Ich glaube, sie heißt Wafa. Ich habe versucht, ihre Unterschrift auf meinem "Antrag auf Befreiung von Gebühren für die Erteilung einer Arbeitsgenehmigung" zu entziffern, und, ja, ich ich bin mir fast sicher: Sie heißt Wafa. Ohne Wafa wäre ich verrückt geworden. Aber dank ihrer habe ich heute meine auf eine kleine, blaue Plastikkarte gedruckte Arbeitserlaubnis erhalten. Und dank Wafa werde ich morgen – inschallah, so Gott will – den Stempel für meine Aufenthaltsgenehmigung in den Reisepass bekommen.

Seit dem 1. August arbeite ich für die ZEIT von Jordaniens Hauptstadt Amman aus. Praktisch jeden Vormittag habe ich seither in einem Ministerium, einem Amt oder einer Polizeistation verbracht. Manche öffnen um 8 Uhr, andere um 9, wieder andere um 10 Uhr, das ist nirgendwo angeschlagen – und auch nicht, wann sie schließen, irgendwie weiß es trotzdem jeder. Außer mir.

Die Polizeistation im Stadtbezirk Dschabal Hussein etwa, die für mich zuständig ist, schließt ihr Büro für Ausländerangelegenheiten um 13 Uhr. Das wusste ich nicht, als ich um 13.10 Uhr pochte.

Das war vor zwei Wochen. Unmittelbar zuvor war ich im Innenministerium gewesen, meiner Aufenthaltsgenehmigung wegen, von der ich nach telefonischer Auskunft immerhin wusste, dass sie bewilligt worden war. In einem bahnhofshallenartigen Saal wartete ich vor einem der 36 Schalter. Obwohl es Wartemarken gibt, sind die Zahlen darauf fiktiv: Es scheint eine goldene Regel zu geben, dass ältere Frauen keine Marke zu ziehen brauchen; sie dürfen sich vordrängeln. Ich hatte erwartet, ich könnte die Aufenthaltsgenehmigung im Ministerium "abholen". Stattdessen bekam ich eine Bestätigung über deren Bewilligung. Aber ausgestellt würde sie in besagter Polizeistation, bei der ich zehn Minuten zu spät ankam. Dort stellte sich aber dann heraus, dass meine Verspätung egal war – einer der Polizisten erklärte mir, warum es an diesem Tag eh nichts mehr geworden wäre: "Der Bluttest fehlt! Den musst du bei der Außenstelle des Gesundheitsministeriums machen. Und diese drei Anträge" – er griff in seine Schublade – "musst du auch ausfüllen. Beziehungsweise diesen hier dein Vermieter, ist ja klar." Ach so, und Passfotos hatte ich auch nicht dabei.

Beim Faktor Rechtsstaatlichkeit landet Jordanien auf Platz 44 von 128 Staaten

Diese Auskunft brachte meinen Zeitplan erstmals in Gefahr. An meiner Aufenthaltsgenehmigung hängt viel; unter anderem die Aufenthaltsgenehmigung für meine Frau und meine Kinder. Meine Kinder können ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Schule besuchen. Schulbeginn: in zwei Wochen.

Die Außenstelle des Gesundheitsministeriums ist ein mehrstöckiges, ziemlich heruntergekommenes Betongebäude an einer viel befahrenen Straße. Eine richtige Adresse gibt es nicht, aber je näher man kommt, desto mehr Leute glauben zu wissen, wo es ist, wenn man sie fragt. Irgendwann finde ich das Gebäude. Ich erkenne es an der Menschenansammlung davor: alles Leute mit Formularen in der Hand. Es ist heiß und gibt kaum Schatten. Auch im Inneren, auf den Treppen, in den Gängen, drängen sich die Menschen, es sind vor allem Pakistaner und Bangladescher, alles Gastarbeiter. Und alle wollen ihren Bluttest machen. Ich stelle mich an. Ein paar Leute in der Schlange sind Jordanier. Sie haben nicht ein Formular in der Hand, sondern gleich ein Dutzend. Und ein Dutzend Pässe. Solche Leute begegnen mir immer wieder. Es dauert eine Weile, bis ich kapiere: Man kann diesen Behördenirrsinn anscheinend outsourcen. Was das wohl kosten mag?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Irgendwann erfahre ich, durch Nachrichten aus dem Flurfunk: Man braucht eine Kopie des Reisepasses für den Bluttest. Ich habe zufällig eine dabei, was mich wenig später in der Schlange ein langes Stück vorwärts katapultiert, als bei dem Mann, der auf der Straße für 50 Cent Kopien anfertigt, der Strom ausfällt. Als ich beim Bluttest ankomme, bezahle ich 40 Dinar, werde in den Arm gepikst, Wattebäuschen, "auf Wiedersehen". Das Resultat kann ich einen Tag später abholen: Ich bin offiziell "frei von allen Krankheiten", sagt der Stempel. Wegen des Staus ist es aber auch an diesem Tag zu spät für weitere Termine. Abends lese ich in der Zeitung, dass Jordanien bei einer Untersuchung des Global Innovation Index auf Platz 82 von 128 untersuchten Staaten gelandet ist; die Schweiz belegt Platz eins, Deutschland Platz zehn. Immerhin: Beim Faktor Rechtsstaatlichkeit steht Jordanien auf dem respektablen 44. Platz.