Wenn Christian Kracht nach Deutschland gefragt wird, sagt er: Dafür sei er nicht zuständig, er sei Schweizer. Aber mehr noch als Schweizer ist er Nomade: Kaum ein Kulturkreis zwischen Bangkok und Buenos Aires, in den der 1966 Geborene noch nicht eingetaucht ist. Vor zwei Jahren zog er mit seiner Frau, der Filmregisseurin Frauke Finsterwalder, und ihrer gemeinsamen Tochter Hope nach Los Angeles, in die Hügel von Hollywood. Etwas oberhalb ihres Hauses endet Krachts neuer Roman Die Toten: zu Füßen des Buchstabens H des Hollywood-Schriftzugs (Christian Kracht: Die Toten. Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016; 224 S., 20,– €).

Aber es gibt auch einen Schweizer Strang in Die Toten. Kracht selbst wuchs in Bern auf – so ist es nicht unpassend, dass wir uns in Zürich treffen, im Café Odeon, wo schon Joyce und Svevo saßen. Auf Schwyzerdütsch bestellt Kracht zweimal Rindertatar. Es ist ein warmer August-Tag, die Stadt samt See liegt so proper und reich da wie handgeschlagene Butter. Kracht trägt ein leichtes Sommerjackett, die Krawatte nur locker gebunden.

Dies hier, und seine Hand beschreibt einen Halbkreis vom See Richtung Norden, sei Flachland, der Rückzugsgedanke in die Berge aber sei der metaphysische Kern der Schweiz. Ihre Verteidigungsdoktrin: Im Fall eines Angriffs, durch die Deutschen, später durch die Sowjets, hätte man sich in die untertunnelten Berge zurückgezogen und das Flachland preisgegeben, darauf vertrauend, dass es für den Feind keinen Sinn mache, die eisigen Berge zu erobern.

Der Begriff Metaphysik wird immer wieder in unserem Gespräch auftauchen. Literatur ohne metaphysische Dimension, sagt Kracht, interessiere ihn nicht: "Das Einzige, was ich in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur ertragen kann, sind Sebald, Handke, Ransmayr, Clemens Setz und Celan." Dann fügt er noch hinzu: "Und Bölls Irisches Tagebuch wegen seiner Suche nach dem Katholischen. Es ist transzendente Literatur: das Aufzeigen des Göttlichen, des Mysteriums."

Als er mit seiner Familie noch in Florenz lebte, sei er oft zur Kirche San Miniato al Monte gegangen: "Wenn die Mönche ihre Gesänge anstimmen, dann tragen sie dieselben weißen Gewänder wie die Benediktiner-Mönche auf den Fresken der Kirche, die mit dem Teufel kämpfen, der den Bau der Kirche verhindern will." Vom Bild der Kontinuität beglückt, ruft er aus: "Das ist die katholische Kirche!" Seine Frau halte die katholische Kirche zwar für das Schlimmste überhaupt, schwulenfeindlich und so weiter, aber wenn er, Kracht, in einer Kirche niederknie, verlasse er sie als besserer Mensch.

Die anonymen Fresken von San Miniato haben es ihm aber auch aus einem anderen Grund angetan: Sie stammten aus einer Zeit, in der "die Schrecken der Renaissance" noch nicht die Zentralperspektive, das Individuum und die Künstlerpersönlichkeit hervorgebracht hätten. "Aber", unterbricht er sich, "was hat das mit meinem Roman zu tun?"

Sehr viel. Denn auch in Die Toten geht es um Form, Tradition, Kunst und die Suche nach dem Mysterium. Schon die Handlung, hochartifiziell wie der ganze Roman, ist von exzentrischer Virtuosität: Masahiko Amakasu ist, in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, Mitarbeiter des japanischen Kulturministeriums. Er hat eine Neigung zur deutschen Kultur, schon als Kind hat er Heine im Original gelesen. Jetzt setzt er einen Brief an die Ufa in Berlin auf. Sein Vorschlag: eine "zelluloidene Achse" zwischen Tokio und Berlin. Man müsse dem "allmächtig erscheinenden US-amerikanischen Kulturimperialismus" mit vereinten Kräften etwas entgegensetzen.