Der Name der Hauptfigur: unbekannt. Angeblich ist er schwer auszusprechen. Der Einzige, der ihn kennt, die Hauptfigur selbst, hat längst akzeptiert, dass ihn die Anwaltskollegen aus der New Yorker Großkanzlei, in der er arbeitet, nur noch X nennen. Sogar seine Partnerin nennt ihn so. Jedenfalls solange er die Partnerschaft mitmacht. Denn eines Tages stiehlt er sich, überfordert von den Pflichten der Zweisamkeit, aus der gemeinsamen Wohnung fort und gibt damit – nach seinem Namen – einen weiteren Baustein seines Daseins preis. Als Nächstes kündigt er den Job und geht nach Dubai, wo er als machtloser Bevollmächtigter eines libanesischen Familientrusts eine Art hochrangigen Strohmann abgibt. Ein X als Strohmann – klingt folgerichtig, oder nicht?

Joseph O’Neills neuer Roman Der Hund ist eine große existenzialistische Scharade im gleißenden Licht der arabischen Wüste. Eine Scharade nicht nur, weil Dubai hier als "Abrakadabrapolis" vorgeführt wird, als trügerische Zukunftskulisse. Sondern auch, weil die Erzählerfigur dem eigenen Leben mit einem Gespinst recht wolkiger Betrachtungen beizukommen versucht, dessen wesentliche Fäden man als Leser erst mit der Zeit zu fassen kriegt. Eines immerhin ahnt man früh: Hier geht es um kein kurioses Einzelschicksal. X ist eine Chiffre, eine neue Art von Null. Wobei er einen berühmten Vorgänger hat – Hermann Melvilles gespenstisch willenlosen Schreiber Bartleby. Dessen kanonische Wendung "I would prefer not to" gibt es zwar längst als T-Shirt-Slogan. Abgründig ist die Gestalt trotz allem geblieben.

In O’Neills blassem Expat scheinen sich handlungs- und entscheidungshemmende Skrupel auszubreiten wie ein schleichendes Nervengift. Was er lange zu verschleiern weiß. Denn anders als der schlichte Bartleby ist X schließlich Anwalt und selbst Erzähler. Statt eines spröden "I would prefer not to" hat er deshalb lauter gedankliche Pirouetten zu bieten. Die sind mal kunstvoll, mal bizarr, mitunter auch nur verkrampft. Oft versuchen sie über die eigene Nichtsnutzigkeit gewunden hinwegzuparlieren oder die eigene Untätigkeit wortreich zu rechtfertigen. Auf diese Weise tänzelt die Plaudertasche immerhin mehr als 300 Seiten um den blinden Fleck in ihrem Innern herum. Eine gehörige Strecke, nach deren Bewältigung man sagen muss: Alle Achtung, wie O’Neill Gelaber und Gedankenflug, anekdotische Komik und durchschimmernde Verzweiflung stilistisch so ausbalanciert, dass man seiner tauben Nuss dieses fortdauernde Palaver überhaupt auf Dauer abnimmt.

Schon auf der ersten Seite klagt der Erzähler indirekt über die Last, die allein das fortgesetzte Atemholen im Alltag bedeutet. Da taucht er im Golf von Oman und fühlt sich wie ein Fisch im Wasser – einmal schwerelos und ohne Pflichten. Geradezu suizidal ist der Unterstrom des Textes, auch wenn der Erzähler fast immer locker drüberschäumt und partout entspannt rüberkommen will, als gelte es, nach altem Muster, die hoffnungslose Lage bloß nicht ernst zu nehmen. Das Bemühen ist da, sich das prächtig bezahlte und kräftig klimatisierte Leben in der Wüstenoase schönzureden. Nur kann er weder sein Luxusappartement noch das Servicepersonal oder die osteuropäischen Huren wirklich genießen, weil er sich ständig mit Bedenken, Rücksichten, Sorgen und Schuldgefühlen umstellt und praktisch von ihnen niedergerungen wird: Stützt er in Dubai nicht eine pervers organisierte Arbeitswelt? Kaufen ihn großzügige Spenden und Trinkgelder wirklich von Mitverantwortung frei? Steht er nicht im Dienst skrupelloser Geschäftemacher, die im Zweifelsfall über Leichen gehen? Bestimmt wird er bald zur Rechenschaft gezogen! Und fing das Elend nicht damit an, dass seiner Seele die Puste wegblieb, als er hätte lieben sollen? Tatsächlich kehrt er immer wieder zur feigen Trennung von seiner Freundin zurück wie zur Ursünde der eigenen Verzagtheit, und als er sein damaliges Versagen einmal detailliert auffaltet und fast gutachterlich abwägt, wird wahrhaftig eine herzzerreißende Szene daraus.

