterweihe. Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen?

Schießler: Ich hatte sehr gute Priester, die mich mit tiefem Wissen und unglaublicher Sanftmut auf diese Entscheidung vorbereitet haben. Es war eine sehr tiefe, beseelende Erfahrung, die ich um nichts in der Welt missen möchte. Ich habe damals gemerkt, dass ich mit dieser Entscheidung für das Abenteuer Zölibat einen Sprung nach vorne mache, der mich geöffnet hat. Ich habe das bis heute nicht bereut und würde trotz meiner immer wiederkehrenden Einsamkeit nicht tauschen wollen.

Frage: Ist es üblich, so jung Priester zu werden?

Schießler: Damals war es das. Die Zeiten, in denen die jungen Männer vom Gymnasium weg geweiht werden wollten, sind lange vorbei. Heute sind Priesteramtskandidaten oft über 30 und haben schon ein anderes Leben hinter sich. Auch deshalb muss sich etwas ändern. Das Priesterbild muss mit unserer modernen Lebenswelt korrespondieren. Sonst stehen wir Priester bald alleine in der Kirche. Die Zahl der Kirchenaustritte zeigt es. Zum Glück: Es verändert sich ja bereits viel.

Frage: Apropos Beziehungsbiografie: Wer hat Sie als Kind eigentlich aufgeklärt?

Schießler: Meine Eltern jedenfalls nicht. Damals wurde in Bayern in den Familien nicht viel über Sex geredet.

Frage: Also?

Schießler: Das waren dann wohl die Bravo und das Dr.-Sommer-Team. Und natürlich ist man als pubertierender Knabe auch mal verliebt. Es ist das gesamte Umfeld gewesen, die Freunde und Freundinnen, gemeinsam sind wir erwachsen geworden und haben gelernt voneinander.

Frage: Stört es Sie, Sexualität nur aus der Theorie zu kennen?

Schießler: Denken Sie wirklich, Priester sind Neutren und geben ihre Sexualität vor der Weihe an der Garderobe ab? Sein ganzes Leben setzt sich der Priester, wie jeder andere Mensch auch, mit seiner Sexualität auseinander.

Frage: Fühlen Sie sich von Ihrer Kirche in diesem Ringen allein gelassen?

Schießler: Tatsächlich hat das Thema Sexualität und Priester bei uns in der Kirche keine Rolle gespielt. Ich hätte auch nicht auf Anhieb gewusst, an wen ich mich wenden könnte, wenn ich wirklich Probleme mit meiner Sexualität bekommen hätte. Wenn man sich verliebt oder – was auch vorkommt – wenn eine Frau einen Priester "verführen" will, weil er eben Priester ist und das den Kick des Verbotenen verspricht. Die eigene Sexualität ist in der Kirche immer noch ein Tabu, die möglichen fatalen Konsequenzen haben sich auch am Missbrauchsskandal gezeigt. Gott sei Dank hat sich da einiges getan.

"Ich muss mir treu bleiben und kann mich nicht verbiegen"

Frage: Wie sieht die Sexualität eines Priesters aus?

Schießler: Das Thema scheint Sie ziemlich umzutreiben, ich kläre Sie da gerne auf: Priester leben eine Sexualität, die im Idealfall in ihrem Inneren geborgen ist, sie wird nicht ausgelebt. Das hört sich für Ihre Ohren vielleicht verschroben an. Du musst es einfach leben, dann erschließt es sich. Der Geschlechtsakt ist definitiv ausgeschlossen, Zärtlichkeit dagegen ist wichtig. Kein Mensch kann ohne Zärtlichkeit leben. Deshalb haben Gesten für uns auch ein ganz anderes Gewicht.

Frage: Was für Gesten?

Schießler: Können Sie sich vorstellen, was es für einen Priester bedeutet, in den Arm genommen zu werden oder selbst einen Menschen zu umarmen, an dem ihm etwas liegt?

Frage: Nein.

Schießler: Das ist auch nur schwer nachvollziehbar, weil Zärtlichkeit für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit ist. Für Priester ist sie das nicht. Wir sind 24 Stunden am Tag Priester. Amt. Würde. Erwartungen. Da verbietet sich sehr viel von selbst, was für andere alltäglich und normal ist.

Frage: Beschützt Gunda Sie vor der Einsamkeit?

Schießler: Ja, in der besonderen Art unserer Freundschaft auf jeden Fall. Sie ist ein Geschenk, ein Glück, eine Gnade.

Frage: Wie sieht Ihr Leben mit ihr aus?

Schießler: Gunda passt auf mich auf. Das fängt im Kleinen an. Sie wacht etwa darüber, dass ich nicht "versandel", wie man in Bayern sagt, also "verwahrlose". Frauen haben ein Gen, das ihnen befiehlt, Schränke zu sortieren. In meinen hat Gunda Ordnung gebracht, indem sie jedes Fach mit lachenden und weinenden Smileys versehen hat: Viele weinende Smileys bedeuten: Das T-Shirt taugt nur noch für die Gartenarbeit. Ohne Gunda würde mein Pfarrhaushalt im Chaos versinken. Ich war schon mal nahe dran. Übrigens: Dankbarkeit ist auch eine Form von Zärtlichkeit.

