Wenn Autokonzerne wie Daimler einen Trend verpasst haben, dann versuchen sie das gern mit Technikrevolutionsfloskeln zu überspielen. Es war deshalb erst einmal keine Überraschung, als das Unternehmen den Start seines Carsharing-Angebots car2go im Jahr 2009 als "Revolution urbaner Mobilität" ankündigte, obwohl die Geschichte des kommerziellen Autoteilens in Deutschland zu diesem Zeitpunkt schon 20 Jahre alt war.

Dabei war den Daimler-Leuten tatsächlich etwas Neues eingefallen. Sie hatten eine App fürs Smartphone entwickelt, mit der Kunden in der Stadt herumstehende Autos orten und per Zugangscode öffnen können. An den Ursprungsort zurückbringen müssen sie die Autos nicht. Nutzer können sie nach der Fahrt innerhalb ihrer Stadt abstellen, wo sie wollen – so sie denn einen Parkplatz finden. Abgerechnet wird sekundengenau.

Die Idee kam an. Heute führt car2go dieses "Free Floating" genannte Geschäft deutschlandweit in Kooperation mit dem Autovermieter Europcar an. Nur der BMW-Konzern ist mit DriveNow ähnlich erfolgreich. Er arbeitet mit dem Autovermieter Sixt zusammen. Rund 830.000 Mitglieder nutzen die 7.000 Fahrzeuge der beiden Anbieter heute in Deutschland, meist für Kurztrips in der Stadt. 2012 waren es nicht einmal 50.000 Nutzer.

Nun könnte der Staat das Wachstum des Geschäfts weiter antreiben. Kürzlich hat das Verkehrsministerium nämlich ein "Gesetz zur Bevorrechtigung des Carsharings" in Umlauf gebracht. Dadurch sollen vor allem Kommunen den Anbietern besondere Kooperationen anbieten dürfen – etwa wenn es darum geht, Carsharing-Autos von der Parkplatzgebühr zu befreien. Bisher fehlte dafür die gesetzliche Grundlage.

Der Branche könnte das weiteren Schub geben – und den hat sie trotz steigender Nutzerzahlen auch bitter nötig. Der Umsatz von car2go liegt nach ZEIT-Informationen derzeit bei höchstens 200 Millionen Euro im Jahr. Von den ehrgeizigen Zielen des Daimler-Chefs Dieter Zetsche ist das noch weit entfernt: Eine Milliarde Euro hat er erst kürzlich für das Jahr 2020 als Ziel ausgegeben. Auf Anfrage teilt car2go mit: "Das Ziel ist ehrgeizig, aber realistisch. Mit car2go haben wir ein innovatives und zukunftsfähiges Mobilitätskonzept auf den Markt gebracht. Wir sehen in diesem Geschäftsmodell ein großes Marktpotenzial und werden car2go in den nächsten Jahren kontinuierlich weiter ausbauen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Die Frage ist nun: Was wird das aggressive Wachstum Zetsches Konzern kosten? Bisher könnte man das Geschäftsmodell auch als Geldverbrennungsanlage mit hippem Ökoanstrich bezeichnen. Allein die vier car2go-Töchter in Kanada, Deutschland, Italien und den USA verbuchten im Jahr 2015 laut Daimler-Geschäftsbericht zusammen 64 Millionen Euro Verlust, fast dreimal so viel wie die Gesellschaften an Eigenkapital haben. Die Zahlen für Tochtergesellschaften in sieben anderen Ländern weist der Geschäftsbericht nicht gesondert aus. Branchenkenner berichten der ZEIT jedoch, dass car2go in den allermeisten Städten "bei Weitem nicht profitabel" sei. Daimler teilt dazu mit: "car2go ist in einer ganzen Reihe von Städten profitabel, was uns zeigt, dass das Geschäftsmodell tragfähig ist."

Ein betriebswirtschaftlich profitabler Selbstläufer scheint es derzeit auf jeden Fall noch nicht zu sein. Die Frage ist, ob staatliche Förderung sinnvoll ist. Beim klassischen Carsharing gibt es dafür gute Gründe. Die gemeinschaftliche Autonutzung spart Geld, Zeit (weil mit abnehmender Autozahl auch die Staus zurückgehen) und darüber hinaus Parkraum.