Der Prevert ist verschwunden, aber Laurence Gras, eine Marktfrau aus dem bretonischen Städtchen Fougères, erinnert sich noch an ihn: "Ein Weichkäse war das, kraftvoll, sehr geschmacksintensiv, doch zart auf der Zunge." Sie verkaufe noch an die 150 Käsesorten, sagt Madame Gras, man erkennt die Fülle an ihrem Stand, den sie auf dem Marktplatz von Fougères aufgebaut hat. Aber Gras denkt im Moment an all die Sorten, die sie jetzt nicht verkaufen kann: "Viele einzigartige Rohmilchkäse wie den Prevert gibt es nicht mehr."

Durch den Verlust des Käses haben die Bürger der Stadt gemerkt, dass ihren lokalen Spezialitäten etwas verloren ging. Die Molkerei Nazard, die in Fougères den Prevert hergestellt hat, schloss schon vor mehr als zehn Jahren. Aber noch heute schreibt die angesehene Regionalzeitung Ouest-France über die Schließung: "Es war ein Erdbeben."

Dann traf es das Fleisch. Dabei hatte die Bretagne zunächst einen Schweine- und Schlachthof-Boom erlebt, der Großschlachter Kermené belieferte in den 1990er Jahren mit seinen mehr als 3.000 Angestellten die Leclerc-Supermärkte in ganz Frankreich. Mancher Bretone sah die Region schon zur Agrarmacht aufsteigen. Doch die EU-Osterweiterung und mit ihr der Aufstieg einer neuen Fleischindustrie in Deutschland und Dänemark, die auf billige Arbeitskräfte aus Osteuropa zurückgreifen konnte, setzte dem Aufschwung der Fleischer in der Bretagne ein Ende. Viele Betriebe mussten schließen. Als späte Folge dieser Entwicklung hat vor einigen Monaten sogar der Viehmarkt von Fougères schließen müssen. "Und den gab es seit dem Mittelalter", erzählt die Fleischerin Josette Couturier. Die 45-Jährige im schwarzen Hosenanzug hat ihren Hühnchen- und Bratenstand direkt an der barocken Saint-Léonard-Kirche aufgebaut. "Alle Alten bleiben, aber die Jungen kommen nicht mehr. Sie ziehen in die Großstadt und essen Burger und Kebab. Daran werden wir sterben", sagt Couturier über ihre Kundschaft hinweg.

In Frankreich zählen jahrhundertealte, raffinierte Fleisch- und Käsetraditionen mehr als anderswo. Sie prägen das Bewusstsein, die Identität jeder Region. Vom Viehmarkt über den Schlachthof zum Fleischer und ins Restaurant: Die Bürger von Fougères wussten lange Zeit, wessen Rind oder Schwein sie aßen. "Heute ist das Fleisch europäischer oder französischer Herkunft, Genaueres weiß man nicht", sagt selbst Couturier.

Für den Niedergang der französischen Provinz gibt es einen Begriff: "Verwüstung". Fragt man Franzosen nach diesem von Soziologen geprägten Wort, erzählen sie vom Verlust: Bäckereien, Postämter und Apotheken auf dem Land sterben, das Ende von Industriebetrieben und lokalen Lebensmittelproduzenten ist da. Früher war die gepflegte Provinz mit ihrem Savoir-vivre der Stolz der Franzosen. Dort, mitten in der Pampa, gab es Familienrestaurants, die in Paris drei Sterne geholt hätten. Heute ist ein Großteil der französischen Provinz heruntergekommen, menschenleer und rückwärtsgewandt. Frankreichs Norden, Lothringen, der Burgund und die Weiten des Zentralmassivs sind Krisenregionen – sie sind das "Periphere Frankreich", so ein viel beachteter Buchtitel des Geografen Christophe Guilluy. Sogar die Bretagne, Urlaubsziel vieler Deutscher, gehört inzwischen dazu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

"Ich erlebe die Verwüstung jeden Tag rund um mich herum. Schließt wieder eine Bäckerei, folgt der kleine Supermarkt von nebenan. In vielen Dörfern der Umgebung fährt man für ein Baguette schon zehn Kilometer", berichtet die Ziegenbäuerin Caroline Loysance, die in Fougères auf dem Markt selbst gemachten Ziegenkäse verkauft. Loysance ist in Fougères die große Ausnahme: eine Jung-Landwirtin von 37 Jahren, die ihr eigenes Unternehmen aufgebaut hat und sagt: "Man muss kämpfen – für unsere Art zu leben."

Die Gewinnerin im Kampf ist derzeit aber nicht die Ziegenbäuerin, es ist die 44-jährige Juwelierin Virginie D’Orsanne, die vor zwei Jahren für den rechtsextremistischen Front National mit 18 Prozent der Stimmen in den Stadtrat eingezogen ist: "Die Bretagne war für unsere Partei lange Zeit ein unzugängliches Territorium. Heute befinden wir uns in einer unglaublichen Dynamik mit zweistelligen Zuwächsen bei jeder Wahl", sagt sie. Längst hat ihre Partei das Schlagwort von der Verwüstung zum politischen Kampfbegriff gemacht. Parteichefin Marine Le Pen erwähnt es in Reden. Und ihre lokalen Vertreter wie D’Orsanne in Fougères sind vor Ort die besten Kenner der Materie. Jedes geschlossene Lokal, jeder geschlossene Laden ist ein weiteres Argument für den Front National.

Auf dem Markt von Fougères, das seit 33 Jahren von einem sozialistischen Bürgermeister regiert wird, grämen sich viele. "Puh, Le Pen! Das macht Angst", sagt die Ziegenhirtin Loysance. "Lasst uns lieber vom Käse reden", wechselt Käsefrau Gras das Thema. Doch niemand streitet es ab: Die Rechtsextremen bekommen die Provinz zunehmend in den Griff.