Nur mühsam kommt das neuerliche Finale im Rennen um die Hofburg in Gange. Der vergangene Sonntag war ein strahlender Sommertag, Badetemperaturen, absolut kein Wahlkampfwetter. Vergeblich hatte sich eine jugendliche Unterstützergruppe bemüht, für den Bundespräsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen eine große, urbane Party auf die Füße zu stellen. An verschiedenen Orten in der Wiener Innenstadt sollte ein buntes Unterhaltungsprogramm gute Stimmung für den ehemaligen grünen Parteichef machen. Allein, die überschaubaren Gruppen der Fans des sonoren Wirtschaftsprofessors verloren sich in den Touristenmassen, die schwitzend zu den City-Sehenswürdigkeiten stapften. Zum Abschluss versammelten sich alle in der Abenddämmerung am Ballhausplatz. Die Hofburg, der Amtssitz des Staatsoberhauptes, war verwaist, die Tore waren fest verschlossen. Keine Fahnen flatterten am Dach, nicht einmal das schwache Lichtlein einer Notbeleuchtung schimmerte in der Dunkelheit.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Keine 50 Meter von diesem angestrebten Ziel entfernt mühten sich in seltener Einigkeit die Wiener SPÖ-Landtagsabgeordnete Tanja Wehsely, eher am linken Flügel ihrer Partei angesiedelt, und der liberale ÖVP-Europaabgeordnete Othmar Karas, den Fußtruppen Mut zu machen. Dabei trommelten beide ein Argument, das höchstwahrscheinlich eine zentrale Botschaft der Van-der-Bellen-Kampagne bilden wird: Vor der Drohkulisse, Österreich könnte mit einem freiheitlichen Bundespräsidenten in den Sog des britischen EU-Austrittsvotums geraten, garantiere allein der Europa-Befürworter Van der Bellen die zukunftsorientierte Integration Österreichs in das europäische System.

Gegenkandidat Norbert Hofer scheint zu ahnen, dass er an dieser Flanke verwundbar sein könnte. Als er zu Wochenbeginn sein Wahlprogramm präsentierte, setzte er alles daran, vergessen zu machen, dass er selbst noch im Juni, unmittelbar nach dem Brexit-Referendum, als er gerade kein Kandidat war, geraunt hatte, ein vergleichbares "Öxit"-Votum liege demnächst durchaus im Bereich des Möglichen.

Schon bisher um den milden Ton eines Dorfkaplans bemüht, versucht der freiheitliche Herausforderer nun noch versöhnlicher und unverbindlicher zu klingen. Ankündigungen, wie die nun in den Wahlkampf geworfene Idee, die Neujahrsansprache künftig in einem Altenheim oder auf einem Bauernhof vom Zettel zu lesen, sollen Hofer zu einem Volkspräsidenten stilisieren: Während sein Widersacher als Kandidat der Eliten antrete, sei er der Champion der kleinen Leute. Keine neue Botschaft, aber unter den verbliebenen Optionen vermutlich jene, die noch am ehesten Erfolg verspricht.

Jetzt kann Alexander Van der Bellen bereits in staatsmännischer Pose auftreten

Die Teams beider Hofburg-Anwärter haben mit dem Handicap zu kämpfen, dass sie kaum neue Werbebotschaften ins Treffen führen können. Alle Argumente, die jeweils für einen der beiden Kandidaten sprechen, wurden bereits in zwei Wahlkampfrunden durchgenudelt, jetzt kann die ohnehin nur schwer verdaubare Kost von gestern lediglich neu aufgewärmt werden. Schon in den bisherigen Anläufen drangen die präsumptiven Bundespräsidenten mit ihren politischen Fantasien in Sphären der Macht vor, die üblicherweise einem absolutistischen Alleinherrscher vorbehalten sind. Sie wähnten sich für alles zuständig und entscheidungsbefugt, vom Bruttoinlandsprodukt bis zur Umweltverträglichkeit von Plebisziten. Zwar werden in den nächsten vier Wochen alle altbekannten Meinungsfragmente erneut durchgekaut werden, große Überzeugungswirkung werden sie allerdings nicht entfalten.

Mehr noch als in der vom Verfassungsgerichtshof aufgehobenen Stichwahl ist die Wählerschaft bei der Wiederholung in zwei Lager gespalten, die einander diametral gegenüberstehen. Beide fühlen sich um den Sieg betrogen: Im Van-der-Bellen-Lager herrscht die Meinung vor, das Höchstgericht habe, wie einige Verfassungsjuristen behaupten, ein "Fehlurteil" gefällt, wodurch der knappe Vorsprung geraubt worden sei; im Hofer-Lager ist man hingegen überzeugt, die beanstandeten Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung der Briefwahlstimmen hätten nicht nur manipulatorisches Potenzial gehabt, sondern es hätten tatsächlich Manipulationen stattgefunden.