Wenn am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf die Koppel im thüringischen Oberlemnitz fallen, ist die Welt noch in Ordnung für die kleine Paso-Fino-Herde. Die fuchsfarbenen Pferde kennen sich seit Jahren, manche sind sogar miteinander verwandt. Doch wenn eine fremde weiße Stute die Weide betritt, ist es schnell vorbei mit der Ruhe. "Ist ein Neuankömmling nicht braun, wird er von unseren Tieren ziemlich gemobbt", berichtet der Besitzer Steffen Goll. Schon oft hat er überlegt, ob seine Pferde vielleicht ein bisschen fremdenfeindlich sind. Denn mit braun gefärbten Neulingen haben sie kein Problem.

Ist der Mensch also womöglich nicht allein mit seiner irrationalen Furcht vor dem, was er selbst nicht ist? Xenophobie heißt diese Angst vor fremden Individuen derselben Art, die in heftige Aggression umschlagen kann. Tatsächlich beobachten Forscher auch bei verschiedenen Tieren immer wieder Verhaltensweisen, die xenophob erscheinen.

Einer von ihnen ist Bert Hölldobler, der bekannte Ameisenforscher. Ameisen begegnen häufig Artgenossen aus anderen Kolonien. Dass es sich nicht um Mitglieder des eigenen Volkes handelt, erkennen sie am Geruch. Stimmt der nicht mit dem eigenen überein, ist das Gegenüber ein Fremder – und damit ein Feind. "Das Erkennen des Gruppen-Selbst ist nicht angeboren, sondern wird in den ersten acht bis zehn Tagen nach dem Schlüpfen gelernt. In dieser Zeit nehmen die Ameisen den Duft ihrer Kolonie an", erklärt Hölldobler.

Besonders spannend wird die Unterscheidung von vertraut und fremd im Falle des sogenannten Sozialparasitismus. Dabei werden Ameisen im Puppenstadium aus einer anderen Gruppe entführt, um sie später als zukünftige Arbeiterinnen für die eigene Kolonie arbeiten zu lassen. Schlüpfen diese Puppen dann in der neuen Gemeinde, übernehmen sie den Geruch und gehen sogar gegen ihre eigenen genetischen Verwandten vor.

Gerade bei den hoch entwickelten Arten wie den Blattschneideameisen, deren Gesellschaften leicht Millionen von Individuen umfassen können, findet sich die Aggression gegenüber Fremden in ihrer stärksten Form. Denn je mehr Futter oder Platz die Kolonien brauchen, um fruchtbare Geschlechtstiere zu produzieren und zu versorgen, desto größer ist die Konkurrenz unter ihnen.

Doch Xenophobie ist etwas anderes als reines Territorial- oder Dominanzgebaren: Sie ist ein spezielles Konkurrenzverhalten, das nur bei sozialen Lebewesen vorkommt. Wenn der starke Zusammenhalt innerhalb einer festen sozialen Gruppe überlebenswichtig ist, werden gruppenfremde Artgenossen ausgegrenzt oder attackiert. Und während der Konkurrenzkampf um Territorium oder Status eher ritualisiert und deshalb meist gewaltarm abläuft, äußert sich Xenophobie häufiger brutal und rücksichtslos, der Tod des Gegners wird in Kauf genommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Bei Ameisen kommt es deshalb häufig zu erbarmungslosen Kämpfen, bei denen benachbarte Staaten Hunderte Arbeiterinnen in den Tod schicken, sagt Hölldobler: "Man sieht dann oft Tiere, die an der Taille noch den festgebissenen Kopf einer getöteten Gegnerin tragen." In den Kampfmodus schalten Ameisen automatisch, sobald sie den Geruch des Fremden wahrnehmen. "Bei Ameisen gibt es niemals eine Gewöhnung an Fremde."

Doch nicht alle hochsozialen Tieren lehnen automatisch jeden Unbekannten ab, meiden oder attackieren ihn gar. Viele Faktoren können das fremdenfeindliche Verhalten beeinflussen, vom Geschlecht der Tiere bis hin zum Wetter. Dass ein simpler Regenguss das Feld für Fremdenfeindlichkeit bereiten kann, zeigt sich bei den Nacktmullen. Die ostafrikanischen Nagetiere leben in komplexen Gruppen, die aus einer fruchtbaren Königin, einigen Männchen, deren gemeinsamen Nachkommen und einer Schar Arbeiterinnen bestehen. Als einzige Kaltblüter unter den Säugetieren kuscheln sich die Mitglieder einer Kolonie in ihrem unterirdischen Bau eng aneinander, um ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Durch diesen engen Körperkontakt entsteht ein spezieller Duftcocktail, der für jede Gruppe einzigartig ist und an dem sich die Tiere erkennen.