Ganz unten an der Südspitze Afrikas kann sich, wer mag, ein paar Minuten Nervenkitzel kaufen. Man lässt sich hinausfahren aufs Meer, steigt vom Boot in einen Käfig und sinkt hinunter ins Wasser. Um einen herum laufen die Farben ineinander, Weiß zu Grün zu Blau zu Dunkelblau, unter einem, schwarz, ist nur bodenlose Tiefe. Man hört keinen Ton, es ist vollkommen still, und auf einmal, noch in der Ferne, erscheint ein Umriss im Wasser, wie erste Schemen eines Fotos in der Entwicklerflüssigkeit. Der Umriss gewinnt an Kontur, wird zu einem Körper, einem riesigen Körper, drei, vielleicht vier Meter lang, der wie eine Klinge durch das Wasser schneidet, genau auf den Käfig zu.

Der Hai hat das Maul leicht geöffnet, wie Kristalle hängen die Zähne darin. Der Blick aus schwarzen Augen scheinbar leblos, so schaut er im Vorbeischwimmen auf die acht Menschlein im Käfig. Ein Tier, das in der Natur ohne Feind ist. Ein Tier, das den Tod verteilt.

Der Mensch hat sich die Erde untertan gemacht. Das Wasser aber hat er nie bezwungen. Das Meer, groß und tief und endlos bis zum Horizont, bleibt mächtiger als wir. Ein Mensch, allein im Wasser, überlebt nur Stunden, selbst wenn er schwimmen kann, vielleicht Tage, danach ist er tot, ertrunken. Das Meer ist die rohe Natur, eine fremde Welt.

Das Reich der Haie.

Der Hai ist stark, wo der Mensch schwach ist. Vielleicht ist das der Grund, dass der Mensch vor kaum einem Tier so viel Angst hat.

Der Hai ertrinkt nicht, er sieht, wo der Mensch blind ist, er atmet, wo menschliche Lungen nach Luft schreien und keine kriegen. Er ist stark, wo der Mensch schwach ist. Vielleicht ist das der Grund, dass der Mensch vor kaum einem Tier so viel Angst hat wie vor dem Hai. Um ihn wird es in dieser Geschichte gehen. Es ist eine Geschichte über das Fressen und das Sterben, aber, das wird sich zeigen, es ist nicht immer der Hai, der frisst, und nicht immer der Mensch, der stirbt. Die Geschichte führt an die Ostküste der USA und nach Taiwan, aber sie beginnt in Still Bay, einem Städtchen an einer lang gezogenen Bucht in Südafrika.

Es gibt Tage, an denen die Bucht selbst zu leuchten scheint, in einem gleißenden Azur. Von der See kommt dieser frische, saubere Geruch, und das Wasser ist fast durchsichtig, zehn, fünfzehn Meter tief kann man schauen. Der 25. Oktober 2015 ist so ein Tag, und natürlich ist Stuart Anderson in seinen Wagen gestiegen und hierher gefahren, zu den Wellen, die sich vor ihm gegen die Felsen werfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Anderson ist mit dem Meer aufgewachsen, schon als Kind ist er gesurft. Andere Männer kaufen sich in der Midlife-Crisis ein neues Auto, Anderson kauft sich in seinem 43. Lebensjahr ein Channel-Island-Surfbrett, Modell "Black Beauty", eine Kopie des legendären Boards von Tom Curren, keinen Surfer hat Anderson in seiner Jugend mehr verehrt als den Amerikaner Curren. Und jetzt, an diesem 25. Oktober, hat Anderson, der ein Fensterbau-Unternehmen betreibt, schon gegen ein Uhr mittags frei und zum ersten Mal das neue Brett unterm Arm. Er klettert über die Felsen ans Wasser, steigt hinein und paddelt auf dieser Kinderfantasie an den sogenannten Take-off-Point, wo die Wellen genug Kraft haben, um ihn fortzutragen.

Zwanzig Surfer, schätzt er heute, sind an diesem Tag im Wasser, die üblichen Verdächtigen, man kennt sich in Still Bay, da ist auch Matthew, sein älterer Bruder. Irgendwann gegen zwei steigt Matthew aus dem Meer, Stuart aber bleibt noch, bald sind nur noch er und drei andere im Wasser, der Parkplatz an der Küste leert sich.

Um kurz vor drei Uhr paddelt Stuart Anderson noch einmal zum Take-off-Point, eine Welle noch, sagt er sich, eine letzte. Er hat die Arme im Wasser, die Augen nach vorne gerichtet, zu seiner Rechten liegen in etwa fünfzig Meter Entfernung die Felsen und die Küste, und aus dieser Richtung wird er plötzlich von einem Boot überfahren.

Anderson denkt: Shit. Das war kein Boot. Das ist ein Hai.

Der Schlag ist gewaltig, er kommt aus dem Nichts, trifft sein rechtes Bein auf Höhe des Oberschenkels und wirft sein Brett um. Anderson ist jetzt unter Wasser, Blubbern, Rauschen, orientierungslos, halt dein Brett fest, denkt er, und schafft das irgendwie auch, und er denkt, wo kam dieses Boot her, und dann wird er plötzlich durchgeschüttelt wie eine Puppe, irgendwas hat ihn am Bein gepackt und schleudert ihn wie rasend hin und her. Der Augenblick dehnt sich in seinem Geist aus wie eine Zimmerflucht, die immer länger wird, die Zeit aufgebrochen in endlos feine Einheiten, eine Flügeltür nach der anderen geht vor ihm auf, alles Zeitlupe, und Anderson denkt: Shit.

Das war kein Boot. Das ist ein Hai.

Fast ein Jahr nach dem Angriff, Ende Juli 2016, liegt der südafrikanische Winter über dem schlafenden Städtchen, die Touristen und Urlauber aus Kapstadt sind fort. Stuart Anderson sitzt in der Zentrale des National Sea Rescue Institute von Still Bay, durch die Jalousien sieht man die See, aufgeraut und dunkel, und er erzählt von dem Tag, an dem der Hai ihn anfiel.

Es war ein Weißer Hai, so viel weiß man, wahrscheinlich ein Weibchen, vier Meter lang, man sah das an den Bissspuren in Andersons Brett. Die Weibchen werden größer als die Männchen, bis zu sechs Meter lang, so lang wie ein Wohnzimmer. Der Angriff auf Anderson kam ohne Vorwarnung, aus der Tiefe, wie alle Jäger liebt auch der Hai die Überraschung. Das Tier ist getarnt, der Rücken grau: von oben schwer zu sehen gegen den Grund des Meeres, der Bauch weiß: von unten schwer zu sehen gegen die Helligkeit des Himmels.