Er ist wieder da, der beste Satiriker, den Deutschland momentan zu bieten hat. Ein Beispiel? "Wir haben jetzt endlich mehr Frauen in der Redaktion als Männer. Damit gehen wir nicht hausieren, wir machen es einfach. Also sorgen Sie sich nicht, Sie geilen Fotzen da draußen, die Sendung ist jetzt weniger sexistisch." Nach diesem doppelten performativen Selbstwiderspruch setzt Böhmermann sein Oh, no! He didn’t?! -Gesicht auf.

Nach der ersten Sendung der neuen Staffel wurde er in der Süddeutschen Zeitung als "kalter Zyniker" verstanden, "keine Agenda, kein Herz". Doch wer ihn in solchen Momenten "einfach nicht witzig" findet, wie oft zu hören war, versteht den doppelten Twist der Pointen nicht, die erst antäuschen und sich dann noch mal drehen. Der spürt nicht, wie vulgär tatsächliche Misogynie ist und wie humorlos wiederum das Moralisieren darüber: Dass beides unoriginell ist, ist das Set-up für seine Satire.

Denn darum geht es eigentlich immer: Böhmermann führt echte Transgressionen wie Sexismus oder Rassismus in ihrer Aggressivität vor – um dann auch noch die humorlosen Empörungsreflexe ihrer Kritiker zu parodieren. Besser als Böhmermann und seine bildundtonfabrik kriegt das gerade niemand hin. Angefangen vom unsäglich anbiedernden Flüchtlingschor im ZDF bis zur Flüchtlingshetze im Internet inklusive sämtlicher Sprachklischees und Tippverdreher: Böhmermann bespielt so gut wie jedes Medium und parodiert dessen spezielle Dümmlichkeiten. Die wütenden Tweets von Erika Steinbach stellt er genauso genussvoll aus wie Kai Diekmanns peinliche Petzerei an die israelische Zeitung Ha’aretz, Böhmermann habe Hitler dargestellt. Selbstverständlich darf man tote Diktatoren lächerlich machen. Wen denn sonst?

Parodiert wird in immer neuen Varianten die oberflächliche Empörung, die sich an gelernten Codes stört, aber die üblichen fiesen Denkgemeinheiten durchgehen lässt. Vorgeführt werden auch die spießigen Unmutsäußerungen der Rapper, die als Reaktion auf seine legendäre Anti-Rapper-Nummer als "Pol1z1stens0hn" in Interviews jammern, der "Dönermann" sei doch gar "nicht street". Worauf Böhmermann mit einem neuen Rapsong kontert. Er blendet den Rapper Haftbefehl ein, der über ihn sagt: "Ich find den Typen halt einfach nicht lustig. Wenn man so ’ne große Fresse hat, dann wird man halt auch irgendwann mal gefickt." Böhmermann beginnt: "Da isser wieder, Digga. Triggert dich wieder, Digga. Klatsch, klatsch für Pol1z1stens0hn. Und das Telefon glüht in der Programmdirektion."

Er mache halt seinen Job, sagt Böhmermann. Nachdem ihn Erdoğan für ein Gedicht einsperren lassen wollte, kommt Böhmermann mit einer Verteidigung in Gestalt eines Rap-Songs zurück, um seinen Job mal grundsätzlich satirisch zu erklären. "Im Haus rufen sie wieder beim Justi an: ›Darf der Spast das? Muss das sein?‹ Ich sage: Offensichtlich schon!"

Als Sohn eines Polizisten habe er mitbekommen, so Böhmermann in einem Interview, wie sein Vater bei Demonstrationen sowohl von links wie von rechts eins "auf die Fresse" bekommen habe und trotzdem dafür gesorgt habe, dass die NPD Versammlungsfreiheit genießen darf, weil das genau der Witz von Demokratie sei. In diesem Sinn ist auch der Sohn ein Volldemokrat. Dass das bei Böhmermann nicht bieder und larmoyant ausfällt, ist eine künstlerische Leistung. Wer Intellektualität als die Fähigkeit wertschätzt, die Wirklichkeit gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven zu interpretieren, der darf Böhmermann bei der Arbeit zusehen und sich freuen.

Er sei ein schwieriger Angestellter für das ZDF, räumt Böhmermann gern ein. Und es sei eine Leistung, dass das ZDF neben Helene Fischer, die an Stahlseilen ins Abendprogramm herabschwebt, auch noch "Spartenclowns" wie ihn aushalte. Aber auch diese brave Reverenz an den eigenen Chef wird natürlich wieder ironisiert, denn seine Sendung eröffnet mit folgendem, vermutlich gefaktem Zitat: "›Ach du Scheiße, es geht wieder los.‹ – Norbert Himmler, ZDF-Programmdirektor."