Eugen Ruge, Jahrgang 1954 und Buchpreisträger des Jahres 2011 für sein Werk In Zeiten des abnehmenden Lichts, hat mit Follower eigentlich zwei Bücher in einem geschrieben. Das erste ist das umfangreichere, aber erst das zweite liefert die entscheidende Perspektive.

Buch Nummer eins, ganz aus der Sicht des Protagonisten Nio Schulz verfasst, beginnt damit, dass dieser verwirrt in einem ihm fremden Hotelzimmer erwacht. Erst so nach und nach begreifen er und der Leser, dass wir uns im China des Jahres 2055 befinden, wo Schulz, dem Konzept des postpostmodernen Merchandising folgend, eine Geschäftsidee namens true barefoot running vermarkten soll. Was das genau bedeutet, bleibt absichtsvoll in der Schwebe, aber so viel wird klar, dass die Leute, von einem Namen betört, für etwas bezahlen sollen, was bisher umsonst war, nämlich Barfußlaufen. Der entscheidende Termin ist um zehn, der etwas umnebelte Nio muss sich ranhalten.

Dafür, dass es eilt, bewegt sich das Buch recht geruhsam vom Fleck. Ruge braucht dieses gedrosselte Tempo, um jene schöne neue Welt, die sich heute schon andeutet, in den tausend Details ihrer vollen Blüte zu entfalten. Die Globalisierung hat ihren Höhepunkt erreicht, alle Aspekte von Politik, Gesellschaft und persönlichen Beziehungen sind völlig von der universalen Vermarktung verschlungen; auch die alten Staaten haben sich offenbar in reine Geschäftssphären umgestaltet. Im glasklar transparent gewordenen Menschen gibt es keine trüben Restbestände mehr, die (ausführlich zitierten) Polizeiakten enthalten maschinell erstellte Persönlichkeitsprofile, und wer in einem Laden eine Ware auch nur einen Augenblick lang anschaut, dem beginnt sie mit raunender Stimme zu erzählen, warum gerade er gerade sie kaufen sollte. Mit besonderem Gusto breitet der Autor die künftige Mode für junge Frauen aus, deren Kleidung so passgenau und hauteng anliegt, dass sie eigentlich nur noch eine Art Tattoo darstellt, teils mit einer fotorealistischen Wiedergabe der eigenen Brüste, die nur einen Zehntel Millimeter darunter liegen. Das war doch Nios Geschäftsidee! Aber da hat er, leicht angeschlagener vierzigjähriger Europäer, der er ist, mal wieder nicht schnell genug geschaltet.

Ruge behandelt die Zukunft als eine Fortschreibung der Gegenwart, wofür er hauptsächlich das satirische Stilmittel verwendet, das bereits Vorhandene zu überbieten. Er macht das sehr witzig, wenn er einen Nachtfederball mit fluoreszierendem Knicklicht oder ein essbares Zimmermädchenkostüm präsentiert und sich Markenbeschreibungen ausdenkt wie den als Brille zu tragenden Universal-Computer "Glass Enigma 7.0 mit vorinstallierter Andromeda Beta Software". (Übrigens sind in Ruges Zukunft auch die deutschen Bindestriche ausgestorben.) Auf die Länge allerdings ermüdet dieses Feuerwerk, denn es verfährt vorwiegend additiv und verhindert, dass in einem Buch, welches sich immerhin Roman nennt, irgendwas passiert. Auch vermag sich der Autor nicht vorzustellen, dass in den nächsten vierzig Jahren sich einiges doch auch grundsätzlich wandeln könnte; alles ist schlimmer geworden, gewiss, aber der Leser erkennt es wieder. Ruge hat viele Einfälle und wenig historische Fantasie. Zum Schluss von Teil eins durchbricht Nio die klaustrophobische Warenwelt und flieht mit einem geklauten Motorroller aufs flache chinesische Land, wo die Bauern noch echte schiefe Zähne haben und echte Äpfel ernten: ein sentimentales, kaum überzeugendes Ende.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Danach setzt Teil zwei völlig neu ein, und zwar mit dem Urknall vor 14 Milliarden Jahren. Ruge dekliniert darauf die gesamte Geschichte von Weltall und Erde durch, wobei seine Erzählung getragen wird vom Erstaunen, dass jeweils genau das geschehen ist, was zur Vorbereitung des heute Vorhandenen unerlässlich war. Das ist nicht gerade erleuchtet: Denn wenn nicht dies, so wäre doch etwas anderes – es wäre in jedem Fall etwas entstanden. Aber Ruge will auf etwas Bestimmtes hinaus, nämlich auf die Geschichte seiner eigenen Familie, die sich eng mit Rügen und Stralsund verbindet, im Namen Umnitzer nur oberflächlich verfremdet: Umnitzer weist auf den Ort Ummanz so wie Ruge auf Rügen. Sobald er sich aus den Tiefen der Geologie bis zu den Dokumenten seiner Ahnen vorangearbeitet hat, lässt er die Geschichtsschreibung als Countdown laufen: noch acht Generationen bis zu ihm selbst – noch sieben – noch sechs! Mit solchem Trommelwirbel bereitet er sein eigenes Erscheinen vor. Nio Schulz, so viel versteht man allmählich, ist niemand anderes als Ruges eigener hypothetischer Enkel, und mit dem unausstehlichen steinalten Großvater im Hintergrund hat er sich selbst ein verschmitztes Denkmal gesetzt. Man kann diesem Autor nicht nachsagen, dass ihm der Blick aufs große Ganze fehlt. Aber wenn er so ergriffen und konsequent die Brücke schlägt vom ersten Sternenhaufen oder Landwirbeltier hin zu sich selbst, dann darf man ihm doch einen gelinden Größenwahn bescheinigen.

Der Leser bleibt zuletzt etwas ratlos zurück. Aus den beiden so ungleichen Hälften ein Ganzes zu machen, ist ihm selbst überlassen. Der Reim, den er sich schließlich darauf macht, könnte ungefähr so aussehen: Es ist keine Einzelheit so nichtssagend, unscheinbar und hässlich, dass sie nicht doch als notwendiger Bestandteil des Kosmos Anspruch auf Würde und Interesse erheben darf. Aber das wäre nun wieder eine recht banale Einsicht – denn beruht auf ihr nicht stillschweigend überhaupt die Kunst des Romans?"

Eugen Ruge: Follower.
Roman. Rowohlt, Reinbek 2016, 320 S., 22,95 €