Auf durchaus originelle Weise fusioniert O’Neill da zwei Typen zeitgenössischer Minderleister: den Mann, der vor der emotionalen Komplexität des fortgeschrittenen Beziehungsmanagements kapituliert, und den Mitbürger, der als kleines Rädchen inmitten der kapitalistischen Globalisierung nicht mehr weiß, wie er sich vollauf politisch korrekt verhalten soll. Regelmäßig verfängt sich X räsonierend im selbst geknüpften Netz aus versuchtem Selbstbetrug und dagegen anbohrender Selbstkritik. Und mag bald kaum noch etwas unternehmen. Denn nach eingehender Untersuchung erscheint ihm das Leben als etwas, an dem man sich besser nicht die Finger schmutzig macht, und die gewöhnliche Existenz als "Summe der Fehler, die sich nicht korrigieren lassen". Kein Wunder, dass er die meiste Energie am Schreibtisch darauf verwendet, eine monströse "Haftungsausschlusserklärung" zu erarbeiten, um selbst in kein Kreuzfeuer zu geraten. "Ich hätte", gibt er seufzend zu, "genauso gut folgenden Stempel bestellen können: Bitte tun sie mir nichts, weil ich das hier unterschreibe."

Joseph O’Neill war selbst Anwalt, bevor er zum Schriftsteller wurde – und hat dann großen Erfolg gehabt mit seinem letzten Roman Niederland über die Freundschaft eines holländischen Investmentbankers und eines westindischen Glücksritters nach dem 11. September in New York. Als Sohn einer Türkin und eines Iren, mit Lebensstationen in Mosambik, Holland, Iran, England und schließlich den USA scheint er von entwurzelten Charakteren einiges zu verstehen. Und auch das skrupulöse Wesen seiner neuen Hauptfigur ist ihm offenbar nicht fremd. In einem Interview von 2011 beklagte er die "unglaubliche moralische Überforderung" von Menschen mit globalisiertem Problembewusstsein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Insofern hat Der Hund etwas vom Selbstporträt des Autors als ethisch herausgefordertem Weltbürger, wenngleich als Zerrbild. So wie Dubai, eine Stadt, in der 85 Prozent der Einwohner nur Arbeitsmigranten sind, hier als Zerrbild einer Metropole der Entwurzelten dient. Wie der Mensch künftig klarkommen soll in so einem Leben to go, bombardiert von Bedenken, das versucht O’Neill mit seinem Buch einzufangen. Kein bescheidenes Vorhaben. Umso bemerkenswerter, wie zurückhaltend der Text ausgefallen ist, wie hingetupft und vertändelt in Teilen. Aber wahrscheinlich geht es gar nicht anders, wenn man sich suchend einer neuen Form entfesselter Selbstlähmung nähert. Der Leser braucht jedenfalls ein wenig Geduld: Die quasijuristischen Gedankenschleifen, so ungelenk formuliert wie in amtlichen Eingaben, und diverse kleine Nebenflüsse der Handlung, die eher konzeptuell als dramaturgisch gerechtfertigt sind – da hätte der Autor womöglich nachschleifen können. Das Buch wäre eleganter, kristalliner, auch deutlicher geworden. So läuft es immer mal wieder unrund oder einfach ins Leere, und der Leser muss sich neu orientieren. Am Ende nimmt man es in Kauf. Denn auch Joseph O’Neill ringt ja um eine neue Orientierung. Und wir können ihm nicht übel nehmen, dass er dabei von Zeit zu Zeit noch ins Schlingern kommt.