Am liebsten würde Claudia Rapp Politiker, Journalisten und Welterklärer ein paar Wochen lang in die Archive verbannen. Sie, die Europa nur durch die westliche Brille betrachten. Die vergessen, dass zur Geschichte des Kontinents auch ein riesiger Osten gehört. Mit einer Metropole, in der sich das Weltgeschehen bündelte.

Aussprechen tut das die 55-jährige Byzantinistin natürlich nicht. Dafür ist die gebürtige Berlinerin zu bescheiden. Sie will keine von den Intellektuellen sein, die zu allem etwas zu sagen haben und jeden belehren wollen. Aber sie erklärt: "Das lateinische, westliche Europa ist nicht das einzige Modell einer europäischen Kultur." Und weiter: "Das zu wissen kann gerade jetzt hilfreich sein, da Europa in einer Phase der Selbstfindung ist."

Claudia Rapp gehört zu den weltweit renommiertesten Wissenschaftlerinnen ihres Fachs. Die Vorständin des Instituts für Byzantinistik und Neogräzistik an der Universität Wien sowie Leiterin der Abteilung Byzanzforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unterrichtete zuvor an der amerikanischen Cornell University und war 17 Jahre lang Professorin an der University of California in Los Angeles. "Wien ist der internationale Traumjob in meinem Fachgebiet", sagt sie. "Nirgendwo arbeiten pro Quadratkilometer so viele Byzantinisten wie hier." Bereits die Habsburger sammelten Handschriften aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, und häuften eine weltweit führende Sammlung an. Dank dieses Bestandes entwickelte sich in den sechziger Jahren die sogenannte Wiener Schule der Byzantinistik, deren Ruf bis heute nachhallt.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es ist ein verregneter Mittwoch im Juli. In der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine Art Trainingsparcours aufgebaut. Drei gebundene Handschriften liegen auf einem langen Tisch, vor jeder sitzen zwei Wissenschaftler. Ende September werden sie nach Griechenland aufbrechen, um die Gebetbücher im Johannes-Kloster auf der Insel Patmos auszuwerten. Damit die Abläufe vor Ort klappen und keine Zeit vergeudet wird, trainieren die Forscher in Wien, wie die Handschriften schnell erfasst, digitalisiert und in Datenbanken eingespeist werden können.

Eine von ihnen ist Claudia Rapp. Sie ist über ein Buch gebeugt und murmelt ein Gebet in Altgriechisch. Ihre Brille hat sie nach oben in die Haare geschoben. Neben ihr surrt ein Laptop, durch die offenen Fenster sind Fiaker zu hören, die über den Josefsplatz klappern. Manchmal lächelt Rapp kurz, macht sich rasch ein paar Notizen und taucht wieder in den Text ein. Ihre Finger fahren behutsam die Wörter entlang, die vor 600 Jahren in Konstantinopel aufgeschrieben wurden. An der Abnutzung der Seiten erkennt sie, welche Gebete oft gesprochen wurden.

Rapp widmet sich Quellen, die über die Welt abseits des prunkvollen Kaiserhofs erzählen. Die Forscherin will mehr über das Alltagsleben der Menschen im oströmischen Reich erfahren. Was glaubten, was hofften sie – und wovor hatten sie Angst?

Im vergangenen Jahr erhielt Claudia Rapp für ihre Arbeit den Wittgenstein-Preis. Ausgerechnet sie, die Byzantinistin, deren Disziplin lange als Orchideenfach verspottet worden war, wurde mit der höchstdotierten Wissenschaftsauszeichnung des Landes geehrt: 1,5 Millionen Euro erhielt die Prämierte für ihre Arbeit.

Claudia Rapp ist nicht beleidigt, wenn man sie fragt, was es bringe, ihre Forschung mit Steuergeld zu finanzieren. Im Gegenteil. "In Zeiten knapper Budgets müssen wir uns erklären", sagt sie, lehnt sich zurück, spielt mit ihrer Halskette – und denkt kurz nach. Dann sagt sie: "Kulturvergleiche sind immer gut. Gerade beim Vergleich zwischen westlichem Europa und byzantinischem Mittelalter erkennt man, wie sich eine Kultur im Laufe der Jahrhunderte ändert, neu erfindet und weiterlebt." Die orthodoxe Kirche, die sich vom Papst in Rom abwandte, strahlte weit über Byzanz hinaus. Die Grenze zwischen den Konfessionen wurde über die Jahrhunderte zur Kulturscheide und Konfliktlinie. Es entstanden Traditionen, die heute noch existieren und politischen Einfluss haben. Wer Putins Russland und das Verhältnis von Religion und Staat in Moskau verstehen möchte, der sollte sich mit den Ursprüngen der christlichen Orthodoxie in Byzanz beschäftigen.

Seit drei Jahrzehnten setzt Claudia Rapp kleine Puzzleteile zusammen, die sie in Archiven oder Klöstern überall auf der Welt findet. Aus ihnen soll ein großes Bild über das Leben im Byzantinischen Reich entstehen, das 1.000 Jahre bestand, 1453 unterging – und heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

"Die Vorstellung der europäischen Tradition würde bunter und vielfältiger, wüssten wir mehr über Byzanz", sagt Rapp. Wäre Konstantinopel ein Teil des kollektiven Bewusstseins, würde das die Identität Europas verändern, ist die Historikerin überzeugt: "Man könnte sehen, dass es schon vor Jahrhunderten Möglichkeiten des Zusammenlebens mit anderen Religionen gegeben hat." Konstantinopel war das Zentrum der orthodoxen Kirche, die Hauptstadt eines Gottesstaates – trotzdem standen schon vor der islamischen Eroberung am Bosporus zwei Moscheen, und es gab mehrere jüdische Gemeinden.