Frage: Fahren Sie mit Gunda auch in Urlaub?

Schießler: Sehr selten, viel Urlaub bleibt ja nicht.

Frage: Wann haben Sie Gunda schon mal beigestanden?

Schießler: Ich stehe ihr immer bei. Ich habe Gunda kennengelernt, da hat sie sich gerade von ihrem Mann getrennt. Ich habe ihr Mut zugesprochen – den Mut zur Veränderung. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich nicht schämen muss und nicht auf die hören soll, die behaupten, sie habe Gott beleidigt. Später hat sie mir beigestanden: bei einem Abendessen für alle Kommunionmütter. In meiner Wohnung hat sie mir – sich bestürzt umblickend – gesagt: "Herr Pfarrer, ich denke, Sie könnten Unterstützung gebrauchen!" Ich konnte nur zustimmen. Das war der Beginn eines mittlerweile 20-jährigen gemeinsamen Weges: Heute sind wir nicht nur fast – sondern wirklich beste Freunde.

Frage: Vermissen Sie es, eigene Kinder zu haben?

Schießler: Wie schon gesagt, ich lebe zölibatär. Ich wäre ein guter Papa gewesen, das glaube ich schon. Ich habe mich anders entschieden. Bei Taufen gibt es den Moment, wenn ich das Kind hochhalte. Manchmal sagen die Eltern: "Das Kind steht Ihnen aber gut, Herr Pfarrer." Dann antworte ich: "Das müsst ihr mir nicht sagen. Das weiß ich schon selbst."

Frage: Können Sie die Menschen verstehen, die Sie und Gunda nicht verstehen?

Schießler: Es gab nie einen Anlass, mehr zu vermuten, als zwischen uns ist. Alle in meiner Gemeinde wissen: Die Gunda und ich stehen füreinander ein. Das trifft es am besten.

Frage: Und wenn es trotzdem jemand nicht versteht?

Schießler: Dann soll er fragen. So wie Sie.

Frage: Haben Sie keine Angst, irgendwann Ärger zu bekommen mit Ihrem Bistum?

Schießler: Nein, habe ich nicht. Kritiker gibt es natürlich immer. Aber auch die wissen, dass ich nicht gegen das Evangelium verstoße.

Frage: Sie wollen Ihre Kirche verändern. Das reicht möglicherweise schon, um Ärger zu bekommen.

Schießler: Ja, ich will Veränderung, und da bin ich keineswegs alleine. Und ich wünsche mir, dass die Kirche auch noch in hundert Jahren besteht. Ich muss mir treu bleiben und kann mich nicht verbiegen. Das kann durchaus Ärger einbringen, das ist dann halt so. Ärger kann man auch als Lehrer oder als Bankangestellter bekommen. Wovor soll ich Angst haben?

Frage: Sie könnten sich aufreiben, und die Kirche, die Sie ändern wollen, bleibt, wie sie ist?

Schießler: Sie verändert sich ja schon. Haben Sie das nicht gemerkt? Die Kirche hat sich so rasant verändert seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dass manche in der Kirche ob der ganzen Veränderungen Schnappatmung bekommen. Der Papst sagt doch heute ganz moderne Sachen, für die ich bis vor Kurzem sauber ermahnt worden wäre. In 50 Jahren wird sich die Kirche so sehr verändert haben, dass wir sie nicht mehr wiedererkennen.

Frage: Und wenn Sie sich nicht verändert? Wenn sie nicht so weit ist, wie Sie es sich vorstellen?

Schießler: Dann ist sie eben noch nicht so weit. Dann dauert es eben noch länger. Aber ich bin so weit, vielleicht sind deshalb meine Gottesdienste voll: Ich predige, was ich lebe. Und anscheinend berührt das die Menschen, sodass sie zurück zur Kirche finden.

Frage: Aber warum, wenn es am Ende doch nichts nützt? In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie nachts nicht richtig schlafen können …

Schießler: Ja, ich kann nicht abschalten. Auch nicht nachts. Mein Blutdruck warnt mich täglich, mein Arzt macht sich Sorgen, ich kann halt trotzdem nicht anders.

Frage: Warum gönnen Sie sich dann nicht Ruhe?

Schießler: Ich selbst müsste es erst mal wollen – oder besser können. Es fällt mir einfach schwer. Es geht um meine Gemeinde, meinen Glauben. Das lässt mir keine Ruhe – auch wenn ich mir bewusst bin, wie vergeblich vieles bleiben wird, was ich anschiebe. Aber wissen Sie, warum ich es trotzdem tue? Kennen Sie die Geschichte von den Seesternen?

Frage: Seesterne? Nein.

Schießler: Ein Bub sitzt am Strand. Um ihn herum liegen Seesterne. Hunderte. Tausende. Ein Sturm hat die Seesterne an die Küste geweht. Der Bub sammelt einige auf und wirft sie zurück ins Wasser. Da kommt ein Mann vorbei. Er schüttelt den Kopf. Er sagt: "Das nützt doch nichts. Das sind doch Tausende." Da nimmt der Bub einen Seestern, wirft ihn so weit ins Meer, wie er kann. Dann sagt er: "Dem einen hat’s genützt."