Eine US-Tour, ein Besuch beim Orthopäden – wäre sie doch bloß daheim geblieben! Wo man sie ehrfürchtig Dinknesh nennt (Amharisch für: "Du Wunderbare"), sie, die wir Nicht-Äthiopier nur als "Lucy" kennen. Woran amerikanische Anthropologen, ein röhrendes Radio und die Beatles schuld sind. Aber der Reihe nach ...

Das vielleicht berühmteste Fossil der Menschwerdungsgeschichte, 1974 ausgegraben, ein Exemplar der Art Australopithecus afarensis, ruht sicher verwahrt im äthiopischen Nationalmuseum in Addis Abbeba, eigentlich. Im Jahr 2008 reisten Lucys 3,2 Millionen Jahre alte Knochen in die USA und tourten durch mehrere Museen – was dort ein Publikumsrenner und in ihrer Heimat zu einem echten Politikum wurde: Das berühmteste Fossil der Nation ins Ausland ausleihen? Geht gar nicht! Wurde allerdings gut bezahlt.

Bei dieser Gelegenheit durchleuchteten amerikanische Wissenschaftler die erhaltenen Teile des prominenten Skeletts gleich per Computertomograf. Die moderne 3-D-Kopie der fossilen Knochen trug der Anthropologe John Kappelman von der University of Texas in Austin dann zur örtlichen Knochen- und Gelenkklinik, wo der Orthopäde Stephen Pearce sie untersuchte. Nun berichten beide in Nature: Die Knochen zeigten Brüche und Stauchungen, wie sie für Sturzverletzungen typisch seien. Lucy müsse mit Tempo fünfzig aufgeschlagen sein, aus rund zwölf Meter Höhe, "wahrscheinlich aus einem großen Baum" gestürzt. Runter vom Baum, rein in die Savanne, das war vor gut drei Millionen Jahren tatsächlich ein großes Thema in der Evolution der Hominiden. Nun klingt es pietätlos. Denn Lucy starb an den Folgen ihres Sturzes.

Was für ein Triumph für die Neugier unserer Art und zugleich wie bezeichnend, dass die älteste Story aus unserer allerweitesten Familiengeschichte dies ist: ein abschreckendes Beispiel. Wie gemacht als Mahnung für unsere Kleinsten. Wir sind doch keine Affen (mehr), kletter nicht so hoch, halt dich fest, gib bloß acht!

Für die Anthropologen ist das natürlich ein Hammerbefund, stritten sie doch bislang so ausgiebig wie faktenarm darüber, ob Australopithecus seinerzeit überhaupt noch geklettert ist. Dass Lucy ausgerechnet beim Sturz von einem Baum starb, nennt Kappelman "ironisch". Dann die naheliegenden Namenswitze: Ihr Ausgräber, der US-Amerikaner Donald Johanson, hatte Lucy so genannt, weil am Abend im Radio der Beatles-Song Lucy in the Sky with Diamonds gelaufen war. In the sky? Haha! Wurde Lennon, McCartney und Co. nicht stets unterstellt, ihr Songtitel sei eine Chiffre für LSD? Nicht auf Droge klettern? Noch so ein Witz.

Nein, das möchten wir nicht mit unserer ältesten Angehörigen assoziieren: Lucy am Fuße eines Baumes, die Wunderbare voll Blut und Wunden ... Wäre sie doch bloß daheim geblieben.