Clueso sagt: "Ich gehe jetzt mal für vier Stunden in den Flugmodus." Schweigen am anderen Ende der Leitung. "Ooookay", antwortet sein Produzent, "dann bis 17.30 Uhr also." Es könne auch einen Tick später werden. Schweigen. "Aber Morgen ist Abgabe."

Clueso steht in der offenen Küche seiner neuen Wohnung in Erfurt, hundert Quadratmeter, er wirkt ein wenig verloren. Auf dem Tresen ein MacBook, aufgeklappt, kabellose Kopfhörer. Es riecht noch säuerlich, Ammoniak, der typische Geruch nach Neubezug. Ob Clueso hier bleibt, weiß er noch nicht. Seit er mit 19 bei seinen Eltern ausgezogen ist, ist er noch nirgends richtig angekommen. Auch deshalb will er jetzt, bevor sein neues Album erscheint, noch einmal in die Vergangenheit reisen. Zurück in diesen kleinen Erfurter Vorort, Ichtershausen, weniger als dreitausend Einwohner, eine Klosterkirche, ein Heimatmuseum. Zurück in sein Elternhaus, wo es nach Kuchen und Geborgenheit riecht und er im Kinderzimmer, wo jetzt die Oma wohnt, seine ersten Songs schrieb.

Die Plattenbosse von Universal werden langsam nervös. Das Musiklabel vermarktet internationale Stars wie Taylor Swift oder Lady Gaga, das Stimmwunder Adele – und Clueso, 36, aus Ichtershausen. Das Album war schon fast fertig, da wollte er noch mal ran. Es klang ihm "zu dumpf". Neuanfang heißt es und handelt von seinen Ansprüchen und dem Scheitern daran. Und irgendwie auch von Thomas, dem Sohn, und seiner Suche nach Anerkennung.

Clueso, alias Thomas Hübner, das heißt: über eine Million verkaufte Tonträger, fünfmal Gold, zweimal Platin. Viermal Künstler des Jahres, ausgezeichnet vom Radiosender 1Live. Tourneen mit den Fantastischen Vier und Herbert Grönemeyer. Udo Lindenberg schrieb seinen Song Cello für Clueso um. Als Duett verkaufte sich das Stück besser als alle Lindenberg-Songs zuvor. Der Erfolg kam schnell, kam er zu schnell?

Clueso hat sich vor einem Jahr von fast allem getrennt, was ihn ausmachte: von seinem Manager, seiner Band und seinen Freunden. "Ich musste mich aus der Enge befreien", sagt er. "Je größer der Erfolg wurde, desto mehr fühlte ich mich erdrückt von Ratschlägen und Erwartungen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Es ist Sonntagnachmittag, und Clueso wartet am Erfurter Domplatz auf seine Mutter. Er hat keinen Führerschein, weil die Prüfung, so befürchtet er, in ihm ein Gefühl auslösen würde wie früher das Seepferdchen oder die Schulaufgaben: Beklemmung. Normalerweise trampt er von seiner Wohnung im Zentrum raus zu den Eltern. Dann sitzt er auf dem Beifahrersitz und hört den Menschen zu, er sammelt Geschichten. Hunderte von ihnen hat er in sein iPhone diktiert. Nimm dir doch ein Taxi, sagt der Vater. Aber der Sohn will kein Taxi nehmen, irgendwie aus Prinzip, irgendwie aus Protest. Er sucht den Zufall.

Seine Mutter war beim Friseur, das fällt ihm sofort auf. "Du siehst schön aus", sagt er. "Du hast nicht viel geschlafen", sagt sie.

Wenn es nur der Schlafentzug wäre. Sein Rücken quält ihn seit Wochen, er war bei zig Ärzten, keiner konnte den Schmerz lindern. Das erzählt er seiner Mutter aber nicht, das würde sie belasten. Er senkt den Kopf ein bisschen und schaut mit weit geöffneten Augen von unten hoch, verschmitzt. Das ist der typische Clueso-Blick. So schaut er auch, wenn Udo Lindenberg neben ihm etwas umständlich ein Solo tänzelt. Immer dann, wenn er Vertrauen empfindet, sich kurz im Schutz eines Menschen geborgen fühlt.

Er hat gezweifelt, ob er sich von einer Journalistin zu seiner Familie begleiten lassen soll. Aber er lässt es schließlich zu, diese Reise in die Vergangenheit, weil seine Vergangenheit viel mit seiner Gegenwart zu tun hat, mit seiner Musik.